Frau Marthe: „Seht ihr den Krug?“

Monolog · Romantik · Blankvers

Frau Marthe Rull: Seht ihr den Krug, ihr wertgeschätzten Herren?

aus Der zerbrochne Krug (1811) von Heinrich von Kleist · 7. Auftritt (Krugbeschreibung)

Originaltext · Der zerbrochne Krug, Heinrich von Kleist (1811)eingerichtet
Dauer
ca. 4,5 Mingeschätzt, 503 Wörter
Umfang
72 Verseeingerichtet
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 40–80redaktionelle Einschätzung
Tonlage
empörtkomisch
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
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(Gerichtsstube in Huisum. Frau Marthe Rull mit dem zerbrochenen Krug vor dem Richter Adam und dem Gerichtsrat Walter.)

  1. Seht ihr den Krug, ihr wertgeschätzten Herren?
  2. Seht ihr den Krug?

[…]

  1. Nichts seht ihr, mit Verlaub, die Scherben seht ihr;
  2. Der Krüge schönster ist entzwei geschlagen.
  3. Hier grade auf dem Loch, wo jetzo nichts,
  4. Sind die gesamten niederländischen Provinzen
  5. Dem span’schen Philipp übergeben worden.
  6. Hier im Ornat stand Kaiser Karl der fünfte:
  7. Von dem seht ihr nur noch die Beine stehn.
  8. Hier kniete Philipp, und empfing die Krone:
  9. Der liegt im Topf, bis auf den Hinterteil,
  10. Und auch noch der hat einen Stoß empfangen.
  11. Dort wischten seine beiden Muhmen sich,
  12. Der Franzen und der Ungarn Königinnen,
  13. Gerührt die Augen aus; wenn man die Eine
  14. Die Hand noch mit dem Tuch empor sieht heben,
  15. So ist’s, als weinete sie über sich.
  16. Hier im Gefolge stützt sich Philibert,
  17. Für den den Stoß der Kaiser aufgefangen,
  18. Noch auf das Schwert; doch jetzo müsst’ er fallen,
  19. So gut wie Maximilian: der Schlingel!
  20. Die Schwerter unten jetzt sind weggeschlagen.
  21. Hier in der Mitte, mit der heil’gen Mütze,
  22. Sah man den Erzbischof von Arras stehn;
  23. Den hat der Teufel ganz und gar geholt,
  24. Sein Schatten nur fällt lang noch übers Pflaster.
  25. Hier standen rings, im Grunde, Leibtrabanten,
  26. Mit Hellebarden, dicht gedrängt, und Spießen,
  27. Hier Häuser, seht, vom großen Markt zu Brüssel,
  28. Hier guckt noch ein Neugier’ger aus dem Fenster:
  29. Doch was er jetzo sieht, das weiß ich nicht.

[…]

  1. Erlaubt! Wie schön der Krug, gehört zur Sache! —
  2. Den Krug erbeutete sich Childerich,
  3. Der Kesselflicker, als Oranien
  4. Briel mit den Wassergeusen überrumpelte.
  5. Ihn hatt’ ein Spanier, gefüllt mit Wein,
  6. Just an den Mund gesetzt, als Childerich
  7. Den Spanier von hinten niederwarf,
  8. Den Krug ergriff, ihn leert’, und weiter ging.

[…]

  1. Hierauf vererbte
  2. Der Krug auf Fürchtegott, den Totengräber;
  3. Der trank zu dreimal nur, der Nüchterne,
  4. Und stets vermischt mit Wasser aus dem Krug.
  5. Das erstemal, als er im Sechzigsten
  6. Ein junges Weib sich nahm; drei Jahre drauf,
  7. Als sie noch glücklich ihn zum Vater machte;
  8. Und als sie jetzt noch funfzehn Kinder zeugte,
  9. Trank er zum drittenmale, als sie starb.

[…]

  1. Drauf fiel der Krug
  2. An den Zachäus, Schneider in Tirlemont,
  3. Der meinem seel’gen Mann, was ich euch jetzt
  4. Berichten will, mit eignem Mund erzählt.
  5. Der warf, als die Franzosen plünderten,
  6. Den Krug, samt allem Hausrat, aus dem Fenster,
  7. Sprang selbst, und brach den Hals, der Ungeschickte,
  8. Und dieser irdne Krug, der Krug von Ton,
  9. Aufs Bein kam er zu stehen, und blieb ganz.

[…]

  1. Drauf in der Feuersbrunst von Sechs und sechzig,
  2. Da hatt’ ihn schon mein Mann, Gott hab’ ihn selig —

[…]

  1. Was ihm geschehen?
  2. Nichts ist dem Krug, ich bitt’ euch sehr, ihr Herren,
  3. Nichts Anno sechs und sechzig ihm geschehen.
  4. Ganz blieb der Krug, ganz in der Flammen Mitte,
  5. Und aus des Hauses Asche zog ich ihn
  6. Hervor, glasiert, am andern Morgen, glänzend,
  7. Als käm’ er eben aus dem Töpferofen.

[…]

  1. Nun diesen Krug jetzt setzt — den Krug,
  2. Zertrümmert einen Krug noch wert, den Krug
  3. Für eines Fräuleins Mund, die Lippe selbst,
  4. Nicht der Frau Erbstatthalterin zu schlecht,
  5. Den Krug, ihr hohen Herren Richter beide,
  6. Den Krug hat jener Schlingel mir zerbrochen.

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Spielhinweise

  • Ein komischer Monolog im Blankvers. Die Komik entsteht aus Marthes heiligem Ernst; sie findet die Geschichte des Krugs wirklich wichtig.
  • Die Beschreibung des Bildes braucht einen echten Krug oder eine klare Vorstellung davon: Wo steht Karl, wo kniet Philipp, wo fehlt ein Stück? Zeige es genau.
  • Die Einwürfe von Adam und Walter sind gestrichen und mit […] markiert. Spiele die Unterbrechungen trotzdem mit: Marthe lässt sich nicht beirren.
  • Kleist bricht Sätze über das Versende und reiht Nebensätze. Atme in den Sinnabschnitten, nicht am Zeilenende.

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