(Der Hof hinter einem Gemeindehaus, Donnerstag, kurz nach zwei. Eine lange Schlange, Klapptische mit Kisten, die meisten schon leer. Kerstin, vierundvierzig, Fleecejacke, Namensschild „Kerstin – Leitung“, steigt auf einen Getränkekasten, damit alle sie sehen. Sie hat ein Megafon in der Hand, benutzt es aber nicht.)
Darf ich mal kurz … Hallo? Hören die hinten mich? (Rufe.) Gut. Dann brauch ich das Ding nicht. Ich hasse das Ding, da klinge ich wie die Feuerwehr.
Für alle, die neu sind: Ich bin Kerstin. Ich mach das hier seit neun Jahren. Ehrenamtlich, wie alle hier. Hauptberuflich sitze ich in der Sparkasse am Schalter. Ich kann also zählen. Und ich hab heute gezählt.
(Sie zeigt auf die Tische.) Das da ist alles, was wir diese Woche bekommen haben. Drei Spender haben abgesagt. Ein Supermarkt verkauft das, was bald abläuft, jetzt selbst, in einer Kiste am Ausgang. Beim zweiten sagt der neue Filialleiter, das lohnt sich logistisch nicht. Und der Bäcker am Markt hat zugemacht. (Pause.) Und vor mir stehen hundertvierzig Menschen. Letztes Jahr um diese Zeit waren es achtzig.
(Unruhe in der Schlange.)
Ich sag es, wie es ist. Es reicht nicht. Zum ersten Mal in neun Jahren reicht es nicht für alle. Ungefähr fünfzig von Ihnen gehen heute nach Hause, ohne was in der Tasche.
(Jemand ruft etwas. Sie hebt die Hand.) Ich weiß. Ich weiß, Herr Brückner, dass Sie seit sechs Uhr hier stehen. (Zur Schlange.) Und bevor einer fragt, wer jetzt geht: Wir machen das nicht nach Pass. Nicht nach Sprache. Nicht danach, wer am lautesten ist oder wer am längsten hier wohnt. Wer das will, kann sich gleich wieder umdrehen. Hier stehen alle gleich in der Schlange. Das war so, und das bleibt so.
Familien mit Kindern zuerst, dann losen wir. Wer heute nichts bekommt, ist nächsten Donnerstag als Erstes dran. Ich schreib die Namen auf. Ich vergess keinen.
(Sie will vom Kasten steigen, bleibt dann aber oben.)
Und jetzt sag ich noch was, auch wenn das nicht hierhergehört. Ich steh hier jeden Donnerstag. Ich seh die Gesichter. Ich seh Frau Lindner, die vierzig Jahre in der Wäscherei gearbeitet hat und jetzt eine Rente hat, von der sie die Miete zahlt, und dann ist nichts mehr da. Ich seh die Studentin, die sich schämt und deshalb die Kapuze aufhat. Ich seh Ahmad, der Elektriker ist und seit vierzehn Monaten auf die Anerkennung seines Abschlusses wartet. Ich seh Kinder, die die Bananen zählen.
Und dann les ich in der Zeitung, dass wir eine Erfolgsgeschichte sind. Die Tafeln. Das Ehrenamt. Ein Leuchtturm der Zivilgesellschaft. Ein Politiker hat mir letztes Jahr eine Urkunde überreicht. (Sie lacht kurz.) Eine Urkunde. Die hängt drinnen über der Kaffeemaschine. Man kann sie nicht essen.
Wir sind keine Erfolgsgeschichte. Wenn es uns geben muss, ist irgendwas kaputt. Wir sind eine Notlösung, die schon so lange läuft, dass alle vergessen haben, dass sie eine Notlösung ist. Ich will nicht, dass mir einer dankt. Ich will, dass mich keiner mehr braucht.
(Stille. Irgendwo klatscht jemand und hört wieder auf.)
(Ruhiger.) Das hilft Ihnen jetzt alles nichts, ich weiß. Sie wollen keine Rede, Sie wollen Kartoffeln. (Sie sieht auf die Tische.) Wir haben noch zwei Kisten Möhren. Die sind nicht mehr schön, aber gut. Die gibt es für alle, ohne Los. Und Jutta hat drinnen Suppe gekocht, aus allem, was übrig war. Jeder, der will, kriegt einen Teller. Hier am Tisch. Niemand geht heute ohne was Warmes im Bauch.
Und an die, die nicht in der Schlange stehen, sondern vorbeigehen: (Sie dreht sich zum Zaun, zur Straße.) Sie können helfen. Nicht mit einer Urkunde. Mit einem Kilo Reis. Mit einem Nachmittag in der Woche. Mit einem Anruf bei Ihrer Abgeordneten. Mit Ihrer Stimme, wenn gewählt wird.
(Sie zieht ihre eigene Brotdose aus der Jackentasche, öffnet sie und sieht hinein.) Käsebrot. Und ein Apfel. (Sie hält die Dose einem Kind in der Schlange hin.) Willst du? Ich hab heute eh keinen Hunger. (Sie steigt vom Kasten.) So. Jutta, die Lose. Dann fangen wir an. Wir haben bis vier.
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