(Ein Wohnzimmer. Ein Tisch, ein Teller mit Pflaumenkuchen. Ernst, vierundsiebzig, im besten Hemd, sitzt auf der Kante eines Sessels. Vor ihm liegt eine graue Mappe. Ihm gegenüber sitzt Frau Haack. Sie hat nichts eingeschenkt.)
Danke, dass Sie mich reingelassen haben. Ich hätte es verstanden, wenn nicht. (Pause.) Der Kuchen ist von meiner Tochter. Ich hab ihr nicht gesagt, wofür.
Ich hab Ihnen etwas mitgebracht. (Er legt die Hand auf die Mappe.) Das ist meine Akte. Vom Stasi-Unterlagen-Archiv. Ich hab sie im Frühjahr beantragt, letzte Woche kam die Kopie. Zweihundertvierzehn Seiten. Ihr Name ist überall geschwärzt, so will es das Gesetz. Ich weiß trotzdem bei jedem Balken, dass Sie es sind. Ich hab die Akte dreimal gelesen. Ich wollte nicht kommen, bevor ich alles gelesen hab.
Mein Deckname war IM Gärtner. (Pause.) Das haben die sich ausgedacht, weil ich immer im Garten war. Neben Ihrem. Ich hab es damals für einen Witz gehalten.
Ich hab die Berichte am Küchentisch geschrieben. Abends, wenn Hilde schon schlief. Ich hab mir Mühe gegeben, ordentlich zu schreiben. Das steht auch in der Akte: Berichte des IM sind zuverlässig und gut lesbar. (Pause.) Ich hab das gelesen und mich einen Moment lang gefreut. Über das Lob. Nach vierzig Jahren. Dafür schäme ich mich fast am meisten.
Ich bin nicht gekommen, um Sie um Verzeihung zu bitten. Das steht mir nicht zu. Ich bin gekommen, weil ich vierundsiebzig bin, weil ich im März den zweiten Infarkt hatte und weil ich nicht sterben will, bevor ich es Ihnen selbst gesagt habe. Ich, nicht ein Papier.
(Er schlägt die Mappe auf und blättert, ohne hinzusehen. Er kennt die Stellen.)
Ich hab über Sie geschrieben. Sieben Jahre lang. Von einundachtzig bis achtundachtzig. Wer bei Ihnen zu Besuch war. Welche Autos vor dem Haus standen. Wann Sie Pakete aus dem Westen bekommen haben, und was drin war, soweit ich das sehen konnte. Dass Ihr Mann im Sommer dreiundachtzig zwei Wochen nicht zu Hause war. (Pause.) Er war in der Klinik in Dösen. Das wusste ich nicht. Ich hab geschrieben: unbekannter Aufenthalt.
(Er liest vor, leise. Wo der Name geschwärzt ist, macht er eine kleine Pause.) „Die … äußerte gegenüber dem IM, dass sie die Kinder in der Schule nicht zum Hass erziehen werde. Der IM schätzt ein, dass die … eine negative Haltung zur Wehrerziehung einnimmt.“ (Er schließt kurz die Augen.) Das haben Sie mir am Zaun gesagt. Beim Kirschenpflücken. Ich hab Ihnen die Leiter gehalten.
Im Herbst darauf hatten Sie keine Klasse mehr. Dann die Stelle in der Wäscherei. Und Ihr Thomas durfte nicht auf die Erweiterte Oberschule. Ich hab mir damals gesagt, das hat nichts mit mir zu tun. Das war die Partei. Das war die Schule. Ich hab doch nur aufgeschrieben, was jeder sehen konnte. (Pause.) Das stimmt nicht. Das hab ich in der Akte gesehen. Der Offizier hat an den Rand geschrieben: Material des IM Gärtner für Maßnahme verwendet. Mein Material. Für Ihre Maßnahme. (Pause.) Thomas ist heute Arzt, hab ich gehört. Über den zweiten Bildungsweg. Ich hab ihn einmal in der Notaufnahme gesehen, als Hilde gestürzt war. Er war sehr freundlich zu ihr. Er hat mich angesehen, als wüsste er nicht, wer ich bin. Oder als wüsste er es genau.
(Er legt die Mappe auf den Tisch und sieht Frau Haack zum ersten Mal direkt an.)
Warum ich es gemacht hab? Ich hab lange überlegt, ob ich es Ihnen sage. Weil es klingt wie eine Ausrede. Mein Bruder hatte achtzig versucht, über Ungarn rüberzugehen. Sie haben ihn erwischt. Zwei Jahre Bautzen. Und dann kamen zwei Männer in die Werkstatt und haben gesagt, sie könnten etwas für ihn tun. Wenn ich etwas für sie tue. Ein bisschen. Nur ein paar Beobachtungen. (Pause.) Sie haben ihn dann früher rausgelassen. Ein halbes Jahr früher. Und ich hab gedacht, jetzt kann ich aufhören. Aber man hört nicht auf. Man bekommt einen Telefonanschluss. Einen Ferienplatz an der Ostsee. Und irgendwann merkt man, dass man nicht mehr wegen des Bruders schreibt.
Das ist keine Entschuldigung. Das ist nur, was passiert ist. Hunderte haben Nein gesagt. Ich hätte auch Nein sagen können. Mein Bruder weiß bis heute nicht, warum er früher rauskam. Wusste. Er ist letztes Jahr gestorben. Er hat mich bis zum Schluss für den Einzigen in der Familie gehalten, der nie Ärger hatte.
(Frau Haack steht auf. Sie geht zu einem Schrank, öffnet eine Schublade und nimmt eine dicke, abgegriffene Mappe heraus. Sie legt sie neben seine auf den Tisch. Ernst starrt darauf.)
Das ist … (Er liest den Aufkleber.) Dreiundneunzig. (Sehr leise.) Sie haben Ihre Akte dreiundneunzig gelesen. Sie wissen das seit dreiundneunzig.
(Er kann eine Weile nicht weitersprechen.) Und Sie haben mich jeden Morgen gegrüßt. Dreißig Jahre lang. Über den Zaun. Sie haben mir Kirschen rübergereicht. Sie haben meiner Frau beim Umzug ins Heim geholfen. Und Sie haben nie etwas gesagt.
Ich weiß nicht, was ich damit machen soll. Ich hab mir alles überlegt, jeden Satz, auch, was ich sage, wenn Sie mich rauswerfen. Darauf war ich nicht vorbereitet. (Pause.) Nach der Wende hab ich jeden Tag gewartet, dass Sie es rausfinden. Jeden Tag in der Zeitung nachgesehen, wer enttarnt wurde. Irgendwann, so um dreiundneunzig, hab ich aufgehört zu warten. Ich dachte, es ist vorbei. Ich dachte, ich hab Glück gehabt. (Er lacht kurz und tonlos.) Dreiundneunzig.
(Lange Stille. Ernst schiebt seine Mappe zu ihr hinüber und legt sie auf ihre.)
Die gehört Ihnen. Da stehen Dinge drin, die nicht in Ihrer stehen. Die Ränder. Was der Offizier dazu geschrieben hat. Sie sollen das haben. Was Sie damit machen, entscheiden Sie. Sie können es Thomas zeigen. Sie können es dem Gemeindeblatt geben. Ich werde nichts abstreiten.
(Er steht auf, langsam.) Sie fahren nächste Woche in die Reha, hab ich gehört. Ich gieß trotzdem Ihre Tomaten, wenn Sie wollen. Wie jedes Jahr. Sie müssen nichts sagen. Wenn der Schlüssel unter dem Blumentopf liegt, dann ja. Wenn nicht, dann verstehe ich das.
(Er geht zur Tür. Er dreht sich nicht um. Frau Haack bleibt am Tisch sitzen, die Hand auf den beiden Mappen.)
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