Volker: Die Nachricht

Monolog · Gegenwart · Alltagssprache

Volker: Das Wort heißt tot. Nicht verunglückt, nicht von uns gegangen. Tot.

Freier Text von SceneTalent

Von SceneTalent geschrieben. Frei zum Üben, Vorsprechen und für Self-Tapes – bitte mit Quellenangabe „Text: SceneTalent“. Den Text selbst nicht ohne unser Einverständnis weiterverbreiten.
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 378 Wörter
Umfang
378 Wörterungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 40–46redaktionelle Einschätzung
Tonlage
gefassternst & dramatisch
Sprache
Alltagssprache
PDF-Optionen

(Ein Streifenwagen, angedeutet durch zwei Stühle. Volker, dreiundvierzig, in Uniform, sitzt am Steuer. Er sieht zu einem Haus hinüber. Neben ihm sitzt Aylin, die Mütze auf den Knien.)

Da. Erdgeschoss, links. Da ist noch kein Licht. Sie schläft. (Pause.) Sie schläft noch, Aylin. Die letzten fünf Minuten, in denen sie nichts weiß.

Wir warten nicht länger. Die Seelsorge ist in zehn Minuten da, aber wir warten nicht. Sonst sieht sie den Wagen am Fenster und weiß es, bevor wir klingeln. Das ist das Schlimmste. Wenn sie es aus deinem Gesicht liest.

Ich sag dir, wie wir es machen. Wir klingeln. Wir sagen unsere Namen. Wir fragen, ob wir reinkommen dürfen. Nicht an der Tür. Nie an der Tür. Und dann, spätestens im dritten Satz, sagen wir es. Nicht drumherum. Keine Vorrede, keine Umwege, keine Uhrzeit.

(Er probt, leise.) Frau Kessler, wir müssen Ihnen eine sehr schlimme Nachricht überbringen. Ihr Sohn Tim hatte heute Nacht einen Unfall mit seinem Roller. Er ist tot. (Pause.) Er ist an der Unfallstelle gestorben.

Das Wort heißt tot. Nicht verunglückt, nicht von uns gegangen. Tot. Das klingt brutal, ich weiß. Aber alles andere lässt eine Tür offen, und durch diese Tür rennt sie dann. Mit Hoffnung. Und wir müssen sie zurückholen.

(Er wischt sich mit dem Handrücken über das Gesicht.)

Mein erstes Mal war vor achtzehn Jahren. Ein Mädchen, sechzehn, auf der Landstraße bei Blaubeuren. Ich hab gesagt: Ihre Tochter ist verunglückt. Und die Mutter hat gesagt: In welchem Krankenhaus liegt sie? Und hat ihre Jacke geholt. Sie stand schon in der Tür mit dem Autoschlüssel, und ich hab sie festhalten müssen und ihr sagen, dass es kein Krankenhaus gibt.

(Pause.) Diesen Satz mit der Jacke hab ich nie vergessen. Die Kollegin, die damals dabei war, hat hinterher im Auto gesagt: Du hast gezögert. Beim dritten Satz. Sie hatte recht. Ich dachte, ich kann es der Frau ein bisschen ersparen. Man kann es keinem ersparen. Man kann es nur schneller machen. Seitdem sage ich das Wort. Gleich am Anfang.

Und dann sagen wir nichts mehr. Wir bleiben sitzen. Wir halten nichts fest, wir erklären nichts, wir sagen nicht: Ich weiß, wie Sie sich fühlen. Das weiß keiner. Wir sind einfach da, bis die Seelsorge kommt. Wenn sie schreit, lässt du sie schreien. Wenn sie dich schlägt, lässt du sie auch. Das hab ich einmal erlebt. Es war in Ordnung.

(Er sieht Aylin an.) Und hinterher, im Wagen, darfst du heulen. Ich auch. Das sieht keiner. Dafür haben die Scheiben eine Tönung.

(Im Haus geht im Flur ein Licht an. Volker setzt sich gerade hin.)

Sie ist wach. (Er setzt die Mütze auf.) Komm. Bevor sie den Wagen sieht.

(Er öffnet die Tür und steigt aus. Er wartet, bis Aylin neben ihm steht. Dann gehen sie los.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Volker spricht leise, als könnte man ihn im Haus hören. Er gibt Aylin Ratschläge und meint eigentlich sich selbst. Das ist der Subtext des Monologs.
  • Die Erinnerung an das erste Mal ist der Kern. Je genauer du die gegebenen Umstände jener Nacht kennst, desto ruhiger kann Volker davon erzählen.
  • Volker probt die Sätze laut. Jede Probe klingt anders. Finde die Unterschiede, statt sie gleich zu sprechen.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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