(Schloss Fotheringhay, Marias Gefängnis. Mortimer, der Neffe ihres Bewachers, hat Maria eben einen Brief ihres Onkels, des Kardinals von Lothringen, zugesteckt. Sie hat ihn gebeten zu erzählen.)
- Ich zählte zwanzig Jahre, Königin,
- In strengen Pflichten war ich aufgewachsen,
- In finsterm Hass des Papsttums aufgesäugt,
- Als mich die unbezwingliche Begierde
- Hinaus trieb auf das feste Land. Ich ließ
- Der Puritaner dumpfe Predigtstuben,
- Die Heimat hinter mir, in schnellem Lauf
- Durchzog ich Frankreich, das gepriesene
- Italien mit heißem Wunsche suchend.
- Es war die Zeit des großen Kirchenfests,
- Von Pilgerscharen wimmelten die Wege,
- Bekränzt war jedes Gottesbild, es war,
- Als ob die Menschheit auf der Wandrung wäre,
- Wallfahrend nach dem Himmelreich — Mich selbst
- Ergriff der Strom der glaubenvollen Menge,
- Und riss mich in das Weichbild Roms —
- Wie ward mir, Königin!
- Als mir der Säulen Pracht und Siegesbogen,
- Entgegenstieg, des Kolosseums Herrlichkeit
- Den Staunenden umfing, ein hoher Bildnergeist
- In seine heitre Wunderwelt mich schloss!
- Ich hatte nie der Künste Macht gefühlt,
- Es hasst die Kirche, die mich auferzog,
- Der Sinne Reiz, kein Abbild duldet sie,
- Allein das Körperlose Wort verehrend.
- Wie wurde mir, als ich ins Innre nun
- Der Kirchen trat, und die Musik der Himmel
- Herunterstieg, und der Gestalten Fülle
- Verschwenderisch aus Wand und Decke quoll,
- Das Herrlichste und Höchste, gegenwärtig,
- Vor den entzückten Sinnen sich bewegte,
- Als ich sie selbst nun sah, die Göttlichen,
- Den Gruß des Engels, die Geburt des Herrn,
- Die heilge Mutter, die herabgestiegne
- Dreifaltigkeit, die leuchtende Verklärung —
- Als ich den Papst drauf sah in seiner Pracht
- Das Hochamt halten und die Völker segnen.
- O was ist Goldes, was Juwelen Schein,
- Womit der Erde Könige sich schmücken!
- Nur Er ist mit dem Göttlichen umgeben.
- Ein wahrhaft Reich der Himmel ist sein Haus,
- Denn nicht von dieser Welt sind diese Formen.
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