Friedel und Ilona: Der Kombi

Dialog · 2 Personen · Gegenwart · Alltagssprache

Friedel und Ilona: Ein Auto ist nicht nur ein Auto, wenn einer drin gesungen hat.

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Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 294 Wörter
Umfang
294 WörterFriedel · Ilona
Figuren
offen + weiblich
Spielalter
ca. 62–70redaktionelle Einschätzung
Tonlage
geschäftsmäßigtragikomisch
Sprache
Alltagssprache

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Inhalt
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(Ein Autohof unter einem Wellblechdach. Ein alter Kombi, angedeutet durch zwei Stühle und eine Lenkradattrappe. Friedel, achtundsechzig, in Arbeitsjacke, geht einmal um das Auto herum und klopft auf das Dach. Ilona, sechsundsechzig, steht mit Regenschirm daneben, die Handtasche fest im Griff.)

Friedel

Zweiundzwanzig Jahre.

Stichwort: „Zweiundzwanzig Jahre.“

Ilona

Dreihunderttausend Kilometer. Er hat jeden Ölwechsel selbst gemacht.

Stichwort: „… Er hat jeden Ölwechsel selbst gemacht.“

Friedel

Sieht man. Rost hinten links. Die Kupplung schleift. Der Auspuff hängt an einem Draht.

Stichwort: „… Der Auspuff hängt an einem Draht.“

Ilona

Das ist kein Draht. Das ist ein Kleiderbügel. Den hat er da hingemacht. Er hat gesagt, der hält länger als jedes Ersatzteil.

Stichwort: „… der hält länger als jedes Ersatzteil.“

Friedel

(Grinst.) Da hatte er wahrscheinlich recht. (Wird geschäftsmäßig.) Fünfhundert.

Stichwort: „Da hatte er wahrscheinlich recht. Fünfhundert.“

Ilona

Achthundert.

Stichwort: „Achthundert.“

Friedel

Frau Bender, für achthundert krieg ich drei Kombis, die nicht an einem Kleiderbügel hängen.

Stichwort: „… die nicht an einem Kleiderbügel hängen.“

Ilona

Dann nehmen Sie den hier und haben einen Kleiderbügel gratis.

Stichwort: „… hier und haben einen Kleiderbügel gratis.“

Friedel

(Lacht kurz.) Sechshundert. Und ich mach den Papierkram.

Stichwort: „Sechshundert. Und ich mach den Papierkram.“

Ilona

(Pause.) Gut. Sechshundert. Machen Sie schnell.

Stichwort: „Gut. Sechshundert. Machen Sie schnell.“

(Friedel öffnet die Beifahrertür, setzt sich, klappt das Handschuhfach auf. Zieht Papiere heraus: Fahrzeugschein, ein Eiskratzer, eine Tüte Bonbons. Dann ein kleines, abgegriffenes Notizbuch.)

Friedel

Das Fahrtenbuch. Hat er das fürs Finanzamt geführt?

Stichwort: „… Hat er das fürs Finanzamt geführt?“

Ilona

Er war nicht selbstständig. Er war Busfahrer.

Stichwort: „… war nicht selbstständig. Er war Busfahrer.“

Friedel

(Blättert, liest vor.) „Vierzehnter März. Baumarkt. Ilona hat gesungen.“ (Pause. Friedel blättert weiter.) „Zweiter Mai. Zur Tochter nach Siegen. Ilona hat gesagt, ich fahre wie ein Sonntagsfahrer. Es war Sonntag.“

Stichwort: „… wie ein Sonntagsfahrer. Es war Sonntag.““

Ilona

(Erstarrt.) Was ist das?

Stichwort: „Was ist das?“

Friedel

(Blättert zurück, ganz an den Anfang.) Das geht bis 2004. (Liest.) „Erste Fahrt. Ilona sagt, das Auto riecht nach Hund. Wir haben keinen Hund.“

Stichwort: „… nach Hund. Wir haben keinen Hund.““

(Ilona lässt den Regenschirm sinken.)

Ilona

Geben Sie mal her.

Stichwort: „Geben Sie mal her.“

(Friedel reicht ihr das Buch. Sie blättert, liest stumm, dann halblaut.)

Ilona

„Neunter Juni. Krankenhaus. Ilona hat nicht gesungen. Ich auch nicht.“ (Pause.) Das war, als ich die Galle hatte. (Sie blättert ans Ende.) Der letzte Eintrag ist vom Juli. „Zum Arzt. Ilona hat nichts gesagt. Ich hab das Radio angemacht, damit sie singt. Sie hat gesungen.“

Stichwort: „… damit sie singt. Sie hat gesungen.““

(Lange Stille. Das Nieseln auf dem Wellblech.)

Friedel

(Räuspert sich.) Ein Auto ist nicht nur ein Auto, wenn einer drin gesungen hat.

Stichwort: „… Auto, wenn einer drin gesungen hat.“

Ilona

Ich hab keinen Führerschein.

Stichwort: „Ich hab keinen Führerschein.“

Friedel

Den kann man machen.

Stichwort: „Den kann man machen.“

Ilona

Mit sechsundsechzig?

Stichwort: „Mit sechsundsechzig?“

Friedel

Meine Schwester hat ihn mit einundsiebzig gemacht. Beim dritten Mal. Sie hat beim Prüfer gesungen, damit sie nicht so nervös ist. (Pause.) Hat geholfen.

Stichwort: „… nicht so nervös ist. Hat geholfen.“

Ilona

(Sie lacht, halb weinend.) Sie sind schlecht im Geschäft, Friedel.

Stichwort: „Sie sind schlecht im Geschäft, Friedel.“

Friedel

Vierzig Jahre lang war ich sehr gut darin. (Steht auf, klopft wieder aufs Dach.) Ich mach Ihnen die Kupplung. Und den Auspuff. Den Kleiderbügel lass ich dran. Kostenpunkt: Sie kommen mit dem Ding zur ersten Inspektion hier vorgefahren. Selbst.

Stichwort: „… zur ersten Inspektion hier vorgefahren. Selbst.“

Ilona

(Drückt das Buch an sich.) Und ich schreib dann ins Buch, dass Sie mich übers Ohr gehauen haben.

Stichwort: „… Sie mich übers Ohr gehauen haben.“

Friedel

Schreiben Sie lieber, dass Sie gesungen haben.

Stichwort: „… Sie lieber, dass Sie gesungen haben.“

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Ende der Szene

Spielhinweise

  • Friedel ist offen angelegt und lässt sich in jeder Besetzung spielen. Friedel redet wie jemand, der seit vierzig Jahren verhandelt: knapp, direkt, mit festen Sprüchen. Diese Sprüche brechen erst beim Notizbuch.
  • Ilona ist nicht hilflos. Sie ist zäh und will kein Mitleid. Lasst die Trauer nur durch kleine Risse kommen. Die Tragikomödie lebt davon.
  • Das Notizbuch ist die wichtigste Requisite. Friedel liest nur wenige Einträge vor, und jeder braucht Zeit.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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