(Eine kleine Küche. Umzugskartons, halb gepackt. Lore, dreiundachtzig, sitzt am Tisch, vor sich einen Block. Sie liest, was sie geschrieben hat.)
- Zwei Tassen, Goldrand, eine heil,
- der andern fehlt ein kleiner Teil.
- Ein Brotmesser, das gut noch schneidet,
- ein Mantel, den der Wind nicht leidet,
- drei Töpfe, einer ohne Stiel,
- ein Kartenspiel. Ein halbes Spiel.
- Das Hochzeitsfoto, schief gerahmt,
- auf dem mein Herbert lacht. Er kam
- zu spät zur Kirche, mit Krawatte
- vom Bruder, weil er keine hatte.
- Er ist jetzt zwölf Jahre weg.
- Ich staub ihn ab. Er bleibt im Fleck.
- Die Tochter sagt: Mach eine Liste,
- was mitkommt in die kleine Kiste,
- achtzehn Quadratmeter, Balkon.
- Ich sag: Ich mach sie, Kind. Ich mach sie schon.
- Ich schreib die Dinge auf, die bleiben.
- Die andern kann ich ja nicht schreiben.
(Sie legt den Stift hin. Pause.)
- Ein Sommer, einundsechzig, heiß,
- ein Baggersee, ein Speiseeis,
- ein Fahrrad, das nicht meins gewesen,
- ein Mensch, von dem ich nie gelesen,
- der mir die Schulter abgetrocknet hat
- und mich geküsst. Dann fuhr er in die Stadt.
- Das hab ich keinem je erzählt.
- Nicht Herbert. Hat auch nichts gefehlt.
- Es war ein Nachmittag, nicht mehr.
- Ich trag ihn seither mit mir her.
- Zwei Tassen, Goldrand, eine heil.
- Ein Leben ist ein großes Teil.
- Ich nehm, was in die Kiste geht.
- Der Rest bleibt hier. Und der Rest versteht.
(Sie reißt das Blatt ab, faltet es klein und steckt es in die Tasse mit dem Sprung.) So. Die kommt mit.
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Ende des Textes

