Orsina und Marinelli: „Nicht gelesen?“

Dialog · 2 Personen · Aufklärung · Prosa

Orsina und Marinelli: Nicht gelesen? — Nicht gelesen? — Nicht einmal gelesen?

aus Emilia Galotti (1772) von Gotthold Ephraim Lessing · IV. Aufzug, 3. Auftritt

Originaltext · Emilia Galotti, Gotthold Ephraim Lessing (1772)ungekürzt
Dauer
ca. 8 Mingeschätzt, 953 Wörter
Umfang
953 WörterOrsina · Marinelli
Figur
w + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 25–55redaktionelle Einschätzung
Tonlage
gekränktleidenschaftlich
Sprache
Prosabehutsam modernisiert
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(Die Gräfin Orsina. Marinelli.)

Orsina (Ohne den Marinelli anfangs zu erblicken.)

Was ist das? — Niemand kömmt mir entgegen, außer ein unverschämter, der mir lieber gar den Eintritt verweigert hätte? — Ich bin doch zu Dosalo? Zu dem Dosalo, wo mir sonst ein ganzes Heer geschäftiger Augendiener entgegen stürzte? wo mich sonst Liebe und Entzücken erwarteten? — Der Ort ist es: aber, aber! — Sieh’ da, Marinelli! — Recht gut, dass der Prinz Sie mitgenommen. — Nein, nicht gut! Was ich mit ihm auszumachen hätte, hätte ich nur mit ihm auszumachen. — Wo ist er?

Stichwort: „… ihm auszumachen. — Wo ist er?“

Marinelli

Der Prinz, meine gnädige Gräfin?

Stichwort: „Der Prinz, meine gnädige Gräfin?“

Orsina

Wer sonst?

Stichwort: „Wer sonst?“

Marinelli

Sie vermuten ihn also hier? wissen ihn hier? — Er wenigstens ist der Gräfin Orsina hier nicht vermutend.

Stichwort: „… der Gräfin Orsina hier nicht vermutend.“

Orsina

Nicht? So hat er meinen Brief heute Morgen nicht erhalten?

Stichwort: „… meinen Brief heute Morgen nicht erhalten?“

Marinelli

Ihren Brief? Doch ja; ich erinnere mich, dass er eines Briefes von Ihnen erwähnte.

Stichwort: „… er eines Briefes von Ihnen erwähnte.“

Orsina

Nun? habe ich ihn nicht in diesem Briefe auf heute um eine Zusammenkunft hier auf Dosalo gebeten? — Es ist wahr, es hat ihm nicht beliebet, mir schriftlich zu antworten. Aber ich erfuhr, dass er eine Stunde darauf wirklich nach Dosalo abgefahren. Ich glaubte, das sei Antworts genug; und ich komme.

Stichwort: „… sei Antworts genug; und ich komme.“

Marinelli

Ein sonderbarer Zufall!

Stichwort: „Ein sonderbarer Zufall!“

Orsina

Zufall? — Sie hören ja, dass es verabredet worden. So gut, als verabredet. Von meiner Seite, der Brief: von seiner, die Tat. — Wie er da steht, der Herr Marchese! Was er für Augen macht! Wundert sich das Gehirnchen? und worüber denn?

Stichwort: „… sich das Gehirnchen? und worüber denn?“

Marinelli

Sie schienen gestern so weit entfernt, dem Prinzen jemals wieder vor die Augen zu kommen.

Stichwort: „… wieder vor die Augen zu kommen.“

Orsina

Bessrer Rat kömmt über Nacht. — Wo ist er? wo ist er? — Was gilts, er ist in dem Zimmer, wo ich das Gequicke, das Gekreusche hörte? — Ich wollte herein, und der Schurke vom Bedienten trat vor.

Stichwort: „… der Schurke vom Bedienten trat vor.“

Marinelli

Meine liebste, beste Gräfin —

Stichwort: „Meine liebste, beste Gräfin —“

Orsina

Es war ein weibliches Gekreusche. Was gilts, Marinelli? — O sagen Sie mir doch, sagen Sie mir — wenn ich anders Ihre liebste, beste Gräfin bin — Verdammt, über das Hofgeschmeiß! So viel Worte, so viel Lügen! — Nun, was liegt daran, ob Sie mir es voraus sagen, oder nicht? Ich werd’ es ja wohl sehen.

Stichwort: „… Ich werd’ es ja wohl sehen.“

(Will gehen.)

Marinelli (Der sie zurück hält.)

Wohin?

Stichwort: „Wohin?“

Orsina

Wo ich längst sein sollte. — Denken Sie, dass es schicklich ist, mit Ihnen hier in dem Vorgemache einen elenden Schnickschnack zu halten, indes der Prinz in dem Gemache auf mich wartet?

Stichwort: „… in dem Gemache auf mich wartet?“

Marinelli

Sie irren sich, gnädige Gräfin. Der Prinz erwartet Sie nicht. Der Prinz kann Sie hier nicht sprechen, — will Sie nicht sprechen.

Stichwort: „… sprechen, — will Sie nicht sprechen.“

Orsina

Und wäre doch hier? und wäre doch auf meinen Brief hier?

Stichwort: „… wäre doch auf meinen Brief hier?“

Marinelli

Nicht auf Ihren Brief —

Stichwort: „Nicht auf Ihren Brief —“

Orsina

Den er ja erhalten, sagen Sie —

Stichwort: „… er ja erhalten, sagen Sie —“

Marinelli

Erhalten, aber nicht gelesen.

Stichwort: „Erhalten, aber nicht gelesen.“

Orsina (Heftig.)

Nicht gelesen? — (minder heftig) Nicht gelesen? — (wehmütig, und eine Träne aus dem Auge wischend) Nicht einmal gelesen?

Stichwort: „… Nicht gelesen? — Nicht einmal gelesen?“

Marinelli

Aus Zerstreuung, weiß ich, — Nicht aus Verachtung.

Stichwort: „… weiß ich, — Nicht aus Verachtung.“

Orsina (Stolz.)

Verachtung? — Wer denkt daran? — Wem brauchen Sie das zu sagen? — Sie sind ein unverschämter Tröster, Marinelli! — Verachtung! Verachtung! Mich verachtet man auch! mich! — (gelinder, bis zum Tone der Schwermut) Freilich liebt er mich nicht mehr. Das ist ausgemacht. Und an die Stelle der Liebe trat in seiner Seele etwas anders. Das ist natürlich. Aber warum denn eben Verachtung? Es braucht ja nur Gleichgültigkeit zu sein. Nicht wahr, Marinelli?

Stichwort: „… Gleichgültigkeit zu sein. Nicht wahr, Marinelli?“

Marinelli

Allerdings, allerdings.

Stichwort: „Allerdings, allerdings.“

Orsina (Höhnisch.)

Allerdings? — O des weisen Mannes, den man sagen lassen kann, was man will! — Gleichgültigkeit! Gleichgültigkeit an die Stelle der Liebe? — Das heißt, Nichts an die Stelle von Etwas. Denn lernen Sie, nachplauderndes Hofmännchen, lernen Sie von einem Weibe, dass Gleichgültigkeit ein leeres Wort ein bloßer Schall ist, dem nichts, gar nichts entspricht. Gleichgültig ist die Seele nur gegen das, woran sie nicht denkt; nur gegen ein Ding, das für sie kein Ding ist. Und nur gleichgültig für ein Ding, das kein Ding ist, — das ist so viel, als gar nicht gleichgültig. — Ist dir das zu hoch, Mensch?

Stichwort: „… Ist dir das zu hoch, Mensch?“

Marinelli (Vor sich.)

O weh! wie wahr ist es, was ich fürchtete!

Stichwort: „… wahr ist es, was ich fürchtete!“

Orsina

Was murmeln Sie da?

Stichwort: „Was murmeln Sie da?“

Marinelli

Lauter Bewunderung! — Und wem ist es nicht bekannt, gnädige Gräfin, dass Sie eine Philosophin sind?

Stichwort: „… Gräfin, dass Sie eine Philosophin sind?“

Orsina

Nicht wahr? — Ja, ja; ich bin eine. — Aber habe ich mir es itzt merken lassen, dass ich eine bin? — O pfui, wenn ich mir es habe merken lassen; und wenn ich mir es öfterer habe merken lassen! Ist es wohl noch Wunder, dass mich der Prinz verachtet? Wie kann ein Mann ein Ding lieben, das, ihm zum Trotze, auch denken will? Ein Frauenzimmer, das denket, ist eben so ekel als ein Mann, der sich schminket. Lachen soll es, nichts als lachen, um immerdar den gestrengen Herrn der Schöpfung, bei guter Laune zu erhalten. — Nun, worüber lach’ ich denn gleich, Marinelli? — Ach, ja wohl! Über den Zufall! dass ich dem Prinzen schreibe, er soll nach Dosalo kommen; dass der Prinz meinen Brief nicht lieset, und dass er doch nach Dosalo kömmt. Ha! ha! ha! Wahrlich ein sonderbarer Zufall! Sehr lustig, sehr närrisch! — Und Sie lachen nicht mit, Marinelli? — Mitlachen kann ja wohl der gestrenge Herr der Schöpfung, ob wir arme Geschöpfe gleich nicht mitdenken dürfen. — (ernsthaft und befehlend) So lachen Sie doch!

Stichwort: „… dürfen. — So lachen Sie doch!“

Marinelli

Gleich, gnädige Gräfin, gleich!

Stichwort: „Gleich, gnädige Gräfin, gleich!“

Orsina

Stock! Und darüber geht der Augenblick vorbei. Nein, nein, lachen Sie nur nicht. — Denn sehen Sie, Marinelli, (nachdenkend bis zur Rührung) was mich so herzlich zu lachen macht, das hat auch seine ernsthafte — sehr ernsthafte Seite. Wie alles in der Welt! — Zufall? Ein Zufall wär’ es, dass der Prinz nicht daran gedacht, mich hier zu sprechen, und mich doch hier sprechen muss? Ein Zufall? — Glauben Sie mir, Marinelli: das Wort Zufall ist Gotteslästerung. Nichts unter der Sonne ist Zufall; — am wenigsten das, wovon die Absicht so klar in die Augen leuchtet. — Allmächtige, allgütige Vorsicht, vergieb mir, dass ich mit diesem albernen Sünder einen Zufall genennet habe, was so offenbar dein Werk, wohl gar dein unmittelbares Werk ist! — (hastig gegen Marinelli) Kommen Sie mir, und verleiten Sie mich noch einmal zu so einem Frevel!

Stichwort: „… noch einmal zu so einem Frevel!“

Marinelli (Vor sich.)

Das geht weit! — Aber gnädige Gräfin —

Stichwort: „… weit! — Aber gnädige Gräfin —“

Orsina

Still mit dem Aber! Die Aber kosten Überlegung: — und mein Kopf! mein Kopf! (sich mit der Hand die Stirne haltend) — Machen Sie, Marinelli, machen Sie, dass ich ihn bald spreche, den Prinzen; sonst bin ich es wohl gar nicht im Stande. — Sie sehen, wir sollen uns sprechen; wir müssen uns sprechen —

Stichwort: „… sprechen; wir müssen uns sprechen —“

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Spielhinweise

  • Orsina führt die Szene. Ihre Gedanken springen; die Regieanweisungen (heftig, wehmütig, stolz, höhnisch) zeigen jeden Wechsel. Spiele sie als Stufen, nicht als Launen.
  • Marinelli ist kein Statist: Seine kurzen Antworten sind Ausweichmanöver. Jede Replik ist eine Taktik (beschwichtigen, schmeicheln, verzögern).
  • Orsinas Rede über den „Zufall“ ist das Zentrum. Sie ahnt die Wahrheit, bevor sie sie kennt; das Publikum weiß mehr als sie (dramatische Ironie).
  • Die Szene endet offen: Orsina besteht darauf, den Prinzen zu sprechen; wenig später trifft sie auf Emilias Vater Odoardo. Für ein Szenenstudium zu zweit sehr dankbar.

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