Leonce und Valerio: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“

Dialog · 2 Personen · Biedermeier & Vormärz · Prosa

Leonce und Valerio: Müßiggang ist aller Laster Anfang.

aus Leonce und Lena (1836) von Georg Büchner · I. Akt, 1. Szene (Ausschnitt)

Originaltext · Leonce und Lena, Georg Büchner (1836)Ausschnitt
Dauer
ca. 4,5 Mingeschätzt, 533 Wörter
Umfang
5 VerseLeonce · Valerio
Figur
m + offen · 2 Personen
Spielalter
ca. 18–40redaktionelle Einschätzung
Tonlage
gelangweiltkomisch
Sprache
Prosabehutsam modernisiert
PDF-Optionen
Eine gewählte Rolle wird im PDF hervorgehoben.

(Ein Garten. Der Hofmeister hat sich eben mit einer tiefen Verbeugung entfernt.)

Leonce (Allein, streckt sich auf der Bank aus.)

Die Bienen sitzen so träge an den Blumen, und der Sonnenschein liegt so faul auf dem Boden. Es grassiert ein entsetzlicher Müßiggang. — Müßiggang ist aller Laster Anfang. Was die Leute nicht Alles aus Langeweile treiben! Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile und sterben endlich aus Langeweile, und — und das ist der Humor davon — Alles mit den ernsthaftesten Gesichtern, ohne zu merken, warum, und meinen Gott weiß was dazu. Alle diese Helden, diese Genies, diese Dummköpfe, diese Heiligen, diese Sünder, diese Familienväter sind im Grunde nichts als raffinierte Müßiggänger. — Warum muss ich es grade wissen? Warum kann ich mir nicht wichtig werden und der armen Puppe einen Frack anziehen und einen Regenschirm in die Hand geben, dass sie sehr rechtlich und sehr nützlich und sehr moralisch würde? Ich bin ein elender Spaßmacher! Warum kann ich meinen Spaß nicht auch mit einem ernsthaften Gesichte vorbringen? — Der Mann, der eben von mir ging, ich beneidete ihn, ich hätte ihn aus Neid prügeln mögen. O wer einmal jemand Anderes sein könnte! Nur ’ne Minute lang. Wie der Mensch läuft! Wenn ich nur etwas unter der Sonne wüsste, was mich noch könnte laufen machen.

Stichwort: „… was mich noch könnte laufen machen.“

(Valerio, etwas betrunken, tritt auf.)

Valerio (Stellt sich dicht vor den Prinzen, legt den Finger an die Nase und sieht ihn starr an.)

Ja!

Stichwort: „Ja!“

Leonce (Eben so.)

Richtig!

Stichwort: „Richtig!“

Valerio

Haben Sie mich begriffen?

Stichwort: „Haben Sie mich begriffen?“

Leonce

Vollkommen.

Stichwort: „Vollkommen.“

Valerio

Nun, so wollen wir von etwas Anderem reden. (Er legt sich ins Gras) Ich werde mich indessen in das Gras legen und meine Nase oben zwischen den Halmen herausblühen lassen und romantische Empfindungen beziehen, wenn die Bienen und Schmetterlinge sich darauf wiegen, wie auf einer Rose.

Stichwort: „… darauf wiegen, wie auf einer Rose.“

Leonce

Aber Bester, schnaufen Sie nicht so stark, oder die Bienen und Schmetterlinge müssen verhungern über den ungeheuren Prisen, die Sie aus den Blumen ziehen.

Stichwort: „… die Sie aus den Blumen ziehen.“

Valerio

Ach Herr, was ich ein Gefühl für die Natur habe! Das Gras steht so schön, dass man ein Ochs sein möchte, um es fressen zu können, und dann wieder ein Mensch, um den Ochsen zu essen, der solches Gras gefressen.

Stichwort: „… zu essen, der solches Gras gefressen.“

Leonce

Unglücklicher, Sie scheinen auch an Idealen zu laborieren.

Stichwort: „… scheinen auch an Idealen zu laborieren.“

Valerio

O Gott, ich laufe schon seit acht Tagen einem Ideal von Rindfleisch nach, ohne es irgendwo in der Realität anzutreffen! (Er singt)

  1. Frau Wirtin hat ’ne brave Magd
  2. Sie sitzt im Garten Tag und Nacht,
  3. Sie sitzt in ihrem Garten
  4. Bis dass das Glöcklein zwölfe schlägt,
  5. Und passt auf die Solda—a—ten! ....

Seht diese Ameisen, ihr lieben Kinder, es ist bewundernswürdig, welcher Instinkt in diesen kleinen Geschöpfen, Ordnung, Fleiß — — Herr, es gibt nur vier Arten, sein Geld auf eine menschliche Weise zu verdienen, es finden, in der Lotterie gewinnen, erben oder in Gottes Namen stehlen, wenn man die Geschicklichkeit hat, keine Gewissensbisse zu bekommen.

Stichwort: „… Geschicklichkeit hat, keine Gewissensbisse zu bekommen.“

Leonce

Du bist mit diesen Prinzipien ziemlich alt geworden, ohne vor Hunger oder am Galgen zu sterben.

Stichwort: „… Hunger oder am Galgen zu sterben.“

Valerio (Ihn immer starr ansehend.)

Ja, Herr, und das behaupte ich, wer sein Geld auf andere Weise erwirbt, ist ein Schuft.

Stichwort: „… andere Weise erwirbt, ist ein Schuft.“

Leonce

Denn wer arbeitet, ist ein subtiler Selbstmörder, und ein Selbstmörder ist ein Verbrecher, und ein Verbrecher ist ein Schuft. Also, wer arbeitet ist ein Schuft.

Stichwort: „… Also, wer arbeitet ist ein Schuft.“

Valerio

Ja! — Aber dennoch sind die Ameisen ein nützliches Ungeziefer, und doch sind sie wieder nicht so nützlich, als wenn sie gar keinen Schaden täten. Nichtsdestoweniger, wertestes Ungeziefer, kann ich mir nicht das Vergnügen versagen, einigen von ihnen mit der Ferse auf den Hintern zu schlagen, die Nasen zu putzen und die Nägel zu schneiden ....

Stichwort: „… und die Nägel zu schneiden ....“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

Spielhinweise

  • Büchners Komödie lebt von Wortwitz und Tempo. Die Sätze sind elegant gebaut; lass die Pointen kommen, ohne sie zu drücken.
  • Leonces Monolog am Anfang ist gespielte Melancholie mit echtem Kern. Er weiß, dass er ein „elender Spaßmacher“ ist.
  • Valerio braucht Körperlichkeit: Er stellt sich dicht vor den Prinzen, legt sich ins Gras, singt. Das Lied darf schief sein.
  • Die beiden spiegeln sich. Für ein Szenenstudium zu zweit ideal, auch offen besetzbar.

Weitere Rollen aus diesem Stück

  • MonologBiedermeier & Vormärz

    Lena: Ja, jetzt. Da ist es.

    Leonce und Lena · Georg Büchner

    ca. 2 Minweiblich15–26 J.Prosatraurig
    OriginaltextLesen

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

Go to Top