Constanze: „Gram füllt die Stelle des entfernten Kindes“

Monolog · Renaissance & Shakespeare · Blankvers (Übersetzung August Wilhelm Schlegel)

Constanze: Gram füllt die Stelle des entfernten Kindes

aus König Johann (1596) von William Shakespeare · III. Aufzug, 4. Szene

Originaltext · König Johann, William Shakespeare (1596)eingerichtet
Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 260 Wörter
Umfang
35 Verseeingerichtet
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 30–50redaktionelle Einschätzung
Tonlage
verzweifeltleidenschaftlich
Sprache
Blankvers (Übersetzung August Wilhelm Schlegel)behutsam modernisiert
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(Das französische Lager. Arthur ist in die Hände König Johanns gefallen. Constanze kommt mit gelöstem Haar; König Philipp und der Kardinal Pandulpho versuchen, sie zu beruhigen.)

  1. Das will ich, ja: und warum will ich’s tun?
  2. Ich riss sie aus den Banden und rief laut:
  3. »O lösten diese Hände meinen Sohn,
  4. Wie sie in Freiheit dieses Haar gesetzt!«
  5. Doch nun beneid’ ich ihre Freiheit ihnen
  6. Und will sie wieder in die Banden schlagen:
  7. Mein armes Kind ist ein Gefangner ja. –
  8. Ich hört’ Euch sagen, Vater Kardinal,
  9. Wir sehn und kennen unsre Freund’ im Himmel;
  10. Ist das, so seh’ ich meinen Knaben wieder;
  11. Denn seit des Erstgebornen Kain Zeit,
  12. Bis auf das Kind, das erst seit gestern atmet,
  13. Kam kein so liebliches Geschöpf zur Welt.
  14. Nun aber nagt der Sorgen Wurm mein Knöspchen
  15. Und scheucht den frischen Reiz von seinen Wangen,
  16. Dass er so hohl wird aussehn wie ein Geist,
  17. So bleich und mager wie ein Fieberschauer,
  18. Und wird so sterben; und so auferstanden,
  19. Wenn ich ihn treffe in des Himmels Saal,
  20. Erkenn’ ich ihn nicht mehr: drum werd’ ich nie,
  21. Nie meinen zarten Arthur wiedersehn.

[…]

  1. Gram füllt die Stelle des entfernten Kindes,
  2. Legt in sein Bett sich, geht mit mir umher,
  3. Nimmt seine allerliebsten Blicke an,
  4. Spricht seine Worte nach, erinnert mich
  5. An alle seine holden Gaben, füllt
  6. Die leeren Kleider aus mit seiner Bildung;
  7. Drum hab’ ich Ursach’, meinen Gram zu lieben.
  8. Gehabt Euch wohl! Wär’ Euch geschehn, was mir,
  9. Ich wollt’ Euch besser trösten als Ihr mich.

(Sie reißt ihren Kopfputz ab.)

  1. Ich will die Zier nicht auf dem Haupt behalten,
  2. Da mein Gemüt so wild zerrüttet ist.
  3. O Gott, mein Kind! Mein holder Sohn! Mein Arthur!
  4. Mein Leben! Meine Lust! Mein alles du!
  5. Mein Witwentrost und meines Kummers Heil!

(Ab.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Constanze ist nicht wahnsinnig, auch wenn die anderen das meinen. Sie denkt sehr genau: Wenn Arthur in Gefangenschaft verfällt, wird sie ihn im Himmel nicht erkennen.
  • Das Haar ist eine reale Handlung. Ob du es löst oder bindest, verrät, wo Constanze gerade steht.
  • Zwischen den beiden Reden ist ein kurzer Wortwechsel gestrichen. Spiele den Einwand der anderen mit, bevor „Gram füllt die Stelle“ beginnt.
  • Die letzten drei Verse sind ein Aufschrei aus Namen und Kosewörtern. Baue bis dahin auf, statt von Anfang an laut zu sein; Spannungsbogen.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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