(Eine Metzgerei nach Ladenschluss. Gudrun, fünfzig, in weißer Schürze, wischt die leere Theke ab. Selma, vierundzwanzig, im Wollmantel, steht davor, einen Ordner unter dem Arm. Auf dem Hackklotz liegt eine Papiertüte.)
Gudrun
Setz dich. Oder steh. Hier gibt’s eh keinen Stuhl. Opa hat immer gesagt, wer sitzt, verkauft nichts.
Stichwort: „… immer gesagt, wer sitzt, verkauft nichts.“
Selma
Ich steh gern.
Stichwort: „Ich steh gern.“
Gudrun
Also. Ich mach es kurz. Mein Rücken macht noch zwei Jahre mit, sagt der Orthopäde. Dann ist Schluss. Entweder du übernimmst, oder ich verkaufe an die Kette aus Michelstadt. Die machen dann einen Backshop draus. Mit Aufbackbrötchen.
Stichwort: „… dann einen Backshop draus. Mit Aufbackbrötchen.“
Selma
Mama, ich esse seit vier Jahren kein Fleisch.
Stichwort: „… esse seit vier Jahren kein Fleisch.“
Gudrun
Ich weiß. Deswegen frag ich ja auch nur, damit ich hinterher sagen kann, ich hab gefragt.
Stichwort: „… hinterher sagen kann, ich hab gefragt.“
Selma
(Sie legt den Ordner auf die Theke.) Ich hab einen Plan gemacht.
Stichwort: „Ich hab einen Plan gemacht.“
Gudrun
Einen Plan. Für einen Laden, in dem du nicht mal die Theke anfasst.
Stichwort: „… du nicht mal die Theke anfasst.“
Selma
Hör erst zu. (Sie schlägt den Ordner auf.) Du verkaufst im Moment vierzehn Sorten Wurst. Zwölf davon kaufst du von einem Großhändler zu, weil du es allein nicht schaffst. Das Fleisch kommt aus Ställen, die du nie gesehen hast.
Stichwort: „… Ställen, die du nie gesehen hast.“
Gudrun
(Hört auf zu wischen.) Woher weißt du das?
Stichwort: „Woher weißt du das?“
Selma
Ich hab in den Rechnungen geblättert. Im Büro, an Ostern. Du warst beim Gottesdienst.
Stichwort: „… an Ostern. Du warst beim Gottesdienst.“
Gudrun
Du schnüffelst in meinen Rechnungen.
Stichwort: „Du schnüffelst in meinen Rechnungen.“
Selma
Ich hab BWL studiert. Das nennt man Analyse. (Sie tippt auf eine Seite.) Mein Vorschlag: Nur noch vier Sorten. Alle selbst gemacht. Und das Fleisch nur noch von drei Höfen hier aus dem Tal. Weidehaltung. Der Brüning, die Familie Scholl und der Biohof oben am Wald. Weniger Wurst, Mama. Aber jede, die wir verkaufen, ist eine, für die du dich nicht schämen musst.
Stichwort: „… die du dich nicht schämen musst.“
Gudrun
Ich schäm mich für nichts.
Stichwort: „Ich schäm mich für nichts.“
Selma
Du hast mir mal erzählt, wie Opa jedes Schwein beim Namen kannte. Und dass du heute nicht mal weißt, aus welchem Land es kommt.
Stichwort: „… weißt, aus welchem Land es kommt.“
(Pause. Gudrun legt den Lappen weg.)
Gudrun
Der Brüning hat dreißig Schweine. Das reicht nie.
Stichwort: „… hat dreißig Schweine. Das reicht nie.“
Selma
Dann verkaufen wir, bis nichts mehr da ist. Und dann hängt ein Schild an der Tür: Ausverkauft, Donnerstag wieder. Die Leute lieben so was. In Frankfurt stehen sie für Sauerteigbrot zwei Stunden an.
Stichwort: „… sie für Sauerteigbrot zwei Stunden an.“
Gudrun
Für Brot.
Stichwort: „Für Brot.“
Selma
Für Brot. Vierzehn Euro das Stück.
Stichwort: „Für Brot. Vierzehn Euro das Stück.“
Gudrun
Und das andere? Wovon soll der Laden leben, wenn wir nur noch vier Sorten haben?
Stichwort: „… wir nur noch vier Sorten haben?“
Selma
Mittagstisch. Hier, links von der Theke. Fünf Tische. Montag bis Freitag. Ein Gericht mit Fleisch von dir. Ein Gericht ohne, von mir. Die Leute aus dem Gewerbegebiet fahren jeden Mittag zwölf Kilometer zum Döner. Die würden kommen.
Stichwort: „… Kilometer zum Döner. Die würden kommen.“
Gudrun
Und du? Du willst dein Start-up hinschmeißen und hier Linsen kochen?
Stichwort: „… Start-up hinschmeißen und hier Linsen kochen?“
Selma
Das Start-up macht Apps für Leute, die keine Zeit haben, sich selbst was zu kochen. (Kurzes Lachen.) Ich glaube, ich will lieber das Gegenteil.
Stichwort: „… glaube, ich will lieber das Gegenteil.“
(Lange Pause. Gudrun sieht zum Foto des Großvaters.)
Gudrun
Der würde sich im Grab umdrehen. Linsen in seiner Metzgerei.
Stichwort: „… Grab umdrehen. Linsen in seiner Metzgerei.“
Selma
Der hat Leberkäse mit Zwiebelkuchen verkauft, weil Oma das wollte. Der war nicht so streng, wie du denkst.
Stichwort: „… nicht so streng, wie du denkst.“
Gudrun
(Sie greift nach der Papiertüte auf dem Hackklotz.) Ich muss dir was gestehen. (Sie holt eine angebissene Frikadelle heraus.) Das sind deine. Die Linsendinger. Du hast an Weihnachten eine Dose dagelassen. Ich hab im Internet so lange Rezepte ausprobiert, bis eins so geschmeckt hat. Ich mach die seit Februar. Jeden Mittwoch. (Pause.) Die sind gut. Die sind richtig gut. Sag es keinem.
Stichwort: „… sind richtig gut. Sag es keinem.“
Selma
(Lacht, fassungslos.) Mama.
Stichwort: „Mama.“
Gudrun
Mit ein bisschen Majoran. Und Senf. Die brauchen mehr Senf, als du denkst.
Stichwort: „… brauchen mehr Senf, als du denkst.“
Selma
Dann machst du die. Mittwochs. Auf der Karte.
Stichwort: „… du die. Mittwochs. Auf der Karte.“
Gudrun
(Sie wischt sich die Hände an der Schürze ab und reicht Selma die Hand über die Theke.) Zwei Jahre. Ich bleib an der Wurst, du machst den Rest. Und wehe, du schreibst „vegan“ in großen Buchstaben ins Schaufenster.
Stichwort: „… „vegan“ in großen Buchstaben ins Schaufenster.“
Selma
(Schlägt ein.) Kleine Buchstaben. Ganz unten. Neben Opa.
Stichwort: „Kleine Buchstaben. Ganz unten. Neben Opa.“
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
Ende der Szene

