Merle: Der Wolf

Monolog · Gegenwart · Alltagssprache

Merle: Ich will nur, dass er sich an meinem Zaun die Nase stößt.

Freier Text von SceneTalent

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Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 407 Wörter
Umfang
407 Wörterungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 28–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
wütendleidenschaftlich
Sprache
Alltagssprache

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Inhalt
Seite

(Ein Gemeindesaal am Abend. Stühle in Reihen, vorne ein Tisch mit Mikrofon. Merle, dreißig, in Arbeitsjacke, steht in der dritten Reihe auf. Auf der Leinwand hinter dem Tisch steht: „Wolf – was jetzt?“)

Darf ich auch mal? Danke. Ich bin Merle Hinrichs. Die meisten kennen mich. Ich bin die mit den Schafen am Deich. Ich war die mit den achtzig Schafen. Jetzt bin ich die mit den achtundsechzig.

Ich hab heute Morgen um fünf auf der Weide gestanden. Ich erzähl Ihnen nicht, wie das aussah. Wer schon mal einen Riss gesehen hat, weiß es. Wer keinen gesehen hat, braucht es nicht zu wissen. Zwölf Tiere. Darunter Lotte, die alte Leitaue, die ich mit der Flasche großgezogen hab, als ich zwölf war.

Und jetzt sitzen Sie alle hier und sagen: Abschießen. Der Wolf muss weg. Herr Brandt hat es gerade dreimal gesagt, und jedes Mal haben Sie geklatscht. (Pause.) Ich hab nicht geklatscht. Und ich sag Ihnen, warum nicht.

Weil nicht nur der Wolf meine Schafe getötet hat. Das war auch mein Zaun. Mein Zaun war neunzig Zentimeter hoch, und an einer Stelle war Strom drauf und an einer nicht, weil ich das Gerät nicht nachgeprüft hab. Weil ich müde war. Der Wolf hat gemacht, was ein Wolf macht. Er hat die Lücke gefunden. Ich hab sie gelassen.

(Unruhe im Saal. Merle hebt die Hand.) Lassen Sie mich ausreden. Ich bin hier diejenige, die zwölf Schafe verloren hat. Nicht Sie, Herr Brandt. Sie haben einen Dackel.

Wenn Sie diesen Wolf abschießen, kommt der nächste. In ein, zwei Jahren. Die sind wieder da, die gehen nicht mehr weg, und ehrlich gesagt: Die waren vor uns hier. Was ich brauche, ist kein Gewehr. Ich brauche einen richtigen Zaun. Hundertzwanzig Zentimeter, fünf Litzen, Strom auf allen. Ich brauche zwei Herdenschutzhunde. Und ich brauche jemanden in diesem Amt, der mir hilft, den Antrag dafür auszufüllen, ohne dass ich drei Monate warte.

Und ich brauche Sie. Das ist das Komische. Ich brauche Sie nicht, um Angst zu haben. Ich brauche Sie, um mit anzupacken. Am Samstag ziehe ich den neuen Zaun. Zweieinhalb Kilometer Deich. Wer einen Akkuschrauber hat und Gummistiefel, kann kommen. Es gibt Kaffee. Und Lammwurst, die ist noch vom letzten Jahr.

(Pause.) Herr Brandt, Sie sind herzlich eingeladen. Bringen Sie den Dackel mit. Der kann auf die Kabelrollen aufpassen.

(Sie setzt sich, steht aber gleich wieder auf.) Eins noch. Ich hab heute Morgen am Graben einen Abdruck gefunden. Riesengroß, viel größer als meine Hand. Ich hab lange davor gekniet. Ich war wütend, und ich hatte Angst, und gleichzeitig hab ich gedacht: Der war hier. Wirklich hier. Nach über hundert Jahren. (Leise.) Ich will nicht die sein, die ihn wieder vertreibt. Ich will nur, dass er sich an meinem Zaun die Nase stößt.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Merle hat den größten Grund, wütend zu sein, und entscheidet sich trotzdem anders. Darin liegt ihre Stärke. Spiel die Wut mit, aber lass sie nicht gewinnen. So entsteht ein echter innerer Konflikt.
  • Der Saal reagiert. Gib der Unruhe Raum und hol dir die Aufmerksamkeit mit einer Geste zurück. Merles Haltung bleibt aufrecht, auch wenn sie sich kurz hinsetzt.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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