(Ein Bahnsteig am Abend. Eine Anzeigetafel, eine Bank. Elias, sechzehn, mit Rucksack und einem großen Cellokasten. Sandra, zweiundvierzig, hält eine Tüte.)
Sandra
Sieben Minuten.
Stichwort: „Sieben Minuten.“
Elias
Steht da. Ich hab Augen.
Stichwort: „Steht da. Ich hab Augen.“
Sandra
Ich mein ja nur. Sieben Minuten. Das ist zu lang für Tschüss und zu kurz für alles andere.
Stichwort: „… und zu kurz für alles andere.“
Elias
Dann sagen wir einfach sieben Minuten lang Tschüss.
Stichwort: „… wir einfach sieben Minuten lang Tschüss.“
Sandra
(Sie hält ihm die Tüte hin.) Butterbrote. Zwei mit Käse, eins mit Gurke. Und Äpfel.
Stichwort: „… Käse, eins mit Gurke. Und Äpfel.“
Elias
Mama, es gibt Essen im Zug. Und im Internat gibt es auch Essen. Sehr viel Essen. Kartoffelbrei jeden Mittwoch.
Stichwort: „… Sehr viel Essen. Kartoffelbrei jeden Mittwoch.“
Sandra
Das ist kein Essen, das ist Kleister. Nimm die Butterbrote.
Stichwort: „… das ist Kleister. Nimm die Butterbrote.“
Elias
(Er nimmt sie.) Danke.
Stichwort: „Danke.“
(Pause. Eine Durchsage. Beide hören zu, obwohl sie nicht für sie ist.)
Sandra
Hast du genug Socken?
Stichwort: „Hast du genug Socken?“
Elias
Ich hab genau so viele Socken wie im Sommer.
Stichwort: „… so viele Socken wie im Sommer.“
Sandra
Die waren im Sommer schon zu wenig.
Stichwort: „… waren im Sommer schon zu wenig.“
Elias
Es gibt da eine Waschmaschine. Ich kann die bedienen. Ich hab es auf Youtube gelernt.
Stichwort: „… Ich hab es auf Youtube gelernt.“
Sandra
(Lacht.) Natürlich auf Youtube.
Stichwort: „Natürlich auf Youtube.“
Elias
Bei dir hätte ich es ja nie gelernt. Du hast immer gesagt: Lass, ich mach das.
Stichwort: „… immer gesagt: Lass, ich mach das.“
Sandra
(Pause.) Ja. Hab ich.
Stichwort: „Ja. Hab ich.“
(Die Anzeige springt um: noch vier Minuten. Beide sehen hin.)
Elias
Was machst du heute Abend?
Stichwort: „Was machst du heute Abend?“
Sandra
Ich? Ach. Gucken, was im Fernsehen kommt. Ich hab noch Klassenarbeiten. Und deine Gießkanne steht im Flur, ich muss die Pflanzen in deinem Zimmer …
Stichwort: „… die Pflanzen in deinem Zimmer …“
Elias
Mama, die Pflanzen sind aus Plastik.
Stichwort: „Mama, die Pflanzen sind aus Plastik.“
Sandra
Ich weiß. Ich gieß sie trotzdem. Dann hab ich was zu tun.
Stichwort: „… Dann hab ich was zu tun.“
(Pause. Elias sieht sie an.)
Elias
Du isst wieder vor dem Fernseher, oder?
Stichwort: „… isst wieder vor dem Fernseher, oder?“
Sandra
Manchmal.
Stichwort: „Manchmal.“
Elias
Mit dem Teller auf den Knien.
Stichwort: „Mit dem Teller auf den Knien.“
Sandra
Das ist bequem.
Stichwort: „Das ist bequem.“
Elias
Das hast du früher verboten.
Stichwort: „Das hast du früher verboten.“
Sandra
Früher hab ich ja auch mit jemandem am Tisch gesessen.
Stichwort: „… auch mit jemandem am Tisch gesessen.“
(Stille. Der Zug fährt ein. Die Bremsen quietschen. Die Türen öffnen sich.)
Elias
(Er nimmt den Cellokasten.) Mama.
Stichwort: „Mama.“
Sandra
Geh. Sonst ist dein Platz weg.
Stichwort: „Geh. Sonst ist dein Platz weg.“
Elias
Ich hab reserviert. (Pause.) Mama. Ich bin gern da. Im Internat. Ich bin richtig gern da. Ich hab Freunde. Ich spiel jeden Tag sechs Stunden. Ich bin da glücklich.
Stichwort: „… sechs Stunden. Ich bin da glücklich.“
Sandra
(Leise.) Ich weiß.
Stichwort: „Ich weiß.“
Elias
Und ich fühl mich schlecht, dass ich glücklich bin. Weil du allein bist.
Stichwort: „… glücklich bin. Weil du allein bist.“
Sandra
(Sie sieht ihn an. Dann schüttelt sie den Kopf.) Nein. Nein, Elias. Das ist mein Job. Nicht deiner. (Pause.) Ich hab sechzehn Jahre dafür gearbeitet, dass du irgendwo glücklich bist. Ich wusste nur nicht, dass es so weit weg sein würde.
Stichwort: „… es so weit weg sein würde.“
Elias
Vier Stunden.
Stichwort: „Vier Stunden.“
Sandra
Vier Stunden und zwölf Minuten. Ich hab nachgeguckt.
Stichwort: „… und zwölf Minuten. Ich hab nachgeguckt.“
(Ein Pfiff. Elias stellt den Cellokasten ab und umarmt sie, ungeschickt, über den Kasten hinweg.)
Elias
Iss am Tisch. Wenigstens am Sonntag. Ich ruf dich an, um sieben, und dann essen wir zusammen. Du am Tisch, ich in der Mensa. Okay?
Stichwort: „… Tisch, ich in der Mensa. Okay?“
Sandra lässt ihn los
(Sie nickt.) Okay. Und jetzt geh. Und nimm das Cello mit. Das passt nicht in meine Küche.
Stichwort: „… Das passt nicht in meine Küche.“
(Elias steigt ein. Die Tür schließt. Sandra bleibt stehen, die Hand halb erhoben.)
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Ende der Szene

