Herr C.: Der fechtende Bär („Über das Marionettentheater“)

Monolog · Romantik · erzählende Prosa

Herr C.: Glauben Sie diese Geschichte?

aus Über das Marionettentheater (1810) von Heinrich von Kleist · Schluss des Aufsatzes (Ausschnitt)

Originaltext · Über das Marionettentheater, Heinrich von Kleist (1810)Ausschnitt
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 401 Wörter
Umfang
401 WörterAusschnitt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 25–70redaktionelle Einschätzung
Tonlage
präziseernst & dramatisch
Sprache
erzählende Prosabehutsam modernisiert
PDF-Optionen

(Ein öffentlicher Garten, Winterabend. Herr C., erster Tänzer der Oper, erzählt einem Bekannten eine Begebenheit aus Livland.)

Ich befand mich, auf meiner Reise nach Russland, auf einem Landgut des Hrn. v. G…, eines livländischen Edelmanns, dessen Söhne sich eben damals stark im Fechten übten. Besonders der Ältere, der eben von der Universität zurückgekommen war, machte den Virtuosen, und bot mir, da ich eines Morgens auf seinem Zimmer war, ein Rapier an. Wir fochten; doch es traf sich, dass ich ihm überlegen war; Leidenschaft kam dazu, ihn zu verwirren; fast jeder Stoß, den ich führte, traf, und sein Rapier flog zuletzt in den Winkel. Halb scherzend, halb empfindlich, sagte er, indem er das Rapier aufhob, dass er seinen Meister gefunden habe: doch alles auf der Welt finde den seinen, und fortan wolle er mich zu dem meinigen führen. Die Brüder lachten laut auf, und riefen: Fort! fort! In den Holzstall herab! und damit nahmen sie mich bei der Hand und führten mich zu einem Bären, den Hr. v. G., ihr Vater, auf dem Hofe auferziehen ließ.

Der Bär stand, als ich erstaunt vor ihn trat, auf den Hinterfüßen, mit dem Rücken an einem Pfahl gelehnt, an welchem er angeschlossen war, die rechte Tatze schlagfertig erhoben, und sah mir ins Auge: das war seine Fechterpositur. Ich wusste nicht, ob ich träumte, da ich mich einem solchen Gegner gegenüber sah; doch stoßen Sie! stoßen Sie! sagte Hr. v. G… und versuchen Sie, ob Sie ihm eins beibringen können! Ich fiel, da ich mich ein wenig von meinem Erstaunen erholt hatte, mit dem Rapier auf ihn aus; der Bär machte eine ganz kurze Bewegung mit der Tatze und parierte den Stoß. Ich versuchte ihn durch Finten zu verführen; der Bär rührte sich nicht. Ich fiel wieder, mit einer augenblicklichen Gewandtheit, auf ihn aus, eines Menschen Brust würde ich ohnfehlbar getroffen haben: der Bär machte eine ganz kurze Bewegung mit der Tatze und parierte den Stoß. Jetzt war ich fast in dem Fall des jungen Hr. von G…. Der Ernst des Bären kam hinzu, mir die Fassung zu rauben, Stöße und Finten wechselten sich, mir triefte der Schweiß: umsonst! Nicht bloß, dass der Bär, wie der erste Fechter der Welt, alle meine Stöße parierte; auf Finten (was ihm kein Fechter der Welt nachmacht) ging er gar nicht einmal ein: Aug’ in Auge, als ob er meine Seele darin lesen könnte, stand er, die Tatze schlagfertig erhoben, und wenn meine Stöße nicht ernsthaft gemeint waren, so rührte er sich nicht.

Glauben Sie diese Geschichte?

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Spielhinweise

  • Herr C. erzählt eine kaum glaubliche Geschichte mit vollem Ernst. Die Genauigkeit der Beschreibung macht sie glaubwürdig.
  • Der Satz „der Bär machte eine ganz kurze Bewegung mit der Tatze und parierte den Stoß“ kommt zweimal. Spiele die Wiederholung als wachsende Verblüffung.
  • Kleists Sätze sind lang und voller Einschübe. Halte den Bogen bis zum Satzende; die Einschübe sind Atemräume, keine Haltepunkte.
  • Die Schlussfrage geht direkt an den Erzähler. Vor der Kamera kann sie an das Objektiv gerichtet sein, auf der Bühne an eine Person im Raum oder ins Publikum.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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