König Heinrich V.: „Uns wen’ge, uns beglücktes Häuflein Brüder“

Monolog · Renaissance & Shakespeare · Blankvers (Übersetzung August Wilhelm Schlegel)

König Heinrich der Fünfte: Uns wen’ge, uns beglücktes Häuflein Brüder

aus König Heinrich der Fünfte (1599) von William Shakespeare · IV. Aufzug, 3. Szene

Originaltext · König Heinrich der Fünfte, William Shakespeare (1599)ungekürzt
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 363 Wörter
Umfang
51 Verseungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 22–45redaktionelle Einschätzung
Tonlage
entschlossenleidenschaftlich
Sprache
Blankvers (Übersetzung August Wilhelm Schlegel)behutsam modernisiert
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(Das englische Lager bei Azincourt, am Morgen der Schlacht. Die Franzosen sind fünfmal so stark. Westmoreland wünscht sich zehntausend Mann aus England herbei.)

  1. Wer wünschte so?
  2. Mein Vetter Westmoreland? – Nein, bester Vetter:
  3. Zum Tode ausersehn, sind wir genug
  4. Zu unsers Lands Verlust; und wenn wir leben,
  5. Je klein’re Zahl, je größres Ehrenteil.
  6. Wie Gott will! Wünsche nur nicht einen mehr!
  7. Beim Zeus, ich habe keine Gier nach Gold,
  8. Noch frag’ ich, wer auf meine Kosten lebt,
  9. Mich kränkt’s nicht, wenn sie meine Kleider tragen;
  10. Mein Sinn steht nicht auf solche äußre Dinge:
  11. Doch wenn es Sünde ist, nach Ehre geizen,
  12. Bin ich das schuldigste Gemüt, das lebt.
  13. Nein, Vetter, wünsche keinen Mann von England:
  14. Bei Gott! Ich geb’ um meine beste Hoffnung
  15. Nicht so viel Ehre weg, als ein Mann mehr
  16. Mir würd’ entziehn. O wünsch’ nicht einen mehr!
  17. Ruf’ lieber aus im Heere, Westmoreland,
  18. Dass jeder, der nicht Lust zu fechten hat,
  19. Nur hinziehn mag; man stell’ ihm seinen Pass
  20. Und stecke Reisegeld in seinen Beutel:
  21. Wir wollen nicht in des Gesellschaft sterben,
  22. Der die Gemeinschaft scheut mit unserm Tod.
  23. Der heut’ge Tag heißt Crispianus’ Fest:
  24. Der, so ihn überlebt und heimgelangt,
  25. Wird auf dem Sprung stehn, nennt man diesen Tag,
  26. Und sich beim Namen Crispianus rühren.
  27. Wer heut am Leben bleibt und kommt zu Jahren,
  28. Der gibt ein Fest am heil’gen Abend jährlich
  29. Und sagt: »Auf morgen ist Sankt Crispian!«,
  30. Streift dann die Ärmel auf, zeigt seine Narben
  31. Und sagt: »An Crispins Tag empfing ich die.«
  32. Die Alten sind vergesslich; doch wenn alles
  33. Vergessen ist, wird er sich noch erinnern
  34. Mit manchem Zusatz, was er an dem Tag
  35. Für Stücke tat: dann werden unsre Namen,
  36. Geläufig seinem Mund wie Alltagsworte,
  37. Heinrich der König, Bedford, Exeter,
  38. Warwick und Talbot, Salisbury und Gloster,
  39. Bei ihren vollen Schalen frisch bedacht!
  40. Der wackre Mann lehrt seinem Sohn die Märe,
  41. Und nie von heute bis zum Schluss der Welt
  42. Wird Crispin Crispian vorübergehn,
  43. Dass man nicht uns dabei erwähnen sollte,
  44. Uns wen’ge, uns beglücktes Häuflein Brüder:
  45. Denn welcher heut sein Blut mit mir vergießt,
  46. Der wird mein Bruder; sei er noch so niedrig,
  47. Der heut’ge Tag wird adeln seinen Stand.
  48. Und Edelleut’ in England, jetzt im Bett’,
  49. Verfluchen einst, dass sie nicht hier gewesen,
  50. Und werden kleinlaut, wenn nur jemand spricht,
  51. Der mit uns focht am Sankt Crispinus-Tag.

(Salisbury tritt auf.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Die Rede beginnt als Antwort auf einen beiläufigen Wunsch. Spiele sie nicht als Ansprache, die schon fertig im Kopf ist; sie entsteht im Moment.
  • Der Mittelteil malt die Zukunft aus: ein alter Mann zeigt seine Narben. Gib diesem Bild Zeit; es ist das stärkste Argument.
  • „Uns wen’ge, uns beglücktes Häuflein Brüder“ ist berühmt. Steigere nicht auf diesen Satz hin, sondern sprich ihn leise und nah.
  • Schlegels Blankvers trägt die Steigerung. Achte auf die langen Satzbögen und atme an den Satzenden, nicht am Versende (vgl. Verssprechen).

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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