Ines und Mailin: Die Küche

Dialog · 2 Personen · Gegenwart · Alltagssprache

Ines und Mailin: Das ist kein Restaurant. Das ist ein Grab mit Speisekarte.

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Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 407 Wörter
Umfang
407 WörterMailin · Ines
Figuren
weiblich + weiblich
Spielalter
ca. 22–26redaktionelle Einschätzung
Tonlage
erschöpftleidenschaftlich
Sprache
Alltagssprache

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Inhalt
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(Eine Gasthausküche nach Feierabend. Edelstahl, ein Gasherd, Töpfe auf dem Abtropfgitter. Ines, sechsundzwanzig, schrubbt die Arbeitsfläche. Mailin, zweiundzwanzig, kommt mit einem Brief herein.)

Mailin

Was ist das?

Stichwort: „Was ist das?“

Ines

Post.

Stichwort: „Post.“

Mailin

„Sehr geehrte Frau Kaiser, wir freuen uns über Ihr Interesse an einer Zusammenarbeit.“ Eine Burgerkette, Ines. Im Gasthaus von Opa.

Stichwort: „… Burgerkette, Ines. Im Gasthaus von Opa.“

Ines

Es ist seit zwei Jahren mein Gasthaus. Steht im Vertrag. Und die machen keine Burger. Die machen „regionale Bowls“.

Stichwort: „… keine Burger. Die machen „regionale Bowls“.“

Mailin

Das ist noch schlimmer.

Stichwort: „Das ist noch schlimmer.“

Ines

Kannst du den Eimer da wegstellen? Du stehst im Weg.

Stichwort: „… da wegstellen? Du stehst im Weg.“

Mailin

Wir können das retten. Ich hab mir Gedanken gemacht. Wir machen einen Mittagstisch für das Gewerbegebiet. Wir machen Kochkurse am Sonntag. Wir machen einen Instagram-Account mit Mamas Rouladen, die Leute lieben so was, alt und echt.

Stichwort: „… lieben so was, alt und echt.“

Ines

Mittagstisch hatten wir. Drei Monate. Am Ende kamen vier Leute vom Bauhof, und die wollten nur Schnitzel. Kochkurse hat Papa versucht, 2019, da hat sich einer beim Zwiebelschneiden in den Daumen geschnitten und wollte klagen. Und Mamas Rouladen kann ich nicht fotografieren, weil Mama sie macht. Mama ist zweiundsechzig und hat Rücken.

Stichwort: „… Mama ist zweiundsechzig und hat Rücken.“

Mailin

Dann mach ich die Rouladen.

Stichwort: „Dann mach ich die Rouladen.“

Ines

Von Leipzig aus?

Stichwort: „Von Leipzig aus?“

(Pause. Mailin legt den Brief auf die Arbeitsfläche. Ines wischt darum herum.)

Mailin

Du hättest uns fragen können.

Stichwort: „Du hättest uns fragen können.“

Ines

Ich hab euch zwei Jahre lang gefragt. Jeden Sonntag am Telefon. Mama sagt: Das wird schon. Papa sagt: Früher war es auch schwer. Du sagst: Klingt anstrengend, ich muss los, Seminar.

Stichwort: „… Klingt anstrengend, ich muss los, Seminar.“

Mailin

Ich wusste nicht, dass es so schlimm ist.

Stichwort: „… nicht, dass es so schlimm ist.“

Ines

Weil du nicht hier warst. (Sie wirft den Lappen ins Becken.) Weißt du, wie viel ich letzten Monat verdient habe? Nichts. Ich habe der Spülkraft mehr bezahlt als mir. Ich habe seit Ostern keinen freien Tag gehabt. Ich habe einen Freund gehabt, bis Pfingsten. Das ist kein Restaurant. Das ist ein Grab mit Speisekarte.

Stichwort: „… Das ist ein Grab mit Speisekarte.“

Mailin

Das ist unser Zuhause.

Stichwort: „Das ist unser Zuhause.“

Ines

Für dich. Weil du an Weihnachten kommst und es riecht nach Bratensoße und an der Wand hängen die Fotos vom Schützenfest. Für mich ist es eine Fritteuse, die jeden Dienstag ausfällt.

Stichwort: „… eine Fritteuse, die jeden Dienstag ausfällt.“

(Stille. Mailin setzt sich auf einen umgedrehten Getränkekasten.)

Mailin

Was sagen Mama und Papa?

Stichwort: „Was sagen Mama und Papa?“

Ines

Noch nichts. Ich wollte es dir zuerst sagen. Weil du es retten willst und ich dachte, wenn ich dich überzeuge, überzeug ich auch die.

Stichwort: „… dich überzeuge, überzeug ich auch die.“

Mailin

Und wenn ich dich überzeuge?

Stichwort: „Und wenn ich dich überzeuge?“

Ines sieht sie zum ersten Mal direkt an

Dann musst du hierbleiben.

Stichwort: „Dann musst du hierbleiben.“

(Lange Pause.)

Ines

Warum bist du eigentlich gegangen? Damals. Du warst achtzehn, du hast die Zusage bekommen und warst nach drei Tagen weg. Du hast nicht mal gefragt, ob ich mitkommen will.

Stichwort: „… mal gefragt, ob ich mitkommen will.“

Mailin

Du wolltest doch nie weg.

Stichwort: „Du wolltest doch nie weg.“

Ines

Hat mich keiner gefragt. (Pause.) Ich wäre gern Bühnenbildnerin geworden. Wusstest du das?

Stichwort: „… gern Bühnenbildnerin geworden. Wusstest du das?“

Mailin

Nein.

Stichwort: „Nein.“

Ines nimmt den Lappen wieder auf

Siehst du.

Stichwort: „Siehst du.“

Mailin

Ines. (Sie steht auf, nimmt ihr den Lappen aus der Hand.) Ich mach das. Setz dich. Und dann erzählst du mir von den Bühnenbildern. Und am Montag, wenn das Angebot kommt, lesen wir es zusammen. Ganz. Und dann entscheiden wir.

Stichwort: „… zusammen. Ganz. Und dann entscheiden wir.“

Ines

Wir?

Stichwort: „Wir?“

Mailin beginnt zu wischen, ungeschickt

Wir.

Stichwort: „Wir.“

Ines

Nicht in Kreisen. Von hinten nach vorn.

Stichwort: „… in Kreisen. Von hinten nach vorn.“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene

Spielhinweise

  • Ines putzt die ganze Szene. Ihre Handgriffe sind schnell und routiniert; Mailin steht im Weg. Die Vorgänge erzählen mit, wie die Arbeit verteilt ist.
  • Beide haben recht. Spielt keine der Schwestern als die Vernünftige; der Konflikt lebt davon, dass er unentschieden bleibt.
  • Mailins Ideen sind gut gemeint und ein bisschen naiv. Ines kennt sie alle schon. Ihre Antworten sind müde, nicht gemein.
  • Das Ende ist kein Kompromiss, sondern ein erstes ehrliches Gespräch. Lasst die letzte Frage offen im Raum.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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