Dagmar: Die Abschiedsrede

Monolog · Gegenwart · Alltagssprache

Dagmar: Ich übergebe Ihnen eine gut funktionierende Abteilung. Sie war nicht billig.

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Dauer
ca. 4,5 Mingeschätzt, 590 Wörter
Umfang
590 Wörterungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 50–55redaktionelle Einschätzung
Tonlage
höflichleidenschaftlich
Sprache
Alltagssprache

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Inhalt
Seite

(Ein Besprechungsraum. Ein langer Tisch, Plastikbecher mit Sekt, eine Torte. Dagmar, dreiundfünfzig, Hosenanzug, steht am Kopfende mit einem Becher in der Hand. Sie stellt ihn ab.)

Vielen Dank, Herr Dr. Reuter. Für die freundlichen Worte, für den Blumenstrauß und für die Torte. Ich habe gelesen, was draufsteht. „Danke, Dagmar.“ Mit Ausrufezeichen. Das freut mich. Man liest so selten ein Ausrufezeichen in diesem Haus, außer in Mahnungen.

(Lachen.)

Dreiundzwanzig Jahre. Als ich angefangen habe, hatten wir Faxgeräte und einen Kopierer, der nur funktionierte, wenn man ihm gut zuredete. Ich war dreißig. So alt wie Tim heute. (Sie nickt Tim zu.) Ich hatte genauso viel Energie und weniger Haare in der Bürste.

Ich möchte meinem Team danken. Frau Yilmaz, die jeden Fall kennt, bevor er bei uns ankommt. Herr Brandes, der seit siebzehn Jahren jeden Montag Brötchen mitbringt und nie Geld dafür nimmt. Frau Schöne, die nach ihrer Elternzeit zurückgekommen ist, obwohl man ihr gesagt hat, die Stelle sei nicht mehr dieselbe. Ich habe dafür gesorgt, dass sie dieselbe ist. (Pause.) Das war nicht immer einfach.

(Sie sieht kurz zum Bereichsvorstand, dann wieder ins Team.)

Herr Dr. Reuter hat eben gesagt, ich hätte die Abteilung „mit Herzblut“ geführt. Das stimmt. Ich möchte es nur ergänzen. Ich habe sie auch mit Zahlen geführt. Wir haben die kürzeste Bearbeitungszeit im ganzen Konzern. Wir haben seit sechs Jahren die geringste Krankheitsquote im Haus. Und wir haben die höchste Kundenzufriedenheit, drei Jahre in Folge. Die Urkunden hängen im Flur. Neben dem Kopierer. Er funktioniert übrigens immer noch nur, wenn man ihm gut zuredet.

(Sie nimmt den Becher wieder, trinkt nicht.) Was Herr Dr. Reuter nicht gesagt hat, und das ist auch nicht seine Aufgabe, ist, warum ich gehe. Er hat gesagt: Umstrukturierung. Neue Impulse. Frischer Wind. Ich habe mir das Organigramm angesehen. Der frische Wind weht seit zwei Jahren in alle Abteilungsleitungen, die von Frauen über fünfzig besetzt sind. Es sind jetzt keine mehr. (Pause.) Ich habe nachgezählt. Das ist eine Gewohnheit aus der Schadenabteilung.

(Stille. Jemand räuspert sich.)

Ich sage das nicht, damit sich jemand schämt. Scham ist in einer Versicherung keine anerkannte Schadensart. Ich sage es, weil ich es dreiundzwanzig Jahre lang niemandem gesagt habe. Ich habe nichts gesagt, als mir ein Kunde ins Gesicht sagte, er wolle mit einem Mann reden, mit jemandem, der Ahnung hat. Ich habe nichts gesagt, als ich zweimal bei einer Beförderung übergangen wurde, weil ich „familiär gebunden“ sei. Ich hatte damals keine Familie. Ich hatte einen Hund. Ich habe auch nichts gesagt, als man mir vor drei Jahren nahegelegt hat, ich solle mich mal um meine „Work-Life-Balance“ kümmern. Ich war glücklich mit meiner Balance. Sie bestand zu sechzig Prozent aus dieser Abteilung.

Ich gehe jetzt in eine Stabsstelle. Sie heißt „Strategische Prozessentwicklung“. Ich habe ein eigenes Büro mit Fenster und keine Mitarbeitenden. Man hat mir gesagt, das sei eine Wertschätzung meiner Erfahrung. (Pause.) Ich werde dort sehr gründlich arbeiten. Sie kennen mich.

(Ein kleines, nervöses Lachen. Dagmar lächelt mit. Dann wendet sie sich zu Tim.)

Tim. (Sie nimmt einen dicken Ordner von einem Stuhl.) Das ist für Sie. Das ist kein Handbuch. Das ist ein Gedächtnis. Da steht drin, welcher Gutachter lügt, welcher Anwalt um vier Uhr nicht mehr ans Telefon geht und welcher Kunde zweimal im Jahr anruft, weil er niemanden sonst zum Reden hat. Herr Gellert. Rufen Sie ihn zurück. Immer.

Hinten im Ordner steht, wann bei wem Geburtstag ist. Und wer gerade ein krankes Kind hat. Oder einen kranken Vater. Oder eine Scheidung. Das steht in keinem System. Das ist der Teil, der die Bearbeitungszeit kurz macht. Ich übergebe Ihnen eine gut funktionierende Abteilung. Sie war nicht billig.

(Leiser, nur zu Tim.) Sie sind gut. Ich habe Ihre Projekte gesehen. Sie werden das schaffen. Und in dreiundzwanzig Jahren, wenn Sie dreiundfünfzig sind und jemand vom Vorstand Ihnen eine Torte bestellt, dann denken Sie an mich. Und an das Organigramm.

(Sie hebt den Becher.)

Auf die Schadenabteilung. Die beste dieses Hauses. (Sie trinkt. Dann stellt sie den Becher hin.) Und jetzt schneide ich die Torte an. Das kann ich noch. Dafür braucht man keine Personalverantwortung.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Die Rede beginnt mit allen Floskeln, die man bei so einem Anlass erwartet. Dann kippt sie, ohne laut zu werden. Gerade die Ruhe ist gefährlich. Arbeite mit dem Status: Dagmar verliert ihren Posten, aber nicht ihre Haltung.
  • Tim ist kein Bösewicht. Dagmar weiß das. Der Text richtet sich gegen eine Entscheidung, nicht gegen einen jungen Mann.
  • Achte auf die Reaktionen im Raum: Lachen, betretenes Schweigen, ein Räuspern. Sie bestimmen den Spannungsbogen.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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