Mortimer: „Ich zählte zwanzig Jahre“

Monolog · Weimarer Klassik · Blankvers

Mortimer: Ich zählte zwanzig Jahre, Königin

aus Maria Stuart (1800) von Friedrich Schiller · I. Aufzug, 6. Auftritt

Originaltext · Maria Stuart, Friedrich Schiller (1800)Ausschnitt
Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 264 Wörter
Umfang
42 VerseAusschnitt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 18–28redaktionelle Einschätzung
Tonlage
schwärmerischleidenschaftlich
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert

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Inhalt
Seite

(Schloss Fotheringhay, Marias Gefängnis. Mortimer, der Neffe ihres Bewachers, hat Maria eben einen Brief ihres Onkels, des Kardinals von Lothringen, zugesteckt. Sie hat ihn gebeten zu erzählen.)

  1. Ich zählte zwanzig Jahre, Königin,
  2. In strengen Pflichten war ich aufgewachsen,
  3. In finsterm Hass des Papsttums aufgesäugt,
  4. Als mich die unbezwingliche Begierde
  5. Hinaus trieb auf das feste Land. Ich ließ
  6. Der Puritaner dumpfe Predigtstuben,
  7. Die Heimat hinter mir, in schnellem Lauf
  8. Durchzog ich Frankreich, das gepriesene
  9. Italien mit heißem Wunsche suchend.
  10. Es war die Zeit des großen Kirchenfests,
  11. Von Pilgerscharen wimmelten die Wege,
  12. Bekränzt war jedes Gottesbild, es war,
  13. Als ob die Menschheit auf der Wandrung wäre,
  14. Wallfahrend nach dem Himmelreich — Mich selbst
  15. Ergriff der Strom der glaubenvollen Menge,
  16. Und riss mich in das Weichbild Roms —
  17. Wie ward mir, Königin!
  18. Als mir der Säulen Pracht und Siegesbogen,
  19. Entgegenstieg, des Kolosseums Herrlichkeit
  20. Den Staunenden umfing, ein hoher Bildnergeist
  21. In seine heitre Wunderwelt mich schloss!
  22. Ich hatte nie der Künste Macht gefühlt,
  23. Es hasst die Kirche, die mich auferzog,
  24. Der Sinne Reiz, kein Abbild duldet sie,
  25. Allein das Körperlose Wort verehrend.
  26. Wie wurde mir, als ich ins Innre nun
  27. Der Kirchen trat, und die Musik der Himmel
  28. Herunterstieg, und der Gestalten Fülle
  29. Verschwenderisch aus Wand und Decke quoll,
  30. Das Herrlichste und Höchste, gegenwärtig,
  31. Vor den entzückten Sinnen sich bewegte,
  32. Als ich sie selbst nun sah, die Göttlichen,
  33. Den Gruß des Engels, die Geburt des Herrn,
  34. Die heilge Mutter, die herabgestiegne
  35. Dreifaltigkeit, die leuchtende Verklärung —
  36. Als ich den Papst drauf sah in seiner Pracht
  37. Das Hochamt halten und die Völker segnen.
  38. O was ist Goldes, was Juwelen Schein,
  39. Womit der Erde Könige sich schmücken!
  40. Nur Er ist mit dem Göttlichen umgeben.
  41. Ein wahrhaft Reich der Himmel ist sein Haus,
  42. Denn nicht von dieser Welt sind diese Formen.

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Spielhinweise

  • Mortimer erzählt, aber er erlebt alles noch einmal. Die Bilder (Säulen, Musik, Gemälde) überwältigen ihn im Moment des Sprechens.
  • Der Gegensatz trägt den Monolog: die „dumpfen Predigtstuben“ gegen die Pracht Roms. Lass die Enge am Anfang spürbar werden, damit der Aufbruch Raum bekommt.
  • Er spricht zu einer Königin, die er verehrt. Die Anrede „Königin“ ist jedes Mal ein kurzes Partnerspiel: Wie reagiert sie?
  • Schillers Blankvers trägt lange Sätze über viele Zeilen. Denke in Bögen, nicht in Versen; die Gedankenstriche sind Atemstellen.

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Vorsprech-Set

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