Mel und Jordan: Die letzte Zugabe

Dialog · 2 Personen · Gegenwart · Alltagssprache

Mel und Jordan: Wir haben nicht Musik gemacht, um zusammen alt zu werden. Wir haben Musik gemacht, damit sie gehört wird.

Freier Text von SceneTalent

Von SceneTalent geschrieben. Frei zum Üben, Vorsprechen und für Self-Tapes – bitte mit Quellenangabe „Text: SceneTalent“. Den Text selbst nicht ohne unser Einverständnis weiterverbreiten.
Dauer
ca. 6 Mingeschätzt, 695 Wörter
Umfang
695 WörterJordan · Mel
Figuren
offen + offen
Spielalter
ca. 27–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
erschöpftleidenschaftlich
Sprache
Alltagssprache

Drucken und PDF

Stell zusammen, was auf dem Blatt stehen soll. Die Auswahl gilt für den Druck und für das PDF.

Inhalt
Seite
Eigene Rolle markieren

Deine Rolle bekommt einen farbigen Strich am Rand, die anderen Rollen erscheinen grau.

(Ein Tourbus, nachts. Zwei Sitzbänke gegenüber, ein kleiner Tisch mit leeren Pizzakartons. Jordan, einunddreißig, kommt herein, verschwitzt, mit einem Handtuch um den Hals, und lässt sich auf eine Bank fallen. Mel, zweiunddreißig, sitzt schon da und stimmt eine Gitarre, ohne aufzusehen.)

Jordan

Hast du das gehört? Die haben „Asphalt“ mitgesungen. Alle. Bis ganz hinten. Neun Jahre, Mel. Neun Jahre, und heute singt Hamburg „Asphalt“.

Stichwort: „… Jahre, und heute singt Hamburg „Asphalt“.“

Mel

Ich hab’s gehört.

Stichwort: „Ich hab’s gehört.“

Jordan

(Lacht.) Du hast bei der Bridge den Einsatz verpasst. Zum ersten Mal in zweihundert Konzerten.

Stichwort: „… Zum ersten Mal in zweihundert Konzerten.“

Mel

Ich war abgelenkt.

Stichwort: „Ich war abgelenkt.“

Jordan

Wovon?

Stichwort: „Wovon?“

Mel

(Hört auf zu stimmen.) Konrad hat mir vor der Zugabe gratuliert.

Stichwort: „… hat mir vor der Zugabe gratuliert.“

Jordan

(Pause.) Wozu?

Stichwort: „Wozu?“

Mel

Zu deinem Soloalbum. Er dachte, ich weiß es schon. Er hat gesagt: Toll, dass ihr das so offen handhabt.

Stichwort: „… dass ihr das so offen handhabt.“

(Lange Stille. Jordan nimmt das Handtuch vom Hals.)

Jordan

Ich wollte es dir morgen sagen.

Stichwort: „Ich wollte es dir morgen sagen.“

Mel

Wann kam das Angebot?

Stichwort: „Wann kam das Angebot?“

Jordan

(Zögert.) Im August.

Stichwort: „Im August.“

Mel

August. (Mel legt die Gitarre weg.) Wir haben im August in Leipzig gespielt. Und in Dresden. Und in Wien. Wir haben im August zusammen in einem Hotelzimmer gesessen, weil die Klimaanlage im anderen kaputt war, und du hast mir erzählt, wovor du Angst hast. Und das Angebot war da schon da?

Stichwort: „… das Angebot war da schon da?“

Jordan

Ich wusste nicht, ob ich es annehme.

Stichwort: „… wusste nicht, ob ich es annehme.“

Mel

Und jetzt weißt du es.

Stichwort: „Und jetzt weißt du es.“

Jordan

(Leise.) Ja.

Stichwort: „Ja.“

Mel

Und du hast es Konrad gesagt. Und dem Label. Und wahrscheinlich deiner Mutter. Und mir sagst du es morgen.

Stichwort: „… Und mir sagst du es morgen.“

Jordan

Weil ich wusste, dass du genau so guckst.

Stichwort: „… wusste, dass du genau so guckst.“

Mel

Wie guck ich denn?

Stichwort: „Wie guck ich denn?“

Jordan

Wie damals, als ich das Studium geschmissen hab und du gesagt hast: Gut, dann machen wir das jetzt richtig. Als ob ich dich nicht enttäuschen darf.

Stichwort: „… ob ich dich nicht enttäuschen darf.“

Mel

Ich bin nicht enttäuscht, dass du ein Album machst. Ich bin enttäuscht, dass du es mir nicht zutraust, damit klarzukommen.

Stichwort: „… es mir nicht zutraust, damit klarzukommen.“

Jordan

(Steht auf, geht im engen Bus hin und her.) Mel, die wollen nur mich. Nicht die Band. Ich hab gefragt. Ich hab gesagt, ich mach das nur, wenn ihr dabei seid. Die haben gesagt: Nein. Soloprojekt. Neue Leute, neuer Sound, ein Produzent aus London. Was hätte ich sagen sollen?

Stichwort: „… London. Was hätte ich sagen sollen?“

Mel

Nein. Zum Beispiel.

Stichwort: „Nein. Zum Beispiel.“

Jordan

Und dann? Noch neun Jahre Clubs? Noch neun Jahre Tourbus, in dem es nach Pizza riecht? Ich bin einunddreißig. Ich will nicht mit fünfzig in irgendeinem Jugendzentrum „Asphalt“ singen und mir vorstellen, was gewesen wäre.

Stichwort: „… und mir vorstellen, was gewesen wäre.“

Mel

(Ruhig.) Mir gefällt das Jugendzentrum.

Stichwort: „Mir gefällt das Jugendzentrum.“

Jordan

Dir gefällt alles, was wir zusammen machen. Sogar Bremen.

Stichwort: „… was wir zusammen machen. Sogar Bremen.“

Mel

Bremen war toll.

Stichwort: „Bremen war toll.“

Jordan

In Bremen ist uns auf der Autobahn der Bus verreckt. Wir sind mit den Verstärkern auf einem Bollerwagen vom Rastplatz in die Stadt gelaufen. Elf Kilometer. Im Regen. Und dann waren vierzehn Leute im Saal.

Stichwort: „… dann waren vierzehn Leute im Saal.“

Mel

Und alle vierzehn haben am Ende getanzt. Du hast auf dem Tresen gesungen, weil die Bühne nass war.

Stichwort: „… gesungen, weil die Bühne nass war.“

Jordan

(Lacht gegen den Willen.) Ich hab mir den Knöchel verstaucht.

Stichwort: „Ich hab mir den Knöchel verstaucht.“

Mel

Und trotzdem die Zugabe gesungen. Auf einem Bein.

Stichwort: „… die Zugabe gesungen. Auf einem Bein.“

(Pause. Das Lachen verebbt.)

Mel

(Leiser.) Weißt du, wovor ich Angst habe? Nicht vor London. Nicht davor, dass du berühmt wirst. Ich hab Angst, dass ich ohne dich nur noch jemand bin, der Gitarre spielt. Neun Jahre lang war ich die Hälfte von etwas. Ich weiß nicht, wie man das andere ist.

Stichwort: „… nicht, wie man das andere ist.“

Jordan

(Setzt sich wieder.) Du bist nicht die Hälfte. Du hast „Asphalt“ fast allein geschrieben. Ich hab nur gesungen. (Pause.) Das ist ja das Problem. Dir hat immer alles gereicht. Mir hat nie was gereicht.

Stichwort: „… gereicht. Mir hat nie was gereicht.“

(Pause. Mel greift nach dem Gitarrenkoffer, öffnet ein Seitenfach und zieht ein zerknittertes, vergilbtes Blatt heraus.)

Mel

Weißt du, was das ist?

Stichwort: „Weißt du, was das ist?“

Jordan

(Nimmt es, liest.) Das ist … die Setlist aus dem Kulturbunker. Unser erstes Konzert.

Stichwort: „… aus dem Kulturbunker. Unser erstes Konzert.“

Mel

Achtundzwanzig Leute. Davon zwölf Freunde von uns und deine Oma. Wir hatten fünf Lieder. Und ein Cover, das wir zweimal gespielt haben, weil wir nichts anderes hatten.

Stichwort: „… haben, weil wir nichts anderes hatten.“

Jordan

(Lächelt.) „Asphalt“ stand da schon drauf. Ganz unten. Mit Fragezeichen.

Stichwort: „… schon drauf. Ganz unten. Mit Fragezeichen.“

Mel

Weil du es nicht singen wolltest. Du hast gesagt, es ist zu persönlich. Ich hab gesagt, genau deshalb.

Stichwort: „… persönlich. Ich hab gesagt, genau deshalb.“

Jordan

Und dann hab ich es gesungen.

Stichwort: „Und dann hab ich es gesungen.“

Mel

Und dann hast du es gesungen. Und heute singt Hamburg mit. (Pause.) Jordan, ich hab die Setlist neun Jahre im Koffer, weil ich wusste, dass irgendwann so ein Abend kommt. Nicht genau dieser. Aber einer, an dem wir uns nicht mehr erinnern, warum wir angefangen haben.

Stichwort: „… mehr erinnern, warum wir angefangen haben.“

Jordan

(Sieht auf das Blatt.) Und warum haben wir angefangen?

Stichwort: „Und warum haben wir angefangen?“

Mel

(Pause.) Wir haben nicht Musik gemacht, um zusammen alt zu werden. Wir haben Musik gemacht, damit sie gehört wird. (Mel schluckt.) Und wenn du das in London besser kannst, dann sollst du nach London.

Stichwort: „… kannst, dann sollst du nach London.“

Jordan

(Sieht Mel lange an.) Das sagst du jetzt so.

Stichwort: „Das sagst du jetzt so.“

Mel

Ja. Morgen bin ich wahrscheinlich wütend. Übermorgen auch. Ich werde Konrad anschreien und meine Gitarre verkaufen und sie dann wieder zurückkaufen. (Pause.) Aber heute Nacht war Hamburg. Und das nimmt uns keiner.

Stichwort: „… Hamburg. Und das nimmt uns keiner.“

(Jordan reicht Mel die Setlist zurück. Mel faltet sie und steckt sie wieder ins Seitenfach.)

Jordan

Ein Lied auf dem Album ist von uns. Von dir und mir. Das hab ich mir ausgehandelt. Ich wollte es dir morgen zeigen.

Stichwort: „… Ich wollte es dir morgen zeigen.“

Mel

(Hält inne.) Welches?

Stichwort: „Welches?“

Jordan

Das, das wir nie fertig gemacht haben. Das ohne Refrain.

Stichwort: „… fertig gemacht haben. Das ohne Refrain.“

Mel

(Leise.) Das braucht keinen Refrain.

Stichwort: „Das braucht keinen Refrain.“

Jordan

Dann schreib mir die Bridge. Die du heute verpasst hast.

Stichwort: „… Bridge. Die du heute verpasst hast.“

(Mel nimmt die Gitarre wieder auf und spielt leise einen einzelnen Akkord. Jordan lehnt den Kopf an das Fenster. Draußen hört man die anderen lachend vom Fest zurückkommen.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene

Spielhinweise

  • Beide Figuren sind offen angelegt und lassen sich in jeder Besetzung spielen. Mel und Jordan sind keine Liebesgeschichte, sondern zwei Menschen, die neun Jahre lang ihr Leben geteilt haben.
  • Die Szene beginnt erschöpft und euphorisch nach dem Konzert. Der Streit wächst langsam. Achtet auf die Szenenbeats: jede neue Information verändert, was beide wollen.
  • Die Setlist ist die wichtigste Requisite. Mel hat sie seit neun Jahren im Gitarrenkoffer.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

Go to Top