Claudia und Birte: Das Testament

Dialog · 2 Personen · Gegenwart · Alltagssprache

Claudia und Birte: Ich hab keine Kraft mehr für Kartons.

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Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 414 Wörter
Umfang
414 WörterBirte · Claudia
Figuren
weiblich + weiblich
Spielalter
ca. 38–46redaktionelle Einschätzung
Tonlage
erschöpfternst & dramatisch
Sprache
Alltagssprache
PDF-Optionen
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(Ein Wartezimmer in einer Notarkanzlei. Vier Stühle, ein Wasserspender, ein Gummibaum. Claudia, vierundvierzig, sitzt mit einer Mappe auf dem Schoß. Birte, einundvierzig, steht am Fenster, den Mantel noch an.)

Birte

Halbe-halbe. Ich hab nichts anderes erwartet. Sie war immer so. Bei Weihnachtsgeschenken hat sie die Preise verglichen.

Stichwort: „… Weihnachtsgeschenken hat sie die Preise verglichen.“

Claudia

Ich weiß.

Stichwort: „Ich weiß.“

Birte

Das Haus verkaufen wir am besten. Ich kann mich von Zürich aus nicht drum kümmern. Ich kenn einen Makler, der macht das schnell.

Stichwort: „… einen Makler, der macht das schnell.“

Claudia

Ich wohne in dem Haus, Birte.

Stichwort: „Ich wohne in dem Haus, Birte.“

Birte

Seit wann?

Stichwort: „Seit wann?“

Claudia

Seit sechs Jahren. Seit Mama nachts nicht mehr allein bleiben konnte. Ich hab meine Wohnung aufgegeben. Das hab ich dir geschrieben.

Stichwort: „… aufgegeben. Das hab ich dir geschrieben.“

Birte

(Pause.) Das hast du mir nicht geschrieben.

Stichwort: „Das hast du mir nicht geschrieben.“

Claudia

Doch. In der Mail mit dem Rollator. Zweiter Absatz.

Stichwort: „… Mail mit dem Rollator. Zweiter Absatz.“

Birte

Ich hab die Mails gelesen. Ich hab nicht jeden zweiten Absatz gelesen. Du hast immer so lange geschrieben. Über Tabletten und Pflegegrade und den Mann vom Sanitätshaus.

Stichwort: „… Pflegegrade und den Mann vom Sanitätshaus.“

Claudia

Das war mein Leben. Acht Jahre lang. Tabletten, Pflegegrade und der Mann vom Sanitätshaus.

Stichwort: „… Pflegegrade und der Mann vom Sanitätshaus.“

(Birte setzt sich, weit weg von Claudia.)

Birte

Du hättest was sagen können. Dass es zu viel wird.

Stichwort: „… können. Dass es zu viel wird.“

Claudia

Ich hab gesagt, dass es zu viel wird. Am Telefon. Zu Weihnachten. Du hast gesagt: Du machst das so toll, Claudi. Ich könnte das nicht.

Stichwort: „… toll, Claudi. Ich könnte das nicht.“

Birte

Ich konnte es auch nicht. Ich war in Zürich.

Stichwort: „… auch nicht. Ich war in Zürich.“

Claudia

Du hättest kommen können. Einmal im Monat. Ein Wochenende. Damit ich mal schlafen kann.

Stichwort: „… Wochenende. Damit ich mal schlafen kann.“

Birte

Ich hab Geld geschickt. Jeden Monat. Für die Pflegerin am Mittwoch.

Stichwort: „… Monat. Für die Pflegerin am Mittwoch.“

Claudia

Ja. Hast du. (Pause.) Danke.

Stichwort: „Ja. Hast du. Danke.“

Birte

(Überrascht.) Bitte.

Stichwort: „Bitte.“

(Stille. Der Wasserspender gluckert.)

Claudia

Weißt du, was sie am Ende gesagt hat? In der letzten Woche? Sie hat nach dir gefragt. Jeden Tag. Wo ist Birte. Kommt Birte. Ich hab gesagt, Birte kommt am Wochenende. Jeden Tag hab ich das gesagt. Und dann hat sie sich gefreut, und am nächsten Tag hat sie es vergessen, und ich musste es wieder sagen.

Stichwort: „… und ich musste es wieder sagen.“

Birte

(Leise.) Warum hast du mich nicht angerufen?

Stichwort: „Warum hast du mich nicht angerufen?“

Claudia

Ich hab angerufen. Du warst in einem Meeting. Du hast geschrieben: Ich ruf zurück.

Stichwort: „… Du hast geschrieben: Ich ruf zurück.“

(Birte sieht auf ihr Handy, als würde sie die Nachricht suchen. Dann legt sie es weg.)

Birte

Ich bin am Dienstag gekommen. Und am Montag ist sie gestorben.

Stichwort: „… Und am Montag ist sie gestorben.“

Claudia

Ich weiß.

Stichwort: „Ich weiß.“

Birte

Halbe-halbe ist nicht gerecht.

Stichwort: „Halbe-halbe ist nicht gerecht.“

Claudia

Nein.

Stichwort: „Nein.“

Birte

Ich meine: Halbe-halbe ist nicht gerecht für dich.

Stichwort: „… Halbe-halbe ist nicht gerecht für dich.“

(Claudia sieht sie zum ersten Mal direkt an.)

Claudia

Ich will das Haus nicht wegen dem Geld, Birte. Ich will einfach nicht noch mal umziehen. Ich hab keine Kraft mehr für Kartons.

Stichwort: „… hab keine Kraft mehr für Kartons.“

Birte

Dann behalt es. Ich verzichte auf meine Hälfte vom Haus. Den Rest teilen wir.

Stichwort: „… vom Haus. Den Rest teilen wir.“

Claudia

Das kannst du nicht einfach so sagen.

Stichwort: „… kannst du nicht einfach so sagen.“

Birte

Doch. Der Notar sitzt nebenan. Der weiß, wie das geht. (Pause.) Und ich komm im Frühjahr. Zwei Wochen. Wir räumen ihr Zimmer zusammen aus. Du musst das nicht allein machen.

Stichwort: „… Du musst das nicht allein machen.“

Claudia

(Nach einer langen Pause.) Sie hat einen Karton für dich gepackt. Schon vor zwei Jahren. Mit deinen Zeugnissen und dem Pferdeposter. Er steht im Flur. Ich hab ihn nicht aufgemacht.

Stichwort: „… Flur. Ich hab ihn nicht aufgemacht.“

Birte

(Sie lacht und weint gleichzeitig.) Das Pferdeposter.

Stichwort: „Das Pferdeposter.“

Claudia

Sie hat es aufgehoben. Achtundzwanzig Jahre.

Stichwort: „Sie hat es aufgehoben. Achtundzwanzig Jahre.“

(Die Tür geht auf, eine Stimme bittet sie herein. Die Schwestern stehen auf. Birte nimmt Claudia die Mappe ab und trägt sie.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene

Spielhinweise

  • Beide Schwestern haben recht, jede auf ihre Art. Spielt den Konflikt nicht als Kampf ums Geld, sondern als Kampf darum, gesehen zu werden.
  • Die Szene ist eine Annäherung in kleinen Schritten. Achtet auf die Proxemik: Wo sitzt ihr am Anfang, wo steht ihr am Ende?

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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