(Ein Dachboden. Kisten, ein alter Sessel, Staub im Licht einer Dachluke. Ella, vierzehn, sitzt auf einer Kiste und blättert in einem kleinen Buch mit Blumen auf dem Umschlag. Steffi, Mitte vierzig, kommt mit einer leeren Kiste die Treppe hoch.)
Ella
„Liebes Tagebuch. Heute war der schlimmste Tag meines Lebens.“ (Sie blättert.) „Liebes Tagebuch. Heute war der schlimmste Tag meines Lebens.“ (Blättert.) Mama, du hattest ganz viele schlimmste Tage.
Stichwort: „… du hattest ganz viele schlimmste Tage.“
Steffi
Was ist das? (Sie sieht es.) Nein. Gib das her.
Stichwort: „… ist das? Nein. Gib das her.“
Ella
Da steht „Privat“ drauf. Mit drei Ausrufezeichen. Das ist quasi eine Einladung.
Stichwort: „… Ausrufezeichen. Das ist quasi eine Einladung.“
Steffi
Ella. Das ist meins.
Stichwort: „Ella. Das ist meins.“
Ella
Du liest meine Nachrichten auch, wenn ich das Handy liegen lasse.
Stichwort: „… wenn ich das Handy liegen lasse.“
Steffi
Ich lese nicht deine Nachrichten. Ich sehe, dass welche kommen. Das ist ein Unterschied.
Stichwort: „… welche kommen. Das ist ein Unterschied.“
Ella
(Liest.) „Mama versteht überhaupt nichts. Sie fragt immer, wie es in der Schule war, und wenn ich sage gut, fragt sie, was gut heißt.“ (Sie sieht auf.) Krass. Das hast du gestern zu mir gesagt.
Stichwort: „… hast du gestern zu mir gesagt.“
Steffi
Das ist eine berechtigte Frage.
Stichwort: „Das ist eine berechtigte Frage.“
Ella
(Liest.) „Ich habe heute zwei Stunden vor dem Spiegel geübt, wie man normal guckt, wenn jemand Bestimmtes vorbeikommt. Ich glaube, ich gucke immer falsch.“
Stichwort: „… Ich glaube, ich gucke immer falsch.““
(Steffi setzt die Kiste ab. Sie sagt nichts.)
Ella
„Er hat mich in der Pause gefragt, ob ich einen Stift habe. Ich hatte drei. Ich habe gesagt, ich habe keinen. Ich weiß nicht, warum. Ich bin so dumm.“ (Sie lacht, aber nicht mehr ganz.) Du hattest drei Stifte.
Stichwort: „… so dumm.“ Du hattest drei Stifte.“
Steffi
Vier. Einer war im Mäppchen.
Stichwort: „Vier. Einer war im Mäppchen.“
Ella
Und dann?
Stichwort: „Und dann?“
Steffi streckt die Hand aus
Gib mal.
Stichwort: „Gib mal.“
(Ella zögert, dann gibt sie ihr das Buch. Steffi setzt sich in den alten Sessel und blättert.)
Steffi
(Liest.) „Ich habe heute niemandem etwas erzählt. Nicht mal Anja. Wenn man es ausspricht, ist es wahr, und dann kann es kaputtgehen.“ (Pause.) Das hab ich ganz vergessen. Dass ich das gedacht habe.
Stichwort: „… vergessen. Dass ich das gedacht habe.“
Ella
Und? Ist es kaputtgegangen?
Stichwort: „Und? Ist es kaputtgegangen?“
Steffi lächelt
Nach sechs Wochen. Er ist mit seinen Eltern nach Bremen gezogen. Ich habe ihm nie gesagt, dass ich einen Stift hatte.
Stichwort: „… gesagt, dass ich einen Stift hatte.“
(Stille. Ella zieht die Knie an.)
Ella
Ich wollte nur wissen, ob du auch mal so warst.
Stichwort: „… ob du auch mal so warst.“
Steffi
So?
Stichwort: „So?“
Ella
So. (Sie zeigt vage auf sich.) So eben.
Stichwort: „So. So eben.“
Steffi
(Sie klappt das Tagebuch zu und legt es zurück in den Schuhkarton.) Das bleibt hier oben. Und unten gibt es gleich Tee. Falls jemand in der Küche erzählen will, was gut heißt. Muss aber nicht.
Stichwort: „… was gut heißt. Muss aber nicht.“
Ella
Hast du noch das zweite?
Stichwort: „Hast du noch das zweite?“
Steffi
Nein.
Stichwort: „Nein.“
Ella
Da liegt ein zweites.
Stichwort: „Da liegt ein zweites.“
Steffi steht auf, nimmt die Kiste
Das ist von der zehnten Klasse. Das lesen wir, wenn du dreißig bist.
Stichwort: „… lesen wir, wenn du dreißig bist.“
Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.
Ende der Szene

