Gustav: Das Vorsprechen

Monolog · Gegenwart · Alltagssprache

Gustav: Die Mitte fehlt mir, das Ende hab ich.

Freier Text von SceneTalent

Von SceneTalent geschrieben. Frei zum Üben, Vorsprechen und für Self-Tapes – bitte mit Quellenangabe „Text: SceneTalent“. Den Text selbst nicht ohne unser Einverständnis weiterverbreiten.
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 342 Wörter
Umfang
342 Wörterungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 78–88redaktionelle Einschätzung
Tonlage
feierlichtragikomisch
Sprache
Alltagssprache
PDF-Optionen

(Ein Probenraum im Bürgerhaus. In der Mitte ein Stuhl, davor an einem Tisch die Leiterin des Seniorentheaters und zwei Mitglieder. Gustav, vierundachtzig, im Cordjackett, den Hut in der Hand, stellt sich hinter den Stuhl und räuspert sich.)

Guten Tag. Gustav Lemke. Vierundachtzig. Ich habe mich für den Faust entschieden. Den ersten Monolog. (Er sieht kurz zum Tisch.) Ja, ich weiß, dass Sie „Was ihr wollt“ machen. Ich wollte trotzdem. Den Faust wollte ich schon mit siebzehn spielen. Da hab ich den Schüler gekriegt. Ich habe siebenundsechzig Jahre gewartet.

(Er legt den Hut auf den Stuhl und nimmt Haltung an.) „Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin, / Und leider auch Theologie!“ (Pause.) (Pause.) Und leider auch Theologie …

(Stille. Er sieht zur Decke.)

Moment. Das kommt. Heute Morgen beim Rasieren lief es wie geschmiert. Meine Nachbarin hat geklopft, weil ich so laut war. (Er schließt die Augen.) „Habe nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin, / Und leider auch Theologie!“ (Er öffnet die Augen.) Es ist immer die Theologie. Da hört es auf. Das ist doch ein Zeichen.

(Zum Tisch.) Nein, nein, bitte nicht vorsagen. Wenn Sie mir das vorsagen, ist es ja nicht mehr meins. (Er hört zu.) Sie wollen wissen, was danach kommt? Das weiß ich doch. „Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.“ Sehen Sie. (Er freut sich.) Das ist die vierte Zeile! Die kann ich! Ich komme nur aus der dritten nicht heraus.

(Er setzt sich auf den Stuhl, auf den Hut. Steht wieder auf, nimmt den zerdrückten Hut, setzt sich wieder.)

Wissen Sie, warum ich den Faust spielen will? Der hat alles studiert und ist trotzdem nicht klüger geworden. So steht es da: „Und bin so klug als wie zuvor.“ (Pause.) Das weiß ich nämlich auch noch. Die Mitte fehlt mir, das Ende hab ich.

Ich habe nicht studiert. Ich war Schlosser. Aber ich habe vierundachtzig Jahre gelebt. Zwei Kinder großgezogen und eins begraben. Meine Frau gepflegt, sieben Jahre lang, bis sie nicht mehr wusste, wer ich bin, und ihr trotzdem jeden Abend erzählt, wer ich bin. (Pause.) Und jetzt sitze ich hier und bin so klug als wie zuvor. Das ist der Faust. Das bin ich. Nur ohne Teufel. Der kam bei mir nie vorbei. Hätte ich vielleicht mal anrufen sollen.

(Lachen am Tisch. Gustav lächelt.)

(Er steht auf.) Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie suchen doch noch Leute für „Was ihr wollt“. Ich nehme jede Rolle. Auch einen Diener, wenn es einen gibt. (Pause.) Aber einmal, nur einmal, bei der Premierenfeier, da stelle ich mich auf einen Stuhl und mache den Faust. Bis zur dritten Zeile. Und dann sagen alle im Chor die vierte.

(Er setzt den zerdrückten Hut auf.) Das wäre doch was. Faust mit Souffleuse. Und zwar mit dem ganzen Saal.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Gustav zitiert die ersten Verse aus Goethes „Faust“. Sprich sie mit Freude am Vers und mit echtem Ernst. Die Komik entsteht aus dem immer gleichen Abbruch, nicht aus einem verwirrten alten Mann. Mehr zum Verssprechen.
  • Gustav weiß genau, was er kann und was nicht. Er hat Witz und Würde. Spiele ihn nie als bemitleidenswert; der Status bleibt bei ihm.
  • Der Hut ist eine kleine Requisite mit großer Wirkung. Dass Gustav sich daraufsetzt, ist ein stiller Gag.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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