(Eine voll besetzte Kirche, Heiligabend, kurz vor Mitternacht. Kerzen, ein großer Christbaum, die Krippe. Gabriel, zweiunddreißig, im weißen Messgewand, steht am Ambo. Er legt mehrere beschriebene Blätter vor sich, sieht sie an und lässt sie liegen.)
Liebe Schwestern und Brüder. Und alle, die nur heute hier sind: Schön, dass Sie da sind. Ich meine das ernst. Sie sind nicht die Weihnachtschristen. Sie sind die, die gekommen sind.
Ich habe eine Predigt vorbereitet. Sie liegt hier. Vier Seiten. Sie heißt „Fürchtet euch nicht“. Das sagt der Engel zu den Hirten, und ich wollte Ihnen heute erklären, warum wir uns nicht fürchten müssen. Es ist eine gute Predigt. Pfarrer Lohmann hat sie gelesen und gesagt, sie sei sehr tröstlich. (Er schiebt die Blätter zur Seite.) Ich kann sie nicht halten.
(Ein Raunen. Jemand hustet.)
Ich kann sie nicht halten, weil ich mich fürchte. Und ich glaube nicht, dass ich Ihnen heute Nacht sagen sollte, man müsse sich nicht fürchten, wenn ich es selbst tue.
Im März habe ich hier ein Kind beerdigt. Die meisten von Ihnen wissen, wen ich meine. Sie war vier. Ihre Eltern sind heute nicht hier, und ich verstehe das. Ich stand da vorne an dem kleinen weißen Sarg, und ihre Mutter hat mich gefragt: Wo war er? Ich hatte eine Antwort gelernt. Im Studium, im Seminar, in zehn Jahren Ausbildung. Eine sehr gute Antwort. (Pause.) Ich habe sie nicht gesagt. Ich habe gesagt: Ich weiß es nicht.
Seitdem zweifle ich. Nicht an Ihnen. Nicht an der Gemeinde. Nicht einmal an der Kirche, obwohl man an der weiß Gott oft genug zweifeln kann. (Leises Lachen.) Ich zweifle, ob da jemand ist, der zuhört. Ich bete jeden Morgen um sechs. Und an manchen Morgen ist das wie Telefonieren mit einer Nummer, bei der niemand abnimmt.
Ich sage Ihnen das, weil ich glaube, dass einige hier das kennen. Die heute dasitzen und denken: Ich weiß gar nicht, ob ich noch glaube. Ich bin wegen der Kinder hier. Wegen der Oma. Wegen dem Lied. (Pause.) Ich will Ihnen nicht sagen, dass Sie sich irren. Ich will Ihnen sagen: Sie sind nicht allein. Hier vorne steht auch einer.
(Stille. Er tritt einen Schritt vom Ambo weg, in Richtung Krippe.)
Ich habe in den letzten Wochen die Weihnachtsgeschichte noch einmal gelesen. Ganz langsam, als hätte ich sie nie gelesen. Und wissen Sie, was mir aufgefallen ist? Da steht nichts von Gewissheit. Da ist eine junge Frau, schwanger, die nicht versteht, was mit ihr geschieht. Da ist ein Mann, der überlegt, ob er sie verlassen soll. Ein Paar, das unterwegs ist, weil ein Kaiser es so will, und keinen Platz findet. Fremde in einer Stadt, die voll ist.
(Er zeigt auf die Krippe.) Und dann kommt Gott in die Welt. Nicht als König. Nicht als Antwort. Als Kind. Als das Hilfloseste, was es gibt. Ein Gott, der friert. Der nicht sprechen kann. Der darauf angewiesen ist, dass ihn jemand festhält.
Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung von Weihnachten. Nicht, dass wir glauben sollen, was wir nicht verstehen. Sondern dass Gott sich uns in die Hände legt. Dass er nicht kommt, um unsere Fragen zu beantworten, sondern um mit uns im Stall zu sitzen, in der Kälte, wenn es keine Antwort gibt.
(Leiser.) Als die Mutter im März gefragt hat, wo er war, und ich gesagt habe, ich weiß es nicht, hat sie meine Hand genommen. Wir standen da zu zweit. Ich habe in diesem Moment nicht geglaubt. Aber ich habe gespürt, dass wir nicht allein waren. Vielleicht ist das alles, was ich Ihnen heute sagen kann. Vielleicht ist das schon viel.
(Er geht zurück zum Ambo und legt die Hand auf die Blätter.)
Die Hirten fürchten sich übrigens trotzdem. Der Engel sagt: Fürchtet euch nicht. Und sie fürchten sich. Und dann gehen sie los. Mit der Angst. Nachts über die Felder, zu einem Stall, in dem ein Kind liegt, von dem sie nicht wissen, was es soll. Sie gehen nicht los, weil sie keine Angst mehr haben. Sie gehen los, obwohl.
Das ist meine Predigt. Sie ist kürzer als die auf dem Papier. Glaube war für mich in diesem Jahr kein Wissen. Glaube war: losgehen, obwohl. Hierherkommen, obwohl. Morgens um sechs beten, auch wenn niemand abnimmt.
(Er sieht in die Kirche.) Draußen im Eingang der Sparkasse schläft seit drei Wochen ein Mann. Sie kennen ihn alle. Ich habe ihn vorhin gefragt, ob er hereinkommen möchte. Er hat Nein gesagt, er rieche zu sehr. (Pause.) Wenn wir gleich „Stille Nacht“ singen, lasse ich die Tür offen. Es wird kalt werden. Behalten Sie die Jacken an. Es ist Weihnachten. Das muss man aushalten.
Amen. Oder, für alle, die gerade zweifeln: vielleicht. Das gilt auch.
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
Ende des Textes

