(Ein Behördenflur. Ein Fenster, dahinter Regen. Elia, Anfang dreißig, ganz in Schwarz, wie es für Dolmetschende vor der Kamera üblich ist, steht mit einer Wasserflasche an der Wand. Die Pressesprecherin kommt auf Elia zu.)
Ja. Ich weiß. Drei Sekunden. Ich habe es selbst gemerkt. Es tut mir leid. Das darf nicht passieren, und es passiert mir sonst nie. Ich mache das seit neun Jahren. Ich habe bei Pressekonferenzen gedolmetscht, bei Gerichtsverhandlungen, bei einer Geburt, und meine Hände haben nie aufgehört.
Es gibt Regeln für meinen Beruf. Ich übersetze alles. Vollständig und neutral. Ich lasse nichts weg, ich füge nichts hinzu, ich schwäche nichts ab und mache nichts schöner. Wenn der Landrat lügt, dann lüge ich mit, in einer anderen Sprache, genauso überzeugend. Das ist mein Job. Ich bin nicht da.
(Die Pressesprecherin sagt etwas. Elia hört zu.)
Welcher Satz? Sie wissen, welcher Satz. „Wer die Warnungen ernst genommen hat, war rechtzeitig draußen.“ (Elias Hände deuten den Satz an, dann sinken sie.) Genau da.
Meine Eltern sind gehörlos. Sie wohnen in Niederbach, Bachstraße, das dritte Haus vom Fluss. In der Nacht kam die Warnung. Die Sirenen auf dem Feuerwehrhaus. Der Lautsprecherwagen. Der Kirchturm hat geläutet. Alles, was man hören konnte, war da. (Pause.) Meine Eltern haben geschlafen.
Mein Vater ist aufgewacht, weil das Wasser unter der Tür durchkam und der Teppich nass war. Um halb drei. Da stand es im Erdgeschoss schon kniehoch. Sie sind auf den Dachboden. Meine Mutter hat mir per Video geschrieben, mit einer Hand, mit der anderen hat sie die Taschenlampe gehalten. Ich habe von hundert Kilometern weg auf einen Bildschirm gestarrt und die Feuerwehr angerufen und für meine eigenen Eltern gedolmetscht. Um fünf hat sie ein Boot geholt.
Sie haben die Warnungen ernst genommen. Sie haben sie nur nicht bekommen. (Pause.) Und ich sollte vor laufender Kamera in ihre Sprache übersetzen, dass sie selbst schuld sind. Meine Hände haben das einfach nicht gemacht. Nicht aus Protest. Sie konnten nicht.
(Die Pressesprecherin sagt etwas.)
Nein, ich will nicht, dass er sich entschuldigt. Das ist nicht meine Aufgabe. Ich will, dass er den Satz noch einmal sagt. Morgen, bei der nächsten Pressekonferenz. Ganz genau so. Und ich werde ihn diesmal vollständig dolmetschen, jedes Wort, sauber, neutral. Und dann soll er in die Kamera sehen, in die Ecke, wo ich stehe, und sich überlegen, wer da zuschaut.
(Elia stellt die Flasche ab.) Und danach soll er sagen, wie die Leute gewarnt werden, die keine Sirene hören. Licht, Vibration, Nachricht aufs Handy, ein Nachbar, der klopft. Das kann er in einer Woche organisieren, wenn er will. Das dolmetsche ich ihm gern.
Meine Hände sind keine Übersetzungsmaschine. Sie gehören jemandem. (Pause.) Ich bin morgen um zehn da. Ganz in Schwarz.
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
Ende des Textes

