Sandra und Elias: Gleis zwölf

Dialog · 2 Personen · Gegenwart · Alltagssprache

Sandra und Elias: Sieben Minuten. Das ist zu lang für Tschüss und zu kurz für alles andere.

Freier Text von SceneTalent

Von SceneTalent geschrieben. Frei zum Üben, Vorsprechen und für Self-Tapes – bitte mit Quellenangabe „Text: SceneTalent“. Den Text selbst nicht ohne unser Einverständnis weiterverbreiten.
Dauer
ca. 3 Mingeschätzt, 339 Wörter
Umfang
339 WörterSandra · Elias
Figuren
weiblich + männlich
Spielalter
ca. 16–40redaktionelle Einschätzung
Tonlage
beiläufigleise & nachdenklich
Sprache
Alltagssprache

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Inhalt
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(Ein Bahnsteig am Abend. Eine Anzeigetafel, eine Bank. Elias, sechzehn, mit Rucksack und einem großen Cellokasten. Sandra, zweiundvierzig, hält eine Tüte.)

Sandra

Sieben Minuten.

Stichwort: „Sieben Minuten.“

Elias

Steht da. Ich hab Augen.

Stichwort: „Steht da. Ich hab Augen.“

Sandra

Ich mein ja nur. Sieben Minuten. Das ist zu lang für Tschüss und zu kurz für alles andere.

Stichwort: „… und zu kurz für alles andere.“

Elias

Dann sagen wir einfach sieben Minuten lang Tschüss.

Stichwort: „… wir einfach sieben Minuten lang Tschüss.“

Sandra

(Sie hält ihm die Tüte hin.) Butterbrote. Zwei mit Käse, eins mit Gurke. Und Äpfel.

Stichwort: „… Käse, eins mit Gurke. Und Äpfel.“

Elias

Mama, es gibt Essen im Zug. Und im Internat gibt es auch Essen. Sehr viel Essen. Kartoffelbrei jeden Mittwoch.

Stichwort: „… Sehr viel Essen. Kartoffelbrei jeden Mittwoch.“

Sandra

Das ist kein Essen, das ist Kleister. Nimm die Butterbrote.

Stichwort: „… das ist Kleister. Nimm die Butterbrote.“

Elias

(Er nimmt sie.) Danke.

Stichwort: „Danke.“

(Pause. Eine Durchsage. Beide hören zu, obwohl sie nicht für sie ist.)

Sandra

Hast du genug Socken?

Stichwort: „Hast du genug Socken?“

Elias

Ich hab genau so viele Socken wie im Sommer.

Stichwort: „… so viele Socken wie im Sommer.“

Sandra

Die waren im Sommer schon zu wenig.

Stichwort: „… waren im Sommer schon zu wenig.“

Elias

Es gibt da eine Waschmaschine. Ich kann die bedienen. Ich hab es auf Youtube gelernt.

Stichwort: „… Ich hab es auf Youtube gelernt.“

Sandra

(Lacht.) Natürlich auf Youtube.

Stichwort: „Natürlich auf Youtube.“

Elias

Bei dir hätte ich es ja nie gelernt. Du hast immer gesagt: Lass, ich mach das.

Stichwort: „… immer gesagt: Lass, ich mach das.“

Sandra

(Pause.) Ja. Hab ich.

Stichwort: „Ja. Hab ich.“

(Die Anzeige springt um: noch vier Minuten. Beide sehen hin.)

Elias

Was machst du heute Abend?

Stichwort: „Was machst du heute Abend?“

Sandra

Ich? Ach. Gucken, was im Fernsehen kommt. Ich hab noch Klassenarbeiten. Und deine Gießkanne steht im Flur, ich muss die Pflanzen in deinem Zimmer …

Stichwort: „… die Pflanzen in deinem Zimmer …“

Elias

Mama, die Pflanzen sind aus Plastik.

Stichwort: „Mama, die Pflanzen sind aus Plastik.“

Sandra

Ich weiß. Ich gieß sie trotzdem. Dann hab ich was zu tun.

Stichwort: „… Dann hab ich was zu tun.“

(Pause. Elias sieht sie an.)

Elias

Du isst wieder vor dem Fernseher, oder?

Stichwort: „… isst wieder vor dem Fernseher, oder?“

Sandra

Manchmal.

Stichwort: „Manchmal.“

Elias

Mit dem Teller auf den Knien.

Stichwort: „Mit dem Teller auf den Knien.“

Sandra

Das ist bequem.

Stichwort: „Das ist bequem.“

Elias

Das hast du früher verboten.

Stichwort: „Das hast du früher verboten.“

Sandra

Früher hab ich ja auch mit jemandem am Tisch gesessen.

Stichwort: „… auch mit jemandem am Tisch gesessen.“

(Stille. Der Zug fährt ein. Die Bremsen quietschen. Die Türen öffnen sich.)

Elias

(Er nimmt den Cellokasten.) Mama.

Stichwort: „Mama.“

Sandra

Geh. Sonst ist dein Platz weg.

Stichwort: „Geh. Sonst ist dein Platz weg.“

Elias

Ich hab reserviert. (Pause.) Mama. Ich bin gern da. Im Internat. Ich bin richtig gern da. Ich hab Freunde. Ich spiel jeden Tag sechs Stunden. Ich bin da glücklich.

Stichwort: „… sechs Stunden. Ich bin da glücklich.“

Sandra

(Leise.) Ich weiß.

Stichwort: „Ich weiß.“

Elias

Und ich fühl mich schlecht, dass ich glücklich bin. Weil du allein bist.

Stichwort: „… glücklich bin. Weil du allein bist.“

Sandra

(Sie sieht ihn an. Dann schüttelt sie den Kopf.) Nein. Nein, Elias. Das ist mein Job. Nicht deiner. (Pause.) Ich hab sechzehn Jahre dafür gearbeitet, dass du irgendwo glücklich bist. Ich wusste nur nicht, dass es so weit weg sein würde.

Stichwort: „… es so weit weg sein würde.“

Elias

Vier Stunden.

Stichwort: „Vier Stunden.“

Sandra

Vier Stunden und zwölf Minuten. Ich hab nachgeguckt.

Stichwort: „… und zwölf Minuten. Ich hab nachgeguckt.“

(Ein Pfiff. Elias stellt den Cellokasten ab und umarmt sie, ungeschickt, über den Kasten hinweg.)

Elias

Iss am Tisch. Wenigstens am Sonntag. Ich ruf dich an, um sieben, und dann essen wir zusammen. Du am Tisch, ich in der Mensa. Okay?

Stichwort: „… Tisch, ich in der Mensa. Okay?“

Sandra lässt ihn los

(Sie nickt.) Okay. Und jetzt geh. Und nimm das Cello mit. Das passt nicht in meine Küche.

Stichwort: „… Das passt nicht in meine Küche.“

(Elias steigt ein. Die Tür schließt. Sandra bleibt stehen, die Hand halb erhoben.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene

Spielhinweise

  • Die Szene hat eine echte Uhr. Die Anzeige am Gleis zählt mit. Spielt mit dem Druck der Zeit; das Tempo wird nicht schneller, aber dichter.
  • Beide reden über Kleinigkeiten: Butterbrote, Socken, die Waschmaschine. Das ist der Subtext der Szene. Spielt nicht, was gemeint ist, sondern das, was gesagt wird.
  • Das Cello ist eine schöne Requisite und ein Hindernis: zu groß zum Umarmen.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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