Faustus: „Jetzt hast du nur ein Stündlein noch zu leben“

Monolog · Renaissance & Shakespeare · Blankvers (Übersetzung Wilhelm Müller)

Faustus: Jetzt hast du nur ein Stündlein noch zu leben, und dann bist du verdammt in Ewigkeit.

aus Doktor Faustus (1592) von Christopher Marlowe · Schlussszene

Originaltext · Doktor Faustus, Christopher Marlowe (1592)ungekürzt
Dauer
ca. 4 Mingeschätzt, 392 Wörter
Umfang
54 Verseungekürzt
Figur
männlich
Spielalter
ca. 25–70redaktionelle Einschätzung
Tonlage
verzweifelternst & dramatisch
Sprache
Blankvers (Übersetzung Wilhelm Müller)behutsam modernisiert
PDF-Optionen

(Faustus’ Studierzimmer in Wittenberg, kurz nach elf Uhr nachts. Vor vierundzwanzig Jahren hat Faustus seine Seele dem Teufel verschrieben; um Mitternacht läuft der Vertrag ab. Die Glocke hat eben elf geschlagen.)

  1. O Faustus,
  2. Jetzt hast du nur ein Stündlein noch zu leben,
  3. Und dann bist du verdammt in Ewigkeit. –
  4. Steht still, ihr nimmermüden Himmelssphären,
  5. Und hemmt den Lauf der Zeit, eh’ zwölf sie schlägt!
  6. Natur, schlag’ wieder auf dein schönes Aug’ und gib
  7. Uns ewgen Tag! Oh lass zum Jahr die Stunde werden,
  8. Zum Mond, zur Woche, nur zu einem Tag,
  9. Dass Faust bereu’ und seine Seele rette!
  10. O lente lente currite noctis equi! –
  11. Fort gehn die Stern’, es rinnt die Zeit, der Pendel schwingt,
  12. Der Teufel naht, die Hölle tut sich auf. –
  13. Oh, auf zum Himmel, Faust! – Wer reißt mich nieder? –
  14. Sieh, wie’s da oben wogt von Christi Blut!
  15. Ein Tropfen kann mich retten – o mein Christ!
  16. Ich ruf’ ihn an – o hilf mir, Lucifer!
  17. Wo ist es nun? – S’ ist aus!
  18. Und sieh, ein dräu’nder Arm, ein finstrer Braun! –
  19. Oh Berg’ und Hügel, kommt, kommt, fallt auf mich,
  20. Und deckt mich vor des Himmels schwerem Zorn!
  21. Nicht? – Nun, so stürz’ ich häuptlings in die Erde!
  22. Tu’ auf dich, Erde! Willst mich nicht verschlingen? –
  23. Ihr Sterne, die mir die Geburt regiert,
  24. Die mich dem Tod, der Hölle preisgegeben,
  25. Jetzt zieht mich auf, gleich einem Nebeldunst,
  26. In jener schwarzen Wolke schwangern Schoß,
  27. Dass mein Gebein aus ihres Schlundes Dampf
  28. Sie speie, wenn die Stürme sie zerreißen –
  29. Doch meine Seele lasst zum Himmel schweben!

(Die Glocke schlägt halb zwölf.)

  1. Die eine Hälft’ ist hin, bald auch die andre. –
  2. Oh muss die Seele für die Sünde leiden,
  3. So setz’ ein Ende für die stete Qual!
  4. Lass tausend Jahr’ mich in der Hölle leben,
  5. Ja hunderttausend, aber rette dann!
  6. Ach, den Verdammten ist kein Ziel gesteckt!
  7. Warum bist du kein seelenloses Wesen?
  8. Warum ist diese, deine Seel’ unsterblich?
  9. O Seelenwandrung, o Pythagoras!
  10. Wenn diese Seele von mir flög’ und sich
  11. Zu einem Tier verkehrte! –
  12. Glücklich sind alle Tiere, denn sie sterben
  13. Und ihre Seelen fließen in die Lüfte,
  14. Doch meine lebt zur ewgen Höllenqual! –
  15. Verflucht die Eltern, welche mich erzeugten!
  16. Nein, Fluch dir selber, Faust, Fluch Lucifern,
  17. Der um des Himmels Freuden dich betrogen!

(Es schlägt zwölf.)

  1. Es schlägt, es schlägt! Nun, Leib, zerfließ’ in Luft,
  2. Sonst trägt dich flugs zur Hölle Lucifer!
  3. O Seele, schmilz zu kleinen Wassertropfen,
  4. Fall’ in den Ozean, dass dich keiner finde!

(Donner. Die Teufel kommen.)

  1. O Gnade, Himmel! Schau so stolz nicht nieder!
  2. Ottern und Schlangen, lasst mich atmen noch!
  3. Klaff’, schwarze Hölle, nicht! Fort, Lucifer!
  4. O Mephostophilis! Ins Feur die Bücher!

(Die Teufel zerreißen ihn, dann verschwinden sie.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Die Uhr ist dein Gegenüber. Halb zwölf und zwölf teilen den Monolog in drei Abschnitte, und jeder ist schneller als der vorige (vgl. Tempo und Rhythmus).
  • Die lateinische Zeile stammt aus Ovid und heißt etwa: „Langsam, langsam lauft, ihr Rosse der Nacht!“ Faustus zitiert, was er gelernt hat, und es hilft ihm nicht.
  • Er wechselt ständig die Richtung: nach oben zum Himmel, nach unten in die Erde, nach innen zur eigenen Seele. Gib jeder Richtung einen klaren Blick und eine Haltung.
  • Für ein Vorsprechen kannst du mit „Ins Feur die Bücher!“ enden; das Erscheinen der Teufel braucht keine Darstellung.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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