Sophie und Arne: Die Blockade

Dialog · 2 Personen · Gegenwart · Alltagssprache

Sophie und Arne: Du hast mir mal das Fahrradfahren ohne Hände beigebracht. Jetzt bring mir das Aufstehen bei.

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Dauer
ca. 6 Mingeschätzt, 755 Wörter
Umfang
755 WörterArne · Sophie
Figuren
weiblich + männlich
Spielalter
ca. 22–26redaktionelle Einschätzung
Tonlage
aufgebrachtleidenschaftlich
Sprache
Alltagssprache

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Inhalt
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(Eine Kreuzung. Asphalt, eine weiße Haltelinie. Sophie, vierundzwanzig, sitzt im Schneidersitz, die rechte Hand flach auf dem Boden, eine orangefarbene Warnweste über der Pflegerjacke. Arne, vierundzwanzig, in Uniform, kniet sich neben sie, eine Flasche Öl und einen Spatel in der Hand. Er erkennt sie und hält inne.)

Arne

Sophie.

Stichwort: „Sophie.“

Sophie

Nein. Nein, nein. Die sollen mir einen anderen schicken.

Stichwort: „… Die sollen mir einen anderen schicken.“

Arne

Es gibt keinen anderen. Die anderen sind bei den anderen. (Er stellt die Flasche ab.) Rechte Hand?

Stichwort: „… sind bei den anderen. Rechte Hand?“

Sophie

Du weißt, dass ich Linkshänderin bin.

Stichwort: „Du weißt, dass ich Linkshänderin bin.“

Arne

Darum die rechte. Ich weiß.

Stichwort: „Darum die rechte. Ich weiß.“

(Er beginnt, Öl um ihre Finger zu träufeln. Hupen von hinten.)

Arne

Ich muss dir das sagen, auch wenn du es weißt. Das hier ist eine Versammlung, die aufgelöst wurde. Wenn du nicht freiwillig gehst, lösen wir dich vom Boden und tragen dich weg. Du bekommst eine Anzeige wegen Nötigung. Hast du das verstanden?

Stichwort: „… wegen Nötigung. Hast du das verstanden?“

Sophie

Hast du das auswendig gelernt?

Stichwort: „Hast du das auswendig gelernt?“

Arne

Hast du verstanden?

Stichwort: „Hast du verstanden?“

Sophie

Ja, Herr Polizeimeister.

Stichwort: „Ja, Herr Polizeimeister.“

Arne

Kommissar. Ich hab Kommissar gemacht.

Stichwort: „Kommissar. Ich hab Kommissar gemacht.“

Sophie

(Lacht, ohne es zu wollen.) Natürlich hast du Kommissar gemacht. Du hast im Mathe-Abi auch die Zusatzaufgabe gemacht. Freiwillig.

Stichwort: „… Mathe-Abi auch die Zusatzaufgabe gemacht. Freiwillig.“

Arne

Das Öl muss jetzt fünf Minuten einwirken. Sonst reiß ich dir die Haut ab.

Stichwort: „… reiß ich dir die Haut ab.“

Sophie

Fünf Minuten. Dann müssen wir uns ja unterhalten.

Stichwort: „… Dann müssen wir uns ja unterhalten.“

(Pause. Er bleibt neben ihr knien. Ein Mann ruft etwas aus einem Auto.)

Arne

Der da drüben muss zur Arbeit. Die Frau im roten Polo bringt ihr Kind zur Kita. Die stehen seit einer Stunde hier. Die haben dir nichts getan.

Stichwort: „… hier. Die haben dir nichts getan.“

Sophie

Ich weiß.

Stichwort: „Ich weiß.“

Arne

Warum dann die? Warum nicht das Ministerium? Warum nicht irgendein Konzern?

Stichwort: „… das Ministerium? Warum nicht irgendein Konzern?“

Sophie

Weil man das Ministerium nicht anhalten kann. Das läuft einfach weiter. Mit oder ohne uns. (Pause.) Ich will die Frau im Polo nicht ärgern. Ich will, dass sie eine Stunde lang über etwas nachdenkt, worüber sie sonst nie nachdenkt. Und wenn sie mich dafür hasst, dann hasst sie wenigstens nicht das Thema.

Stichwort: „… hasst sie wenigstens nicht das Thema.“

Arne

Die hasst das Thema jetzt auch.

Stichwort: „Die hasst das Thema jetzt auch.“

Sophie

Vielleicht. (Leise.) Kann sein, dass du recht hast. Ich bin nicht sicher, ob das hier richtig ist, Arne. Ich bin nur sicher, dass das andere falsch ist.

Stichwort: „… sicher, dass das andere falsch ist.“

(Funk an Arnes Schulter. Er dreht ihn leiser.)

Arne

Du kommst direkt aus der Nachtschicht.

Stichwort: „Du kommst direkt aus der Nachtschicht.“

Sophie

Sieht man das?

Stichwort: „Sieht man das?“

Arne

Du riechst nach Desinfektionsmittel. Und du hast die Jacke noch an.

Stichwort: „… du hast die Jacke noch an.“

Sophie

(Pause.) Ich hatte heute Nacht einen Mann, siebenundachtzig. Der ist im August in seiner Dachwohnung umgekippt, weil es neununddreißig Grad hatte und er sich nicht getraut hat, das Fenster aufzumachen, wegen der Einbrecher. Seitdem liegt er bei uns. Er hat mich heute Nacht um drei gefragt, ob es draußen schon wieder Sommer ist. Er hat Angst vor dem Sommer, Arne. Er ist siebenundachtzig und hat zum ersten Mal in seinem Leben Angst vor dem Sommer.

Stichwort: „… seinem Leben Angst vor dem Sommer.“

Arne

(Er prüft die Hand mit dem Spatel, vorsichtig.) Noch nicht.

Stichwort: „Noch nicht.“

Sophie

Und dann geh ich morgens raus und les, dass sie den Ausbau der Straßenbahn schon wieder verschoben haben. Und irgendwas in mir sagt: Setz dich hin. Einfach hinsetzen. Mitten in den Weg. Damit es einer merkt.

Stichwort: „… den Weg. Damit es einer merkt.“

Arne

Ich merk es. Ich merk es jeden Montag. Weißt du, wie viele Hände ich schon vom Asphalt gelöst hab? Zweiundvierzig. Ich zähl mit. Ich kenn die Namen nicht. Nur die Hände. (Pause.) Deine kenn ich.

Stichwort: „… Nur die Hände. Deine kenn ich.“

(Sie sieht ihn an. Er sieht auf die Hand.)

Sophie

Warum bist du eigentlich Polizist geworden? Du wolltest doch Förster werden.

Stichwort: „… geworden? Du wolltest doch Förster werden.“

Arne

Förster. Das war mit sechzehn.

Stichwort: „Förster. Das war mit sechzehn.“

Sophie

Mit siebzehn. Du hast mir im Stadtwald alle Bäume erklärt. Ich hab kein Wort behalten. Nur die Buche. Weil du gesagt hast, die Buche ist die Mutter des Waldes.

Stichwort: „… Buche ist die Mutter des Waldes.“

Arne

(Leise.) Mein Vater ist zusammengeschlagen worden, im Winter nach dem Abi. An der Bushaltestelle. Die Polizistin, die zu uns nach Hause kam, war die Einzige, die sich mit ihm an den Küchentisch gesetzt hat. Die war ruhig. Die hat gesagt: Wir kümmern uns. Und sie hat sich gekümmert. (Pause.) Ich wollte so jemand sein. Einer, der kommt, wenn es schlimm ist.

Stichwort: „… der kommt, wenn es schlimm ist.“

Sophie

Und jetzt kommst du, wenn ich auf der Straße sitze.

Stichwort: „… wenn ich auf der Straße sitze.“

Arne

Ja. Das hab ich mir anders vorgestellt.

Stichwort: „… Das hab ich mir anders vorgestellt.“

Sophie

Ich auch.

Stichwort: „Ich auch.“

Sophie

(Pause.) Wir wollten nach dem Abi Interrail machen. Lissabon. Weißt du noch?

Stichwort: „… Interrail machen. Lissabon. Weißt du noch?“

Arne

Du hattest die Route schon aufgemalt. Mit Textmarker.

Stichwort: „… die Route schon aufgemalt. Mit Textmarker.“

Sophie

Und dann ist das mit deinem Vater passiert, und du bist nicht mitgekommen. Ich bin allein gefahren. Ich hab dir aus jeder Stadt eine Postkarte geschrieben und keine abgeschickt.

Stichwort: „… eine Postkarte geschrieben und keine abgeschickt.“

Arne

Warum nicht?

Stichwort: „Warum nicht?“

Sophie

Weil ich geahnt hab, dass du nicht Förster wirst. Du hattest damals schon so einen Blick, als müsstest du auf alle aufpassen.

Stichwort: „… als müsstest du auf alle aufpassen.“

Arne

Hörst du auf damit? Mit dem hier?

Stichwort: „… du auf damit? Mit dem hier?“

Sophie

Wenn die Straßenbahn kommt. (Pause.) Nein. Weiß ich nicht. Frag mich, wenn ich ausgeschlafen hab.

Stichwort: „… Frag mich, wenn ich ausgeschlafen hab.“

(Hupen. Jemand schreit „Endlich!“. Arne setzt den Spatel an.)

Arne

Jetzt. Halt still. Nicht ziehen. Ich mach das.

Stichwort: „… still. Nicht ziehen. Ich mach das.“

(Er löst langsam die Finger, einen nach dem anderen. Sophie atmet scharf ein.)

Arne

Tut es weh?

Stichwort: „Tut es weh?“

Sophie

Nein. Doch. Ein bisschen.

Stichwort: „Nein. Doch. Ein bisschen.“

Arne

Daumen noch. (Er arbeitet. Die Hand ist frei. Er hält sie einen Moment in seiner, dann lässt er sie los.) So.

Stichwort: „Daumen noch. So.“

Sophie

(Sie betrachtet ihre Hand, die glänzt vom Öl.) Die riecht jetzt nach Salat.

Stichwort: „Die riecht jetzt nach Salat.“

Arne

Sonnenblumenöl. Das schonendste.

Stichwort: „Sonnenblumenöl. Das schonendste.“

Sophie

Du bist so ein Streber.

Stichwort: „Du bist so ein Streber.“

Arne

Steh auf, Sophie. Bitte. Dann muss ich dich nicht tragen.

Stichwort: „… Dann muss ich dich nicht tragen.“

Sophie

(Sie bleibt sitzen.) Du hast mir mal das Fahrradfahren ohne Hände beigebracht. Jetzt bring mir das Aufstehen bei.

Stichwort: „… Jetzt bring mir das Aufstehen bei.“

Arne

(Pause. Er steht auf und reicht ihr die Hand.) Linke Hand. Die hält besser.

Stichwort: „Linke Hand. Die hält besser.“

Sophie

(Sie nimmt sie und steht auf.) Und dann? Wagen, Personalien, Anzeige?

Stichwort: „Und dann? Wagen, Personalien, Anzeige?“

Arne

Wagen, Personalien, Anzeige. (Pause.) Und im Wagen ist eine Thermoskanne. Mit Kaffee. Du siehst aus, als hättest du seit gestern nichts getrunken.

Stichwort: „… hättest du seit gestern nichts getrunken.“

Sophie

Darfst du mir das anbieten?

Stichwort: „Darfst du mir das anbieten?“

Arne geht neben ihr her zum Wagen

Steht nirgends, dass ich es nicht darf.

Stichwort: „… nirgends, dass ich es nicht darf.“

Sophie

Arne. Die Buche. Stimmt das eigentlich? Mutter des Waldes?

Stichwort: „… Stimmt das eigentlich? Mutter des Waldes?“

Arne

Das sagen die Förster.

Stichwort: „Das sagen die Förster.“

Sophie

Dann sag es ihnen von mir. Die Mutter hat Fieber.

Stichwort: „… von mir. Die Mutter hat Fieber.“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene

Spielhinweise

  • Keiner der beiden ist im Unrecht, und keiner ist eine Karikatur. Sophie handelt aus Überzeugung, Arne aus Pflicht und mit eigenen Zweifeln. Dieser Konflikt trägt die Szene, nicht ein Sieg.
  • Arne arbeitet die ganze Zeit an Sophies Hand: Öl auftragen, warten, vorsichtig mit dem Spatel lösen. Dieser Vorgang erzwingt Nähe. Beide sitzen sehr dicht beieinander.
  • Hupen, Rufe und Funk von außen hört ihr nur. Lasst euch davon unterbrechen. Das macht deutlich, wie wenig Zeit die beiden haben.
  • Die gemeinsame Vergangenheit kommt in kleinen Stücken. Spielt sie nicht sentimental, sondern als Erinnerung, die beide überrascht.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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