Maria und Elisabeth: „Ihr seid an eurem Platz, Lady Maria!“

Dialog · 2 Personen · Weimarer Klassik · Blankvers

Maria und Elisabeth: Ihr seid an eurem Platz, Lady Maria!

aus Maria Stuart (1800) von Friedrich Schiller · III. Aufzug, 4. Auftritt

Originaltext · Maria Stuart, Friedrich Schiller (1800)eingerichtet
Dauer
ca. 13 Mingeschätzt, 1378 Wörter
Umfang
211 VerseElisabeth · Maria
Figur
w + w · 2 Personen
Spielalter
ca. 20–50redaktionelle Einschätzung
Tonlage
eskalierendleidenschaftlich
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
PDF-Optionen
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(Maria rafft sich zusammen und will auf die Elisabeth zugehen, steht aber auf halbem Weg schaudernd still, ihre Gebärden drücken den heftigsten Kampf aus.)

Elisabeth

  1. Wie, Milords?
  2. Wer war es denn, der eine Tiefgebeugte
  3. Mir angekündigt? Eine Stolze find’ ich,
  4. Vom Unglück keineswegs geschmeidigt.

Stichwort: „… find’ ich, Vom Unglück keineswegs geschmeidigt.“

Maria

  1. Sei’s!
  2. Ich will mich auch noch diesem unterwerfen.
  3. Fahr hin, ohnmächt’ger Stolz der edeln Seele!
  4. Ich will vergessen, wer ich bin, und was
  5. Ich litt, ich will vor ihr mich niederwerfen,
  6. Die mich in diese Schmach herunterstieß.

(Sie wendet sich gegen die Königin.)

  1. Der Himmel hat für euch entschieden, Schwester!
  2. Gekrönt vom Sieg ist euer glücklich Haupt,
  3. Die Gottheit bet’ ich an, die euch erhöhte!

(Sie fällt vor ihr nieder.)

  1. Doch seid auch ihr nun edelmütig, Schwester!
  2. Lasst mich nicht schmachvoll liegen, eure Hand
  3. Streckt aus, reicht mir die königliche Rechte,
  4. Mich zu erheben von dem tiefen Fall.

Stichwort: „… zu erheben von dem tiefen Fall.“

Elisabeth (zurücktretend)

  1. Ihr seid an eurem Platz, Lady Maria!
  2. Und dankend preis’ ich meines Gottes Gnade,
  3. Der nicht gewollt, dass ich zu euren Füßen
  4. So liegen sollte, wie ihr jetzt zu meinen.

Stichwort: „… sollte, wie ihr jetzt zu meinen.“

Maria (mit steigendem Affekt)

  1. Denkt an den Wechsel alles Menschlichen!
  2. Es leben Götter, die den Hochmut rächen!
  3. Verehret, fürchtet sie, die schrecklichen,
  4. Die mich zu euren Füßen niederstürzen –
  5. Um dieser fremden Zeugen willen, ehrt
  6. In mir euch selbst, entweihet, schändet nicht
  7. Das Blut der Tudor, das in meinen Adern,
  8. Wie in den euren fließt – O Gott im Himmel!
  9. Steht nicht da, schroff und unzugänglich, wie
  10. Die Felsenklippe, die der Strandende
  11. Vergeblich ringend zu erfassen strebt.
  12. Mein Alles hängt, mein Leben, mein Geschick,
  13. An meiner Worte, meiner Tränen Kraft,
  14. Löst mir das Herz, dass ich das eure rühre!
  15. Wenn ihr mich anschaut mit dem Eisesblick,
  16. Schließt sich das Herz mir schaudernd zu, der Strom
  17. Der Tränen stockt, und kaltes Grausen fesselt
  18. Die Flehensworte mir im Busen an.

Stichwort: „… Die Flehensworte mir im Busen an.“

Elisabeth (kalt und streng)

  1. Was habt ihr mir zu sagen, Lady Stuart?
  2. Ihr habt mich sprechen wollen. Ich vergesse
  3. Die Königin, die schwer beleidigte,
  4. Die fromme Pflicht der Schwester zu erfüllen,
  5. Und meines Anblicks Trost gewähr ich euch.
  6. Dem Trieb der Großmut folg’ ich, setze mich
  7. Gerechtem Tadel aus, dass ich so weit
  8. Herunter steige – denn ihr wisst,
  9. Dass ihr mich habt ermorden lassen wollen.

Stichwort: „… ihr mich habt ermorden lassen wollen.“

Maria

  1. Womit soll ich den Anfang machen, wie
  2. Die Worte klüglich stellen, dass sie euch
  3. Das Herz ergreifen, aber nicht verletzen!
  4. O Gott, gib meiner Rede Kraft, und nimm
  5. Ihr jeden Stachel, der verwunden könnte!
  6. Kann ich doch für mich selbst nicht sprechen, ohne euch
  7. Schwer zu verklagen, und das will ich nicht.
  8. – Ihr habt an mir gehandelt, wie nicht recht ist,
  9. Denn ich bin eine Königin wie ihr,
  10. Und ihr habt als Gefangne mich gehalten,
  11. Ich kam zu euch als eine Bittende,
  12. Und ihr, des Gastrechts heilige Gesetze,
  13. Der Völker heilig Recht in mir verhöhnend,
  14. Schlosst mich in Kerkermauern ein, die Freunde,
  15. Die Diener werden grausam mir entrissen,
  16. Unwürd’gem Mangel werd’ ich preisgegeben,
  17. Man stellt mich vor ein schimpfliches Gericht –
  18. Nichts mehr davon! Ein ewiges Vergessen
  19. Bedecke, was ich Grausames erlitt.
  20. – Seht! Ich will alles eine Schickung nennen,
  21. Ihr seid nicht schuldig, ich bin auch nicht schuldig,
  22. Ein böser Geist stieg aus dem Abgrund auf,
  23. Den Hass in unsern Herzen zu entzünden,
  24. Der unsre zarte Jugend schon entzweit.
  25. Er wuchs mit uns, und böse Menschen fachten
  26. Der unglückselgen Flamme Atem zu.
  27. Wahnsinn’ge Eiferer bewaffneten
  28. Mit Schwert und Dolch die unberufne Hand –
  29. Das ist das Fluchgeschick der Könige,
  30. Dass sie, entzweit, die Welt in Hass zerreißen,
  31. Und jeder Zwietracht Furien entfesseln.
  32. – Jetzt ist kein fremder Mund mehr zwischen uns,

(nähert sich ihr zutraulich und mit schmeichelndem Ton)

  1. Wir stehn einander selbst nun gegenüber.
  2. Jetzt Schwester redet! Nennt mir meine Schuld,
  3. Ich will euch völliges Genügen leisten.
  4. Ach, dass ihr damals mir Gehör geschenkt,
  5. Als ich so dringend euer Auge suchte!
  6. Es wäre nie so weit gekommen, nicht
  7. An diesem traur’gen Ort geschähe jetzt
  8. Die unglückselig traurige Begegnung.

Stichwort: „… geschähe jetzt Die unglückselig traurige Begegnung.“

Elisabeth

  1. Mein guter Stern bewahrte mich davor,
  2. Die Natter an den Busen mir zu legen.
  3. – Nicht die Geschicke, euer schwarzes Herz
  4. Klagt an, die wilde Ehrfurcht eures Hauses.
  5. Nichts Feindliches war zwischen uns geschehn,
  6. Da kündigte mir euer Ohm, der stolze,
  7. Herrschwütge Priester, der die freche Hand
  8. Nach allen Kronen streckt, die Fehde an,
  9. Betörte euch, mein Wappen anzunehmen,
  10. Euch meine Königstitel zuzueignen,
  11. Auf Tod und Leben in den Kampf mit mir
  12. Zu gehn – Wen rief er gegen mich nicht auf?
  13. Der Priester Zungen und der Völker Schwert,
  14. Des frommen Wahnsinns fürchterliche Waffen,
  15. Hier selbst, im Friedenssitze meines Reichs,
  16. Blies er mir der Empörung Flammen an –
  17. Doch Gott ist mit mir, und der stolze Priester
  18. Behält das Feld nicht – Meinem Haupte war
  19. Der Streich gedrohet, und das eure fällt!

Stichwort: „… Streich gedrohet, und das eure fällt!“

Maria

  1. Ich steh’ in Gottes Hand. Ihr werdet euch
  2. So blutig eurer Macht nicht überheben –

Stichwort: „… blutig eurer Macht nicht überheben –“

Elisabeth

  1. Wer soll mich hindern? Euer Oheim gab
  2. Das Beispiel allen Königen der Welt,
  3. Wie man mit seinen Feinden Frieden macht,
  4. Die Sankt Barthelemi sei meine Schule!
  5. Was ist mir Blutsverwandtschaft, Völkerrecht?
  6. Die Kirche trennet aller Pflichten Band,
  7. Den Treubruch heiligt sie, den Königsmord,
  8. Ich übe nur, was eure Priester lehren.
  9. Sagt! Welches Pfand gewährte mir für euch,
  10. Wenn ich großmütig eure Bande löste?
  11. Mit welchem Schloss verwahr’ ich eure Treue,
  12. Das nicht Sankt Peters Schlüssel öffnen kann?
  13. Gewalt nur ist die einz’ge Sicherheit,
  14. Kein Bündnis ist mit dem Gezücht der Schlangen.

Stichwort: „… ist mit dem Gezücht der Schlangen.“

Maria

  1. O das ist euer traurig finstrer Argwohn!
  2. Ihr habt mich stets als eine Feindin nur
  3. Und Fremdlingin betrachtet. Hättet ihr
  4. Zu eurer Erbin mich erklärt, wie mir
  5. Gebührt, so hätten Dankbarkeit und Liebe
  6. Euch eine treue Freundin und Verwandte
  7. In mir erhalten.

Stichwort: „… Freundin und Verwandte In mir erhalten.“

Elisabeth

  1. Draußen, Lady Stuart,
  2. Ist eure Freundschaft, euer Haus das Papsttum,
  3. Der Mönch ist euer Bruder – Euch, zur Erbin
  4. Erklären! Der verräterische Fallstrick!
  5. Dass ihr bei meinem Leben noch mein Volk
  6. Verführtet, eine listige Armida
  7. Die edle Jugend meines Königreichs
  8. In eurem Buhlernetze schlau verstricktet –
  9. Dass alles sich der neu aufgeh’nden Sonne
  10. Zuwendete, und ich –

Stichwort: „… aufgeh’nden Sonne Zuwendete, und ich –“

Maria

  1. Regiert in Frieden!
  2. Jedwedem Anspruch auf dies Reich entsag’ ich.
  3. Ach, meines Geistes Schwingen sind gelähmt,
  4. Nicht Größe lockt mich mehr – Ihr habts erreicht,
  5. Ich bin nur noch der Schatten der Maria.
  6. Gebrochen ist in langer Kerkerschmach
  7. Der edle Mut – Ihr habt das Äußerste an mir
  8. Getan, habt mich zerstört in meiner Blüte!
  9. – Jetzt macht ein Ende, Schwester. Sprecht es aus,
  10. Das Wort, um dessentwillen ihr gekommen,
  11. Denn nimmer will ich glauben, dass ihr kamt,
  12. Um euer Opfer grausam zu verhöhnen.
  13. Sprecht dieses Wort aus. Sagt mir: „Ihr seid frei,
  14. Maria! Meine Macht habt ihr gefühlt,
  15. Jetzt lernet meinen Edelmut verehren.“
  16. Sagts, und ich will mein Leben, meine Freiheit
  17. Als ein Geschenk aus eurer Hand empfangen.
  18. – Ein Wort macht alles ungeschehn. Ich warte
  19. Darauf. O lasst michs nicht zu lang erharren!
  20. Weh euch, wenn ihr mit diesem Wort nicht endet!
  21. Denn wenn ihr jetzt nicht segenbringend, herrlich,
  22. Wie eine Gottheit von mir scheidet – Schwester!
  23. Nicht um dies ganze reiche Eiland, nicht
  24. Um alle Länder, die das Meer umfasst,
  25. Möcht ich vor euch so stehn, wie ihr vor mir!

Stichwort: „… so stehn, wie ihr vor mir!“

Elisabeth

  1. Bekennt ihr endlich euch für überwunden?
  2. Ists aus mit euren Ränken? Ist kein Mörder
  3. Mehr unterweges? Will kein Abenteurer
  4. Für euch die traur’ge Ritterschaft mehr wagen?
  5. – Ja es ist aus, Lady Maria. Ihr verführt
  6. Mir keinen mehr. Die Welt hat andre Sorgen.
  7. Es lüstet keinen euer – vierter Mann
  8. Zu werden, denn ihr tötet eure Freier,
  9. Wie eure Männer!

Stichwort: „… tötet eure Freier, Wie eure Männer!“

Maria (auffahrend)

  1. Schwester! Schwester!
  2. O Gott! Gott! Gib mir Mäßigung!

Stichwort: „… O Gott! Gott! Gib mir Mäßigung!“

Elisabeth (sieht sie lange mit einem Blick stolzer Verachtung an)

  1. Das also sind die Reizungen, Lord Lester,
  2. Die ungestraft kein Mann erblickt, daneben
  3. Kein andres Weib sich wagen darf zu stellen!
  4. Fürwahr! Der Ruhm war wohlfeil zu erlangen,
  5. Es kostet nichts, die allgemeine Schönheit
  6. Zu sein, als die gemeine sein für alle!

Stichwort: „… als die gemeine sein für alle!“

Maria

  1. Das ist zu viel!

Stichwort: „Das ist zu viel!“

Elisabeth (höhnisch lachend)

  1. Jetzt zeigt ihr euer wahres
  2. Gesicht, bis jetzt war’s nur die Larve.

Stichwort: „… bis jetzt war’s nur die Larve.“

Maria (von Zorn glühend, doch mit einer edeln Würde)

  1. Ich habe menschlich, jugendlich gefehlt,
  2. Die Macht verführte mich, ich hab’ es nicht
  3. Verheimlicht und verborgen, falschen Schein
  4. Hab’ ich verschmäht, mit königlichem Freimut.
  5. Das Ärgste weiß die Welt von mir und ich
  6. Kann sagen, ich bin besser als mein Ruf.
  7. Weh euch, wenn sie von euren Taten einst
  8. Den Ehrenmantel zieht, womit ihr gleißend
  9. Die wilde Glut verstohlner Lüste deckt.
  10. Nicht Ehrbarkeit habt ihr von eurer Mutter
  11. Geerbt, man weiß, um welcher Tugend willen
  12. Anna von Boulen das Schafott bestiegen.

Stichwort: „… Anna von Boulen das Schafott bestiegen.“

[…]

Maria

  1. Mäßigung! Ich habe
  2. Ertragen, was ein Mensch ertragen kann.
  3. Fahr hin, lammherzige Gelassenheit,
  4. Zum Himmel fliehe, leidende Geduld,
  5. Spreng endlich deine Bande, tritt hervor
  6. Aus deiner Höhle, langverhaltner Groll –
  7. Und du, der dem gereizten Basilisk
  8. Den Mordblick gab, leg’ auf die Zunge mir
  9. Den gift’gen Pfeil –

Stichwort: „… Zunge mir Den gift’gen Pfeil –“

[…]

(Elisabeth, für Zorn sprachlos, schießt wütende Blicke auf Marien.)

[…]

Maria

  1. Der Thron von England ist durch einen Bastard
  2. Entweiht, der Briten edelherzig Volk
  3. Durch eine list’ge Gauklerin betrogen.
  4. – Regierte Recht, so läget Ihr vor mir
  5. Im Staube jetzt, denn ich bin euer König.

Stichwort: „… jetzt, denn ich bin euer König.“

(Elisabeth geht schnell ab, die Lords folgen ihr in der höchsten Bestürzung.)

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Spielhinweise

  • Die Szene ist ein öffentliches Duell. Auch wenn nur zwei Rollen sprechen, sehen Leicester und das Gefolge zu; jede Demütigung geschieht vor Publikum.
  • Maria braucht Anlauf: Sie kniet, bittet, erklärt und entschuldigt sich. Je ernsthafter die Unterwerfung, desto stärker wirkt der Ausbruch am Ende.
  • Elisabeth muss nicht laut werden. Ihre Waffe ist die Kälte; Schiller notiert „kalt und streng“ und „höhnisch lachend“.
  • Eingerückte Zeilen sind Halbverse: Hier setzt die eine dort ein, wo die andere aufhört. Diese Anschlüsse verlangen Tempo.
  • Die Fassung ist lang. Für eine kürzere Probe eignet sich der Abschnitt ab „Bekennt ihr endlich euch für überwunden?“ bis zum Schluss.

Weitere Rollen aus diesem Stück

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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