Simon: Die Uhr

Monolog · Gegenwart · Alltagssprache

Simon: Solange sie steht, ist das Opas Zeit.

Freier Text von SceneTalent

Von SceneTalent geschrieben. Frei zum Üben, Vorsprechen und für Self-Tapes – bitte mit Quellenangabe „Text: SceneTalent“. Den Text selbst nicht ohne unser Einverständnis weiterverbreiten.
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 342 Wörter
Umfang
342 Wörterungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 28–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
konzentriertleise & nachdenklich
Sprache
Alltagssprache
PDF-Optionen

(Eine Werkbank in einer kleinen Uhrmacherwerkstatt, spät am Abend. Eine Lampe mit Lupe, winzige Schraubenzieher, Pinzetten. Simon, zweiunddreißig, sitzt über einer geöffneten Taschenuhr. Er spricht leise, ohne aufzusehen.)

So. Jetzt du. (Er setzt die Pinzette an.) Ganz ruhig. Du bist die Unruh, du darfst ruhig sein. Das ist ein Witz unter Leuten, die Uhren reparieren. Den hat mir mein Vater beigebracht. Den Witz und alles andere.

Er hatte die Uhr in einer Schublade, achtzehn Jahre lang, in Packpapier. Seit Opa gestorben ist. Mama hat sie mir letzte Woche gegeben. Heimlich. Sie hat gesagt: Er zieht sie jeden Abend auf, und sie geht nicht, und er zieht sie trotzdem auf. Jeden Abend. Und dann legt er sie zurück.

(Er hält ein winziges Teil gegen das Licht.) Die Unruhwelle ist gebrochen. Das ist kein großer Schaden. Das hätte er selbst machen können, in zwanzig Minuten. Er repariert seit dreißig Jahren Uhren. Diese hat er nicht repariert. (Pause.) Ich glaube, er wollte nicht, dass sie wieder geht. Solange sie steht, ist das Opas Zeit.

Wir haben seit vier Jahren nicht mehr geredet. Seit ich die Werkstatt hier aufgemacht hab. Drei Straßen von seiner. Er hat gesagt, das ist Verrat. Ich hab gesagt, das ist Handwerk. Er hat gesagt, ein Sohn macht nicht drei Straßen weiter auf, ein Sohn übernimmt. Ich hab gesagt, ich will nicht übernehmen, ich will anfangen. Dann hat er aufgelegt. Seitdem kriege ich zu Weihnachten eine Karte, und darauf steht in Mamas Schrift: von uns.

(Er setzt das Teil ein. Lange, konzentrierte Pause.) Weißt du, was das Schlimme ist? Seine Kundschaft kommt zu mir. Nicht, weil ich besser bin. Weil er nicht mehr so gut sieht. Frau Lindner hat es mir erzählt. Er hat ihre Uhr falsch zusammengesetzt, und sie ist zu mir gekommen, und ich hab sie repariert, und auf die Rechnung hab ich geschrieben: Wartung. Nicht Reparatur. Damit sie es ihm nicht sagt.

(Er schließt den Deckel, hält die Uhr ans Ohr und wartet.) (Leise.) Da. Da ist sie.

(Er legt die Uhr auf ein kleines Samttuch und betrachtet sie.)

Morgen bring ich sie ihm. Nicht in die Werkstatt. Nach Hause. Um sieben, wenn er sie aufziehen will. Ich leg sie hin und sag nichts. Er hört sie ja. Er hat ein besseres Gehör als jeder Mensch, den ich kenne. (Pause.) Und wenn er die Tür zumacht, dann hat er die Uhr wenigstens wieder. Dann tickt Opa wieder.

(Er schaltet die Lampe aus. Im Dunkeln hört man das Ticken.) Ich glaub, ich nehm sie heute Nacht mit ins Schlafzimmer. Damit ich weiß, dass sie durchhält.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Simon arbeitet beim Sprechen wirklich. Die feinen Handgriffe an der Uhr sind die Spielhandlung und bestimmen das Tempo. Wenn die Arbeit schwierig wird, wird er still.
  • Der Streit mit dem Vater wird nur erzählt, nicht gespielt. Simon ist längst nicht mehr zornig, er hat nur Sehnsucht. Das ist sein Subtext.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

Go to Top