(Faustus’ Studierzimmer in Wittenberg, kurz nach elf Uhr nachts. Vor vierundzwanzig Jahren hat Faustus seine Seele dem Teufel verschrieben; um Mitternacht läuft der Vertrag ab. Die Glocke hat eben elf geschlagen.)
- O Faustus,
- Jetzt hast du nur ein Stündlein noch zu leben,
- Und dann bist du verdammt in Ewigkeit. –
- Steht still, ihr nimmermüden Himmelssphären,
- Und hemmt den Lauf der Zeit, eh’ zwölf sie schlägt!
- Natur, schlag’ wieder auf dein schönes Aug’ und gib
- Uns ewgen Tag! Oh lass zum Jahr die Stunde werden,
- Zum Mond, zur Woche, nur zu einem Tag,
- Dass Faust bereu’ und seine Seele rette!
- O lente lente currite noctis equi! –
- Fort gehn die Stern’, es rinnt die Zeit, der Pendel schwingt,
- Der Teufel naht, die Hölle tut sich auf. –
- Oh, auf zum Himmel, Faust! – Wer reißt mich nieder? –
- Sieh, wie’s da oben wogt von Christi Blut!
- Ein Tropfen kann mich retten – o mein Christ!
- Ich ruf’ ihn an – o hilf mir, Lucifer!
- Wo ist es nun? – S’ ist aus!
- Und sieh, ein dräu’nder Arm, ein finstrer Braun! –
- Oh Berg’ und Hügel, kommt, kommt, fallt auf mich,
- Und deckt mich vor des Himmels schwerem Zorn!
- Nicht? – Nun, so stürz’ ich häuptlings in die Erde!
- Tu’ auf dich, Erde! Willst mich nicht verschlingen? –
- Ihr Sterne, die mir die Geburt regiert,
- Die mich dem Tod, der Hölle preisgegeben,
- Jetzt zieht mich auf, gleich einem Nebeldunst,
- In jener schwarzen Wolke schwangern Schoß,
- Dass mein Gebein aus ihres Schlundes Dampf
- Sie speie, wenn die Stürme sie zerreißen –
- Doch meine Seele lasst zum Himmel schweben!
(Die Glocke schlägt halb zwölf.)
- Die eine Hälft’ ist hin, bald auch die andre. –
- Oh muss die Seele für die Sünde leiden,
- So setz’ ein Ende für die stete Qual!
- Lass tausend Jahr’ mich in der Hölle leben,
- Ja hunderttausend, aber rette dann!
- Ach, den Verdammten ist kein Ziel gesteckt!
- Warum bist du kein seelenloses Wesen?
- Warum ist diese, deine Seel’ unsterblich?
- O Seelenwandrung, o Pythagoras!
- Wenn diese Seele von mir flög’ und sich
- Zu einem Tier verkehrte! –
- Glücklich sind alle Tiere, denn sie sterben
- Und ihre Seelen fließen in die Lüfte,
- Doch meine lebt zur ewgen Höllenqual! –
- Verflucht die Eltern, welche mich erzeugten!
- Nein, Fluch dir selber, Faust, Fluch Lucifern,
- Der um des Himmels Freuden dich betrogen!
(Es schlägt zwölf.)
- Es schlägt, es schlägt! Nun, Leib, zerfließ’ in Luft,
- Sonst trägt dich flugs zur Hölle Lucifer!
- O Seele, schmilz zu kleinen Wassertropfen,
- Fall’ in den Ozean, dass dich keiner finde!
(Donner. Die Teufel kommen.)
- O Gnade, Himmel! Schau so stolz nicht nieder!
- Ottern und Schlangen, lasst mich atmen noch!
- Klaff’, schwarze Hölle, nicht! Fort, Lucifer!
- O Mephostophilis! Ins Feur die Bücher!
(Die Teufel zerreißen ihn, dann verschwinden sie.)
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