(Ein Seminarraum. Ein Beamer wirft das Titelblatt einer Arbeit an die Wand: „Wir waren keine Belegschaft. Arbeit und Leben der Frauen in der Spinnerei Hagedorn, 1972–2009“. Greta, vierundzwanzig, steht daneben. Vor ihr die Kommission. In der ersten Reihe sitzt eine Frau Mitte fünfzig mit Handtasche auf dem Schoß. Sie hat den Mantel nicht ausgezogen.)
Vielen Dank. Ich fasse zusammen. Die Spinnerei Hagedorn hat 1972 rund neunhundert Menschen beschäftigt, zwei Drittel davon Frauen. 2009 wurde sie geschlossen. Die Produktion ging ins Ausland, das Gelände ist heute ein Baumarkt. Über die Firma gibt es eine Festschrift zum hundertjährigen Jubiläum. Darin kommen die Frauen auf genau zwei Seiten vor, unter der Überschrift „Unsere Belegschaft“. Auf dem Foto lächeln sie. Namen stehen nicht dabei.
Ich habe dreiundzwanzig von ihnen interviewt. (Sie klickt weiter.) Das ist die Methode: Oral History, leitfadengestützt, zwischen vierzig Minuten und fünf Stunden pro Gespräch. Frau Doktor Brenner hat in ihrem Gutachten angemerkt, die Arbeit sei methodisch angreifbar, weil persönlich. Ich möchte darauf antworten.
Ja. Die Arbeit ist persönlich. Ich komme aus der Stadt. Ich bin an dem Werkstor vorbeigegangen, jeden Tag, auf dem Weg zur Grundschule. Ich kannte das Geräusch der Maschinen, bevor ich lesen konnte. Und ich hätte diese dreiundzwanzig Gespräche nicht führen können, wenn ich von außen gekommen wäre. Diese Frauen reden nicht mit Universitäten. Sie haben mit mir geredet, weil ich die Tochter von jemandem bin.
Ich zitiere. Hildegard K., vierundsiebzig, Ringspinnerei: (Greta verändert die Stimme, nicht viel.) „Weißt du, was das Schlimmste war? Nicht der Lärm. Den hörst du nach einem Jahr nicht mehr. Das Schlimmste war, dass sie uns nach Stück bezahlt haben und die Männer nach Stunde. Wir waren schneller. Hat keinen interessiert.“
Ayten Y., einundsechzig, Spulerei: „Ich hab da Deutsch gelernt. Nicht in einem Kurs. In der Pause. Die Frauen haben mir die Wörter gesagt, ich hab sie ihnen auf Türkisch gesagt. Wir hatten eine eigene Sprache, die hat sonst keiner verstanden. Die gibt es jetzt nicht mehr.“
Waltraud B., achtzig, Betriebsrätin von 1979 bis 1994: „Einundachtzig haben wir gestreikt, vier Tage, für die gleiche Pausenregelung wie in der Weberei. Die Männer haben gesagt, das schafft ihr nie. Am dritten Tag haben sie uns Kaffee ans Tor gebracht. Am vierten haben wir gewonnen. In der Zeitung stand: Belegschaft setzt Pausenregelung durch. Belegschaft. Als wären wir ein Wetter.“
Ich habe diese Sätze nicht ausgewählt, weil sie mich rühren. Ich habe sie ausgewählt, weil sie in keinem Archiv stehen. Im Stadtarchiv gibt es Lohnlisten, Produktionszahlen, die Korrespondenz mit der Bank. Es gibt keinen einzigen Satz einer Frau, die an diesen Maschinen gestanden hat. Wenn ich sie nicht frage, fragt sie niemand mehr. Die Älteste ist neunzig.
Und Renate S., neunundfünfzig, Qualitätskontrolle. (Pause. Greta sieht kurz in die erste Reihe, dann wieder zur Kommission.) „Als sie zugemacht haben, haben wir eine Abschiedsfeier gemacht. Mit Kuchen. In der Kantine. Die Geschäftsführung war nicht da. Wir haben uns selbst verabschiedet. Ich hab meinen Kittel mitgenommen. Den hab ich noch. Ich zieh ihn manchmal an, wenn ich Fenster putze.“
Renate S. ist meine Mutter. Sie sitzt dort. (Die Frau in der ersten Reihe senkt den Blick.) Das steht auch in der Arbeit, in einer Fußnote, Seite elf. Ich habe es nicht versteckt. Ich habe ihr Interview genauso transkribiert wie alle anderen. Und ich habe es am längsten nicht geschafft, mir die Aufnahme anzuhören. Weil sie mir in meinem ganzen Leben nie erzählt hatte, wie es war. Ich musste sie dafür mit einem Aufnahmegerät fragen.
Frau Doktor Brenner, Sie haben recht: Ich bin nicht neutral. Aber die Festschrift ist es auch nicht. Die Festschrift ist nur älter. Wenn Neutralität heißt, dass dreiundzwanzig Frauen in der Geschichte ihrer eigenen Arbeit nicht vorkommen, dann möchte ich lieber methodisch angreifbar sein. Sie heißen nicht „Belegschaft“. Sie heißen Hildegard, Ayten, Renate. Und zwanzig andere Namen, die im Anhang stehen. Ich habe sie alle gefragt, ob ich sie nennen darf. Alle haben ja gesagt.
(Stille. Greta klickt die letzte Folie an: eine Liste mit dreiundzwanzig Vornamen.)
Vielen Dank. Ich freue mich auf Ihre Fragen. (Sie sieht in die erste Reihe.) Du kannst jetzt den Mantel ausziehen, Mama. Das dauert noch.
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