Silke: Die Kandidatur

Monolog · Gegenwart · Alltagssprache

Silke: Und wer misst, muss vorher klingeln.

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Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 341 Wörter
Umfang
341 Wörterungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 38–45redaktionelle Einschätzung
Tonlage
korrektkomisch
Sprache
Alltagssprache

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Inhalt
Seite

(Ein Vereinsheim. Kunststoffstühle, eine Kaffeemaschine, an der Wand ein Plan der Parzellen. Silke, zweiundvierzig, steht vorne neben einem Flipchart. Sie hat einen Zettel in der Hand und einen Ordner unter dem Arm.)

Liebe Vereinsmitglieder. (Pause.) Ich hab meine Rede aufgeschrieben. Sie ist kurz. Ich halte mich an die Redezeit. Drei Minuten. Steht in der Satzung, Paragraf neun. Ich hab die Satzung gelesen. Ich bin, glaube ich, die Einzige hier.

Ich kandidiere für den Vorstand. Für den Posten der zweiten Vorsitzenden. Ich bin seit zwanzig Jahren in Parzelle vierzehn. Ich hab Bohnen gezogen, Kürbisse, einmal eine Melone, die war so groß wie ein Tennisball, aber sie war da.

Ich will Ihnen sagen, warum ich kandidiere. Es geht um die Hecke. (Unruhe im Raum.) Ja. Die Hecke. Ich weiß, dass das Thema hier eigentlich tabu ist. Ich sag es trotzdem.

Vor zwanzig Jahren hat mir Herr Wiegand, damals Vorsitzender, einen Brief geschrieben. Meine Hecke sei vier Zentimeter zu hoch. Hundertneunundzwanzig statt hundertfünfundzwanzig. Er ist mit dem Zollstock gekommen. Sonntagmorgens. Ich hab die Hecke geschnitten. Seitdem kommt jedes Jahr ein Brief. Zwanzig Briefe. Ich hab sie alle. (Sie hält den Ordner hoch.) Abgeheftet. In Klarsichtfolie.

Letztes Jahr kam der Brief von seinem Nachfolger. Gleicher Text. Er hat sogar den Kaffeefleck übernommen. Der war auf dem ersten Brief, und seitdem wird er mitkopiert. Zwanzig Jahre lang. Keinem ist es aufgefallen.

Und während wir hier zwanzig Jahre lang Hecken messen, ist Folgendes passiert: Das Vereinsheim hat kein Klo, das funktioniert. Die Wasseruhren sind von neunzehnhundertachtundachtzig. Die Kinder dürfen auf dem Spielplatz nicht spielen, weil das Gras zu hoch ist, und niemand ist zuständig. Aber meine Hecke, die ist immer genau gemessen.

(Sie atmet durch.) Mein Programm hat drei Punkte. Erstens: ein Klo. Zweitens: ein Spielplatz, auf dem gespielt wird. Drittens: Die Hecken dürfen wachsen, solange sie niemandem die Sonne nehmen. Und wer misst, muss vorher klingeln. Und zwar nicht sonntags.

(Pause. Sie sieht in den Saal.) Herr Wiegand, Sie sitzen da hinten. Ich sehe Sie. Sie sind jetzt neunundsiebzig. Ich will Ihnen nichts. Ehrlich. Ich will Ihnen nur sagen: Ihre Rosen sind wunderschön. Ich hab sie zwanzig Jahre lang über meine Hecke hinweg bewundert. Weil sie vier Zentimeter zu hoch war.

Danke. Die Wahl ist geheim. Stifte liegen aus. Ich hab meinen Zollstock dabei, falls jemand nachmessen will, wie groß mein Kreuz auf dem Zettel ist.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Silke hat diese Rede wochenlang vorbereitet und hält sich streng an ihren Zettel, bis die Wut sie mitnimmt. Der Ordner ist ihre wichtigste Requisite.
  • Die Komik entsteht aus der Genauigkeit: Zentimeter, Jahreszahlen, Paragrafen. Setze jede Pointe trocken und warte nicht auf Lacher.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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