(Ein Wohnzimmer mit schweren Möbeln. Auf dem Tisch stehen Kaffee und ein Kuchen, den niemand angerührt hat. Marta, zweiundsechzig, steht. Auf dem Sofa sitzen Sabine und Michael, die erwachsenen Kinder von Herrn Behrens. Im Nebenzimmer schläft Herr Behrens.)
Nein, ich setz mich nicht. Danke. Ich hab mich zwölf Jahre lang in diesem Haus hingesetzt, wenn er gesagt hat: Setz dich, Marta. Heute steh ich.
Ich kündige. Zum Ende des Monats. Ich hab es aufgeschrieben, mit Datum und Unterschrift, das liegt neben dem Kuchen. (Pause.) Der Kuchen ist von mir. Den dürfen Sie trotzdem essen.
Sie fragen, ob es ums Geld geht. Natürlich fragen Sie das. Sie fragen mich das jedes Mal, wenn Sie da sind, zweimal im Jahr, Ostern und Weihnachten. Ob mit dem Geld alles in Ordnung ist. Und ich sag jedes Mal ja. Es geht nicht ums Geld. Obwohl ich seit sieben Jahren denselben Stundenlohn habe, aber darauf kommen wir noch.
Ich bin seit zwölf Jahren hier. Montag bis Freitag, acht bis sechzehn Uhr, und wenn er nachts anruft, auch nachts. Er ruft oft nachts an. Er hat Angst im Dunkeln, seit Ihre Mutter tot ist. Das wissen Sie nicht. Das hat er Ihnen nie gesagt. Er sagt Ihnen am Telefon: Alles bestens, die Marta kümmert sich. Und dann legt er auf und sitzt eine halbe Stunde da und guckt auf das Telefon.
Ich weiß, wie er seinen Kaffee trinkt. Ich weiß, welche Tablette in den Joghurt muss, weil er sie sonst nicht schluckt. Ich weiß, dass er an Ihren Geburtstagen morgens schon um sechs wach ist und wartet, ob Sie anrufen. Michael, Sie haben letztes Jahr um halb neun abends angerufen. Er hat den ganzen Tag im Sessel gesessen, angezogen, mit Krawatte. Ich hab ihm um sieben gesagt, er soll den Schlafanzug anziehen. Er hat gesagt: Nein, vielleicht kommt er ja.
(Pause.) Ich will Ihnen nichts vorwerfen. Doch, ich will. Aber ich will nicht nur das.
Sabine. Sie haben mich vor zwei Jahren gefragt, ob ich nicht zusätzlich die Wäsche übernehmen kann und das Einkaufen am Samstag. Und ich hab ja gesagt. Und Sie haben gesagt: Marta, Sie sind ein Engel. (Pause.) Ich bin kein Engel. Engel kriegen kein Gehalt, deshalb nennt man uns so. Damit niemand merkt, dass wir eins bräuchten. Ein richtiges.
Ich hab einen Rücken, der mir sagt, dass ich nicht mehr heben soll. Ich hab eine Enkelin in Dresden, die ich seit Weihnachten nicht gesehen hab, weil ich keinen Samstag frei hatte. Und vor drei Wochen hab ich gemerkt, dass ich Ihren Vater nicht mehr allein lassen kann, ohne Angst zu haben. Er fällt jetzt. Zweimal im letzten Monat. Er braucht jemanden in der Nacht. Er braucht einen Pflegedienst, zweimal am Tag, und vielleicht bald einen Heimplatz. Und er braucht seine Kinder. Öfter als zweimal im Jahr.
(Sie atmet durch.) Ich hab Ihnen eine Liste gemacht. Telefonnummern. Der Pflegedienst in der Lindenstraße, die haben ab Mai wieder Plätze. Der Pflegestützpunkt bei der Stadt. Und ganz unten die Hausarztpraxis, die Ihnen erklären kann, was ich Ihnen gerade erklärt habe, nur mit mehr Fremdwörtern.
Ich geh nicht, weil ich ihn nicht mag. Ich geh, weil ich ihn mag. Weil ich will, dass er besser versorgt ist, als ich das allein noch kann. Und weil ich will, dass Sie das jetzt sehen, solange er noch merkt, dass Sie da sind.
(Aus dem Nebenzimmer ruft eine schwache Stimme: „Marta?“ Marta dreht sich zur Tür, bleibt aber stehen.)
(Leise.) Gehen Sie. Einer von Ihnen. Er will um diese Zeit Tee. Pfefferminz, halb voll, sonst kleckert er. Der Kessel steht links. (Pause.) Ich bin noch bis zum Monatsende da. Ich zeig Ihnen alles. Aber den Tee machen heute Sie.
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Ende des Textes

