Yara: Remis

Monolog · Gegenwart · Alltagssprache

Yara: Du spielst, als hättest du Angst, jemandem wehzutun.

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Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 292 Wörter
Umfang
292 Wörterungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 13–18redaktionelle Einschätzung
Tonlage
konzentrierternst & dramatisch
Sprache
Alltagssprache
PDF-Optionen

(Ein Turniersaal, letzte Runde einer Landesjugendmeisterschaft im Schach. An Brett eins sitzt Yara, fünfzehn, allein. Der Stuhl gegenüber ist leer, die Schachuhr läuft auf ihrer Seite. Sie spricht kaum hörbar, über das Brett gebeugt.)

Sie hat Remis angeboten. Zug, Remis, Uhr gedrückt, aufgestanden. Genau so, wie es sich gehört. Und dann ist sie aufs Klo gegangen. Tabea Brandner geht nie aufs Klo. In drei Jahren habe ich sie bei keiner einzigen Partie aufstehen sehen.

Wenn ich annehme, sind wir beide punktgleich und fahren beide zur Deutschen. Wenn ich weiterspiele und gewinne, fahre ich allein und bin Landesmeisterin. Wenn ich weiterspiele und verliere, fahre ich gar nicht.

Ich habe den besseren Läufer. Mein Springer auf e5 ist eine Katastrophe für sie, das sieht jeder. Das sieht sogar Papa, und Papa spielt nur Mühle. Und genau deswegen verstehe ich nicht, warum sie Remis anbietet. Tabea bietet nicht Remis an, weil sie schlechter steht. Tabea bietet Remis an, weil sie etwas sieht, was ich nicht sehe.

Oder weil sie will, dass ich das denke.

(Sie greift beinahe nach einer Figur, zieht die Hand im letzten Moment zurück und setzt sich auf beide Hände.)

Nicht anfassen. Berührt, geführt. Hände unter den Hintern, Yara.

Mit elf war ich in einem Trainingslager, und sie war vierzehn und durfte schon eine Gruppe leiten. Sie hat mir Sizilianisch beigebracht. Sie hat gesagt: Du spielst, als hättest du Angst, jemandem wehzutun. Das ist im Schach keine Tugend. Ich habe das auf einen Zettel geschrieben und an meinen Spiegel geklebt. Da hängt er immer noch. Sie weiß das nicht.

Achtzehn Minuten habe ich noch. Sie hat dreiundzwanzig. Wenn ich jetzt rechne, bis sie wiederkommt, und nichts finde, habe ich Zeit verloren und das Remis immer noch. Und wenn ich etwas finde –

(Sie beugt sich tief über das Brett. Lange Stille. Dann richtet sie sich langsam auf.)

Da. Turm nach d7, und wenn sie schlägt, Dame nach h5. Dann ist es aus. Für sie. (Sie hält inne.) Das hat sie gesehen. Das hat sie die ganze Zeit gesehen. Sie hat mir nicht Remis angeboten, weil sie Angst hat. Sie wollte wissen, ob ich es finde. (Pause.) Oder ob ich Angst habe, jemandem wehzutun.

(Hinten geht eine Tür. Schritte. Yara sieht nicht auf. Ihre Hand liegt neben dem Turm.)

(Ganz leise.) Keine Tugend.

(Sie greift nach dem Turm.)

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Ende des Textes

Spielhinweise

  • Im Turniersaal herrscht Ruhe. Yara flüstert fast. Die Spannung liegt im Denken, nicht in der Lautstärke.
  • Ein gutes Stück für die Kamera: Blick aufs Brett, Hände, die nicht berühren dürfen. Beim Schach gilt: Wer eine Figur berührt, muss sie ziehen.
  • Der Satz aus dem Trainingslager ist der Subtext der ganzen Partie. Am Ende versteht Yara, warum Tabea Remis angeboten hat.
  • Der Griff nach dem Turm ist die Entscheidung. Er braucht keinen Kommentar.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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