(Ein Gemeinschaftsraum mit Resopaltischen und einem Gummibaum. Inge, einundachtzig, sitzt mit übergeschlagenen Beinen. Gerhard, neunundsiebzig, steht vor ihr mit einem Stapel Karteikarten.)
Gerhard
Also. Karte eins. „Liebe Familien. Wir haben euch heute eingeladen, weil wir euch etwas mitteilen möchten.“
Stichwort: „… weil wir euch etwas mitteilen möchten.““
Inge
Gerhard. Das ist der Kaffee meiner Kinder, nicht die Bundespressekonferenz.
Stichwort: „… Kaffee meiner Kinder, nicht die Bundespressekonferenz.“
Gerhard
Ich will, dass es würdig ist.
Stichwort: „Ich will, dass es würdig ist.“
Inge
Es ist würdig. Ich hab einen Käsekuchen gebacken.
Stichwort: „… würdig. Ich hab einen Käsekuchen gebacken.“
Gerhard
Karte zwei. „Wir kennen uns seit zwei Jahren und vier Monaten.“
Stichwort: „… seit zwei Jahren und vier Monaten.““
Inge
Seit zwei Jahren und fünf Monaten. Du hast den Tanzabend nicht mitgezählt, an dem du mir auf den Fuß getreten bist.
Stichwort: „… mir auf den Fuß getreten bist.“
Gerhard
Das war kein Kennenlernen. Das war ein Unfall.
Stichwort: „… kein Kennenlernen. Das war ein Unfall.“
Inge
Bei mir zählt der Unfall.
Stichwort: „Bei mir zählt der Unfall.“
(Gerhard streicht etwas auf der Karte durch und schreibt etwas Neues.)
Gerhard
Karte drei. Die Finanzen.
Stichwort: „Karte drei. Die Finanzen.“
Inge
Nein.
Stichwort: „Nein.“
Gerhard
Inge, dein Michael fragt sofort nach dem Erbe. Ich hab das ausgerechnet. Ich hab einen Notartermin gemacht. Ehevertrag, Gütertrennung, Erbverzicht. Alles bleibt bei deinen Kindern. Ich will nichts. Ich hab eine Briefmarkensammlung und einen Wohnwagen.
Stichwort: „… hab eine Briefmarkensammlung und einen Wohnwagen.“
Inge
Du hast einen Notartermin gemacht?
Stichwort: „Du hast einen Notartermin gemacht?“
Gerhard
Für Dienstag. Ich wollte, dass er keine Argumente hat.
Stichwort: „… wollte, dass er keine Argumente hat.“
(Inge steht auf und stellt sich vor Gerhard. Sie macht eine tiefe Stimme.)
Inge
„Mama, in deinem Alter, ist das nicht ein bisschen …“
Stichwort: „… ist das nicht ein bisschen …““
Gerhard
Was?
Stichwort: „Was?“
Inge
„… unvernünftig?“ (Normale Stimme.) Das sagt er. Das hat er schon am Telefon gesagt. Unvernünftig. Mein Sohn, der mit fünfundvierzig einen Porsche gekauft hat, den er nicht fahren kann, weil er Rücken hat.
Stichwort: „… fahren kann, weil er Rücken hat.“
Gerhard
Und was sagst du dann?
Stichwort: „Und was sagst du dann?“
Inge
Ich sag: Michael, ich war fünfzig Jahre vernünftig. Ich hab mit deinem Vater ein Haus abbezahlt, drei Kinder großgezogen und ihn zwei Jahre gepflegt. Jetzt bin ich dran mit unvernünftig.
Stichwort: „… Jetzt bin ich dran mit unvernünftig.“
(Gerhard legt die Karten auf den Tisch.)
Gerhard
Inge.
Stichwort: „Inge.“
Inge
Was?
Stichwort: „Was?“
Gerhard leise
Ich hab Angst, dass er dich überzeugt.
Stichwort: „… hab Angst, dass er dich überzeugt.“
Inge
Mich überzeugt?
Stichwort: „Mich überzeugt?“
Gerhard
Ich war nie verheiratet. Ich war mit fünfundzwanzig verlobt, und dann hat ihr Vater gesagt, ein Schlosser ist nichts für seine Tochter. Und sie hat auf ihren Vater gehört. Ich hab vierundfünfzig Jahre gedacht, das ist eben so. Familie redet, und dann ist es vorbei.
Stichwort: „… redet, und dann ist es vorbei.“
(Stille. Inge nimmt seine Hand.)
Inge
Gerhard. Wir sagen das morgen nicht als Frage.
Stichwort: „… sagen das morgen nicht als Frage.“
Gerhard
Wie dann?
Stichwort: „Wie dann?“
Inge
Wir sagen: Wir heiraten, und ihr dürft kommen. Mehr nicht. Dann gibt es Käsekuchen.
Stichwort: „… Mehr nicht. Dann gibt es Käsekuchen.“
Gerhard
Und meine Karten?
Stichwort: „Und meine Karten?“
Inge
Die lies mir vor. Heute Abend. Alle. Auch die mit den Finanzen.
Stichwort: „… Alle. Auch die mit den Finanzen.“
Gerhard lächelt zum ersten Mal
Da ist auch ein Gedicht dabei.
Stichwort: „Da ist auch ein Gedicht dabei.“
Inge
Ich weiß. Ich hab es gesehen. Es reimt sich nicht.
Stichwort: „… es gesehen. Es reimt sich nicht.“
Gerhard
Es soll sich auch nicht reimen. Es ist ehrlich.
Stichwort: „… auch nicht reimen. Es ist ehrlich.“
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
Ende der Szene

