Salome: „Du wolltest mich nicht deinen Mund küssen lassen, Jochanaan!“

Monolog · Jahrhundertwende · rhythmische Prosa (Übersetzung Hedwig Lachmann)

Salome: Und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes

aus Salome (1891) von Oscar Wilde · Schlussmonolog (Vierte Szene)

Originaltext · Salome, Oscar Wilde (1891)Ausschnitt
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 388 Wörter
Umfang
388 WörterAusschnitt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 16–28redaktionelle Einschätzung
Tonlage
triumphierendleidenschaftlich
Sprache
rhythmische Prosa (Übersetzung Hedwig Lachmann)behutsam modernisiert
PDF-Optionen

(Die Terrasse im Palast des Herodes. Salome hält das Haupt des Jochanaan auf einem silbernen Schild.)

Ah! Du wolltest mich nicht deinen Mund küssen lassen, Jochanaan! Wohl, ich werde ihn jetzt küssen! Ich will mit meinen Zähnen hineinbeißen, wie man in eine reife Frucht beißen mag. Ja, ich will ihn jetzt küssen, deinen Mund, Jochanaan. Ich hab’ es gesagt. Hab’ ich’s nicht gesagt? Ja, ich hab’ es gesagt. Ah! Ah! Ich will ihn jetzt küssen ... Aber warum siehst du mich nicht an, Jochanaan? Deine Augen, die so schrecklich waren, so voller Wut und Verachtung, sind jetzt geschlossen. Warum sind sie geschlossen? Öffne doch die Augen, erhebe deine Lider, Jochanaan! Warum siehst du mich nicht an? Hast du Angst vor mir, Jochanaan, dass du mich nicht ansehen willst? Und deine Zunge, sie spricht kein Wort, Jochanaan, diese Scharlachnatter, die ihren Geifer gegen mich spie. Es ist seltsam, nicht? Wie kommt es, dass diese rote Natter sich nicht mehr rührt? Du sprachst böse Worte gegen mich, gegen mich, Salome, die Tochter der Herodias, Prinzessin von Judäa. Nun wohl! Ich lebe noch, aber du bist tot, und dein Kopf, dein Kopf gehört mir! Ich kann mit ihm tun, was ich will. Ich kann ihn den Hunden vorwerfen und den Vögeln der Luft. Was die Hunde übrig lassen, sollen die Vögel der Luft verzehren ... Ah! Ah! Jochanaan, Jochanaan, du warst schön. Dein Leib war eine Elfenbeinsäule auf silbernen Füßen. Er war ein Garten voller Tauben in der Silberlilien Glanz. Nichts in der Welt war so weiß wie dein Leib. Nichts in der Welt war so schwarz wie dein Haar. In der ganzen Welt war nichts so rot wie dein Mund. Deine Stimme war ein Weihrauchgefäß, und wenn ich dich ansah, hörte ich geheimnisvolle Musik ... (In den Anblick von Jochanaans Haupt versunken) Ah! Warum hast du mich nicht angesehen, Jochanaan? Du legtest über deine Augen die Binde eines, der seinen Gott schauen wollte. Wohl! Du hast deinen Gott gesehn, Jochanaan, aber mich, mich hast du nie gesehn. Hättest du mich gesehn, du hättest mich geliebt! Ich dürste nach deiner Schönheit. Ich hungre nach deinem Leib. Nicht Wein noch Äpfel können mein Verlangen stillen ... Was soll ich jetzt tun, Jochanaan? Nicht die Fluten, noch die großen Wasser können dieses brünstige Begehren löschen ... Oh! Warum sahst du mich nicht an? Hättest du mich angesehn, du hättest mich geliebt. Ich weiß es wohl, du hättest mich geliebt. Und das Geheimnis der Liebe ist größer als das Geheimnis des Todes ...

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

Spielhinweise

  • Salome spricht wie in einem Hohelied: viele Bilder, viele Wiederholungen. Lass jede Wiederholung etwas Neues bedeuten.
  • Der Umschwung kommt mit „Warum siehst du mich nicht an?“: Aus Triumph wird Kränkung. Spiele diesen Bruch genau.
  • Das Haupt ist im Monolog ein Requisit von großer Wirkung. Im Vorsprechen reicht ein vorgestellter Gegenstand; die Hände müssen ihn aber genau halten. Siehe Requisite.
  • Vermeide das Klischee der Verführerin. Wilde zeigt ein Mädchen, das zum ersten Mal begehrt und nicht weiß, was es tut.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

Go to Top