Ayşe: Der Haarschnitt

Monolog · Gegenwart · Alltagssprache

Ayşe: Man sieht anders in den Spiegel, wenn einer hinter einem steht.

Freier Text von SceneTalent

Von SceneTalent geschrieben. Frei zum Üben, Vorsprechen und für Self-Tapes – bitte mit Quellenangabe „Text: SceneTalent“. Den Text selbst nicht ohne unser Einverständnis weiterverbreiten.
Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 324 Wörter
Umfang
324 Wörterungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 38–45redaktionelle Einschätzung
Tonlage
ruhigleise & nachdenklich
Sprache
Alltagssprache

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Inhalt
Seite

(Ein kleiner Friseursalon nach Ladenschluss. Ein einziger Stuhl ist besetzt: Ein älterer Mann mit Umhang sitzt vor dem Spiegel. Ayşe, Anfang vierzig, steht hinter ihm, Kamm und Schere in der Hand.)

Kopf ein bisschen nach vorn. So. Nicht bewegen, ich bin am Nacken.

(Sie schneidet.) Warum ich das mache. Sie fragen das jetzt, nach elf Wochen. Ich dachte, Sie fragen nie. Ich hab mich schon gefreut.

Weil ich Montag sowieso hier bin. Ich mach Montag die Buchhaltung, und die Buchhaltung ist so langweilig, da schneid ich lieber Haare. Ist das eine Antwort? (Sie sieht ihn im Spiegel an.) Nein. Sie gucken schon so. Gut.

(Sie legt die Schere weg, nimmt den Pinsel und fegt ihm Haare vom Hals.)

Ich hatte einen Bruder. Hab ich immer noch, er wohnt in Hamburg und hat zwei Kinder und einen Kleingarten, mit Gartenzwergen, er findet das ironisch. Aber mit zweiundzwanzig hat er zwei Jahre auf der Straße gelebt. Wir wussten nicht, wo. Er hat sich geschämt, und wir haben uns geschämt, und jeder hat gewartet, dass der andere anruft. Zwei Jahre.

Und dann hat er angerufen. An einem Dienstag. Er hat gesagt: Ich komm nach Hause. Und Mama hat gefragt: Warum jetzt? Und er hat gesagt: Weil ich heute beim Friseur war.

(Sie nimmt das Rasiermesser, prüft die Klinge.) In Hamburg, an der Reeperbahn, hat ein Friseur ihn reingeholt. Einfach so. Es hat geregnet, mein Bruder stand unter seinem Vordach, und der Mann hat gesagt: Wenn du schon da stehst, kannst du dich auch hinsetzen. Und hat ihm die Haare geschnitten. Eine Stunde. Er hat nichts gefragt. Er hat nur gesagt: Kopf nach vorn.

Und mein Bruder hat danach in den Spiegel geguckt und sich erkannt. Das hat er gesagt: Ich hab mich wieder erkannt. Man sieht anders in den Spiegel, wenn einer hinter einem steht.

(Sie seift sein Kinn ein. Pause.)

Ich weiß nicht, wie der Friseur hieß. Ich war nie da, um mich zu bedanken. Mein Bruder weiß nicht mal mehr die Hausnummer. Also mach ich das hier. Das ist keine Wohltätigkeit. Das ist eine Schuld. Ich zahl sie ab, in Raten, montags um sieben.

(Sie rasiert ihn, ruhig.) Und jetzt nicht reden. Ich hab ein Messer. (Sie lächelt.) Sie dürfen danach was sagen.

(Sie wischt ihm das Gesicht ab, nimmt den Umhang ab und tritt zurück. Beide sehen in den Spiegel.)

So. (Pause.) Da sind Sie. (Sie geht zur Kasse, schreibt etwas in einen Kalender.) Nächsten Montag um sieben. Und wenn Sie irgendwann jemanden anrufen wollen: Das Telefon steht da. Muss ja nicht heute sein.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Ayşe arbeitet die ganze Zeit. Kamm, Schere, Nacken, Pinsel: Die Hände bleiben ruhig, auch wenn die Geschichte es nicht ist. Die Vorgänge halten den Text am Boden.
  • Sie spricht zum Spiegel, nicht direkt zu ihm. Nur einmal sieht sie ihn an. Wähle diesen Moment bewusst.
  • Die Geschichte vom Bruder ist kein Geständnis, sondern ein Bericht. Je sachlicher, desto stärker der Subtext.
  • Der Text ist leise. Für ein Self-Tape reicht der Blick in einen gedachten Spiegel knapp neben der Kamera.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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