Macbeth: „Ist das ein Dolch, was ich vor mir erblicke?“

Monolog · Renaissance & Shakespeare · Blankvers (Übersetzung Dorothea Tieck)

Macbeth: Ist das ein Dolch, was ich vor mir erblicke?

aus Macbeth (1606) von William Shakespeare · II. Aufzug, 1. Szene

Originaltext · Macbeth, William Shakespeare (1606)Ausschnitt
Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 254 Wörter
Umfang
35 VerseAusschnitt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 28–55redaktionelle Einschätzung
Tonlage
gebannternst & dramatisch
Sprache
Blankvers (Übersetzung Dorothea Tieck)behutsam modernisiert
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(Inverness, Hof in Macbeths Schloss. Nacht. Macbeth hat Banquo verabschiedet und den Diener fortgeschickt; König Duncan schläft als Gast im Haus.)

  1. Ist das ein Dolch, was ich vor mir erblicke,
  2. Der Griff mir zugekehrt? Komm, lass dich packen –
  3. Ich fass’ dich nicht, und doch seh’ ich dich immer.
  4. Bist du, Unglücksgebild, so fühlbar nicht
  5. Der Hand, gleich wie dem Aug’? oder bist du nur
  6. Ein Dolch der Einbildung, ein nichtig Blendwerk,
  7. Das aus dem heiß gequälten Hirn erwächst?
  8. Ich seh’ dich noch, so greifbar von Gestalt
  9. Wie der, den jetzt ich zücke.
  10. Du gehst mir vor den Weg, den ich will schreiten,
  11. Und eben solche Waffe wollt’ ich brauchen.
  12. Mein Auge ward der Narr der andern Sinne,
  13. Oder mehr als alle wert. – Ich seh’ dich stets,
  14. Und dir an Griff und Klinge Tropfen Bluts,
  15. Was erst nicht war. – Es ist nicht wirklich da:
  16. Es ist die blut’ge Arbeit, die mein Auge
  17. So in die Lehre nimmt. – Jetzt auf der halben Erde
  18. Scheint tot Natur, und den verhangnen Schlaf
  19. Quälen Versucherträume; Hexenkunst
  20. Begeht den Dienst der bleichen Hekate;
  21. Und dürrer Mord,
  22. Durch seine Schildwacht aufgeschreckt, den Wolf,
  23. Der ihm das Wachtwort heult, – so dieb’schen Schrittes,
  24. Wie wild entbrannt Tarquin, dem Ziel entgegen,
  25. Schreitet gespenstisch. –
  26. Du festgefugte Erde, leicht verwundbar,
  27. Hör’ meine Schritte nicht, wo sie auch wandeln,
  28. Dass nicht ausschwatzen selber deine Steine
  29. Mein Wohinaus und von der Stunde nehmen
  30. Den jetz’gen stummen Graus, der so ihr ziemt. –
  31. Hier droh’ ich, er lebt dort;
  32. Für heiße Tat zu kalt das müss’ge Wort!

(Die Glocke wird angeschlagen.)

  1. Ich geh’, und ’s ist getan: die Glocke mahnt.
  2. Hör’ sie nicht, Duncan, ’s ist ein Grabgeläut’,
  3. Das dich zu Himmel oder Höll’ entbeut.

(Er steigt hinauf.)

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Spielhinweise

  • Der Dolch ist nicht da. Lege genau fest, wo er schwebt und wohin er sich bewegt; dann folgt der Blick des Publikums dir.
  • Dorothea Tiecks Blankvers hat viele unvollständige Zeilen („Wie der, den jetzt ich zücke.“). Nutze diese Lücken als Momente, in denen Macbeth wirklich hinschaut.
  • Ab „Jetzt auf der halben Erde“ verändert sich der Ton: Macbeth beschreibt die Nacht, als gehöre er schon zu ihr. Das ist kein Naturbild, sondern eine Selbstverwandlung.
  • Die Glocke ist das Zeichen seiner Frau. Die letzten drei Verse sind ein Entschluss, gesprochen zu Duncan, der nichts hört.

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