(Gerichtsstube in Huisum. Frau Marthe Rull mit dem zerbrochenen Krug vor dem Richter Adam und dem Gerichtsrat Walter.)
- Seht ihr den Krug, ihr wertgeschätzten Herren?
- Seht ihr den Krug?
[…]
- Nichts seht ihr, mit Verlaub, die Scherben seht ihr;
- Der Krüge schönster ist entzwei geschlagen.
- Hier grade auf dem Loch, wo jetzo nichts,
- Sind die gesamten niederländischen Provinzen
- Dem span’schen Philipp übergeben worden.
- Hier im Ornat stand Kaiser Karl der fünfte:
- Von dem seht ihr nur noch die Beine stehn.
- Hier kniete Philipp, und empfing die Krone:
- Der liegt im Topf, bis auf den Hinterteil,
- Und auch noch der hat einen Stoß empfangen.
- Dort wischten seine beiden Muhmen sich,
- Der Franzen und der Ungarn Königinnen,
- Gerührt die Augen aus; wenn man die Eine
- Die Hand noch mit dem Tuch empor sieht heben,
- So ist’s, als weinete sie über sich.
- Hier im Gefolge stützt sich Philibert,
- Für den den Stoß der Kaiser aufgefangen,
- Noch auf das Schwert; doch jetzo müsst’ er fallen,
- So gut wie Maximilian: der Schlingel!
- Die Schwerter unten jetzt sind weggeschlagen.
- Hier in der Mitte, mit der heil’gen Mütze,
- Sah man den Erzbischof von Arras stehn;
- Den hat der Teufel ganz und gar geholt,
- Sein Schatten nur fällt lang noch übers Pflaster.
- Hier standen rings, im Grunde, Leibtrabanten,
- Mit Hellebarden, dicht gedrängt, und Spießen,
- Hier Häuser, seht, vom großen Markt zu Brüssel,
- Hier guckt noch ein Neugier’ger aus dem Fenster:
- Doch was er jetzo sieht, das weiß ich nicht.
[…]
- Erlaubt! Wie schön der Krug, gehört zur Sache! —
- Den Krug erbeutete sich Childerich,
- Der Kesselflicker, als Oranien
- Briel mit den Wassergeusen überrumpelte.
- Ihn hatt’ ein Spanier, gefüllt mit Wein,
- Just an den Mund gesetzt, als Childerich
- Den Spanier von hinten niederwarf,
- Den Krug ergriff, ihn leert’, und weiter ging.
[…]
- Hierauf vererbte
- Der Krug auf Fürchtegott, den Totengräber;
- Der trank zu dreimal nur, der Nüchterne,
- Und stets vermischt mit Wasser aus dem Krug.
- Das erstemal, als er im Sechzigsten
- Ein junges Weib sich nahm; drei Jahre drauf,
- Als sie noch glücklich ihn zum Vater machte;
- Und als sie jetzt noch funfzehn Kinder zeugte,
- Trank er zum drittenmale, als sie starb.
[…]
- Drauf fiel der Krug
- An den Zachäus, Schneider in Tirlemont,
- Der meinem seel’gen Mann, was ich euch jetzt
- Berichten will, mit eignem Mund erzählt.
- Der warf, als die Franzosen plünderten,
- Den Krug, samt allem Hausrat, aus dem Fenster,
- Sprang selbst, und brach den Hals, der Ungeschickte,
- Und dieser irdne Krug, der Krug von Ton,
- Aufs Bein kam er zu stehen, und blieb ganz.
[…]
- Drauf in der Feuersbrunst von Sechs und sechzig,
- Da hatt’ ihn schon mein Mann, Gott hab’ ihn selig —
[…]
- Was ihm geschehen?
- Nichts ist dem Krug, ich bitt’ euch sehr, ihr Herren,
- Nichts Anno sechs und sechzig ihm geschehen.
- Ganz blieb der Krug, ganz in der Flammen Mitte,
- Und aus des Hauses Asche zog ich ihn
- Hervor, glasiert, am andern Morgen, glänzend,
- Als käm’ er eben aus dem Töpferofen.
[…]
- Nun diesen Krug jetzt setzt — den Krug,
- Zertrümmert einen Krug noch wert, den Krug
- Für eines Fräuleins Mund, die Lippe selbst,
- Nicht der Frau Erbstatthalterin zu schlecht,
- Den Krug, ihr hohen Herren Richter beide,
- Den Krug hat jener Schlingel mir zerbrochen.
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