Nathalie und Ruth: Das Kloster

Dialog · 2 Personen · Gegenwart · Alltagssprache

Nathalie und Ruth: Ich will nicht die Mutter sein, um die ihr euch kümmern müsst. Ich will eine Schwester sein, die sich um andere kümmert.

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Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 383 Wörter
Umfang
383 WörterNathalie · Ruth
Figuren
weiblich + weiblich
Spielalter
ca. 40–70redaktionelle Einschätzung
Tonlage
sachlichtragikomisch
Sprache
Alltagssprache
PDF-Optionen
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(Eine Küche. Ruth, siebzig, schneidet Kuchen. Nathalie, dreiundvierzig, im Blazer, sitzt vor einem Laptop und tippt.)

Nathalie

Ich hab das mal strukturiert. Damit wir sachlich bleiben können.

Stichwort: „… strukturiert. Damit wir sachlich bleiben können.“

Ruth

Möchtest du ein Stück Kuchen?

Stichwort: „Möchtest du ein Stück Kuchen?“

Nathalie

Später. (Sie dreht den Laptop zu Ruth.) Spalte A: Argumente. Spalte B: Gewichtung von eins bis fünf. Spalte C: deine Gegenargumente. Die ist noch leer.

Stichwort: „… deine Gegenargumente. Die ist noch leer.“

Ruth

Das ist sehr ordentlich.

Stichwort: „Das ist sehr ordentlich.“

Nathalie

Punkt eins: Du bist evangelisch.

Stichwort: „Punkt eins: Du bist evangelisch.“

Ruth

Das Kloster auch.

Stichwort: „Das Kloster auch.“

Nathalie

Das gibt’s?

Stichwort: „Das gibt’s?“

Ruth

Seit über siebzig Jahren. Sie singen viermal am Tag. Ich war schon dreimal zu Besuch.

Stichwort: „… Ich war schon dreimal zu Besuch.“

Nathalie

(Tippt.) Dreimal. Ohne es zu erwähnen. Punkt zwei: Du kannst nicht schweigen. Du redest beim Fernsehen mit der Tagesschau.

Stichwort: „… redest beim Fernsehen mit der Tagesschau.“

Ruth

Man schweigt da nur beim Essen und nach dem Abendgebet. Den Rest des Tages darf man reden. Und mit der Tagesschau rede ich, weil sie nie antwortet. Das ist sehr erholsam.

Stichwort: „… nie antwortet. Das ist sehr erholsam.“

Nathalie

Punkt drei: der Hund.

Stichwort: „Punkt drei: der Hund.“

Ruth

Der Hund kommt mit. Schwester Agnes hat auch einen. Einen Dackel. Die beiden haben sich schon beschnuppert.

Stichwort: „… Die beiden haben sich schon beschnuppert.“

Nathalie

(Klickt.) Punkt vier: Was ist mit uns? Mit den Enkeln? Weihnachten?

Stichwort: „… mit uns? Mit den Enkeln? Weihnachten?“

Ruth

Die Gäste dürfen Besuch haben. Und Weihnachten ist im Kloster sehr schön. Die singen da Lieder, die du noch nie gehört hast. Ihr seid eingeladen. Alle. Auch Michael, obwohl er zu laut isst.

Stichwort: „… Michael, obwohl er zu laut isst.“

Nathalie

(Sie scrollt an einer Zeile vorbei.) Punkt sechs: das Haus.

Stichwort: „Punkt sechs: das Haus.“

Ruth

Das vermiete ich. An Frau Çelik und ihre zwei Kinder aus der Dachgeschosswohnung. Die zahlen weniger als üblich, dafür gießen sie die Tomaten.

Stichwort: „… üblich, dafür gießen sie die Tomaten.“

Nathalie

Du hast an alles gedacht.

Stichwort: „Du hast an alles gedacht.“

Ruth

Ich hatte zwei Jahre Zeit.

Stichwort: „Ich hatte zwei Jahre Zeit.“

Nathalie

Punkt fünf. (Sie zögert.) Papa.

Stichwort: „Punkt fünf. Papa.“

(Pause. Ruth legt das Messer hin.)

Nathalie

Du läufst weg. Seit Papa tot ist, hast du kein einziges Mal geweint. Und jetzt willst du in ein Kloster, damit du nicht musst.

Stichwort: „… ein Kloster, damit du nicht musst.“

Ruth

Ich hab geweint. Jeden Abend, zwei Jahre lang. Du hast es nur nicht gesehen, weil du um acht immer schon wieder auf der Autobahn warst.

Stichwort: „… schon wieder auf der Autobahn warst.“

(Stille. Nathalie sieht auf den Bildschirm.)

Ruth

Weißt du, wie die letzten zwei Jahre waren? Ihr ruft an und fragt: Hast du gegessen? Hast du die Tabletten genommen? Brauchst du was? Ihr seid lieb. Aber ich bin plötzlich jemand, auf den man aufpassen muss. Ich will nicht die Mutter sein, um die ihr euch kümmern müsst. Ich will eine Schwester sein, die sich um andere kümmert.

Stichwort: „… sein, die sich um andere kümmert.“

Nathalie

Du kümmerst dich doch um uns.

Stichwort: „Du kümmerst dich doch um uns.“

Ruth

Nein, Kind. Ihr kümmert euch um mich. Und ihr macht das gut. Aber ich bin siebzig, nicht neunzig. Ich hab noch was vor.

Stichwort: „… neunzig. Ich hab noch was vor.“

(Nathalie klappt langsam den Laptop zu.)

Nathalie

Spalte C ist immer noch leer.

Stichwort: „Spalte C ist immer noch leer.“

Ruth

Die brauchst du nicht. (Sie schiebt ihr ein Stück Kuchen hin.) Iss.

Stichwort: „Die brauchst du nicht. Iss.“

Nathalie

(Nach einer Pause.) Darf ich dich besuchen? Ohne Tabelle?

Stichwort: „Darf ich dich besuchen? Ohne Tabelle?“

Ruth

Sonntags von zwei bis fünf. Mit Kuchen. Den Dackel musst du aber mögen.

Stichwort: „… Den Dackel musst du aber mögen.“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene

Spielhinweise

  • Nathalie argumentiert wie im Büro, Ruth antwortet mit großer Ruhe. Aus diesem Unterschied im Sprachregister entsteht die Komik.
  • Der Laptop ist Nathalies Schutzschild. Wenn sie ihn zuklappt, ist das der Wendepunkt. Diese Peripetie braucht eine Pause davor.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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