Marlene: Die Trauerrede

Monolog · Gegenwart · Alltagssprache

Marlene: Unsinn. Aber gut gemeint.

Freier Text von SceneTalent

© SceneTalent. Nutzung nur mit Verweis und Link auf scenetalent.com.
Dauer
ca. 2,5 Mingeschätzt, 289 Wörter
Umfang
289 Wörterungekürzt
Figur
weiblich
Spielalter
ca. 28–48redaktionelle Einschätzung
Tonlage
trockentragikomisch
Sprache
Alltagssprache
PDF-Optionen

(Eine kleine Friedhofskapelle. Vorn eine Urne zwischen zwei Gestecken. Sieben Trauergäste verteilen sich auf viele leere Stühle. Marlene, Mitte dreißig, steht ohne Zettel am Pult. Die Trauerrednerin hat kurzfristig abgesagt.)

Die Rednerin hat sich heute Morgen krankgemeldet. Bandscheibe. Das tut mir leid für sie. Mein Vater hat mich angesehen, meine Tante hat mich angesehen, und ich habe gemerkt, dass ich die Einzige war, die nicht schnell genug weggeschaut hat. Also stehe ich hier.

Onkel Horst. (Pause.) Wir wissen alle, wie er war. Ich muss das hier nicht schönreden, und er würde es hassen, wenn ich es täte. Er hat bei jeder Familienfeier über die Politik geschimpft, über das Essen und über die Frisur des jeweils jüngsten Kindes. Er hat Tante Gerdas Kartoffelsalat einmal „ein Verbrechen mit Mayonnaise“ genannt. Er hat mir zur Hochzeit einen Eimer Spülmaschinentabs geschenkt. Mit Schleife.

(Jemand lacht kurz und hört sofort wieder auf.)

Doch, Sie dürfen lachen. Er hätte gelacht. Er hat nur selten gelacht, aber wenn, dann über so etwas.

Ich habe gestern seine Wohnung aufgeschlossen, weil die Bestatterin noch Unterlagen brauchte. Im Schrank hingen zwei Anzüge. Beide braun. Und daneben stand ein Karton. Darin waren alle Zeitungsausschnitte, in denen jemand aus dieser Familie vorkommt. Alle. Das Foto von Tims Fußballmannschaft, als sie in die Kreisliga A aufgestiegen sind. Die Anzeige zur Eröffnung von Gerdas Laden. Mein Name in der Liste der Abiturienten, mit Kugelschreiber eingekreist. Und ein Leserbrief von Papa über die Umgehungsstraße. Daneben hat er an den Rand geschrieben: „Unsinn. Aber gut formuliert.“

Er hat nie zu einem von uns gesagt, dass er stolz ist. Er hat es aufgehoben. In einem Karton für Druckerpapier, mit Datum, sortiert. Ich glaube, das war seine Art, uns zu umarmen. Ohne dass jemand dabei zusehen konnte.

(Sie sieht zur Urne.)

Ich habe den Karton mitgebracht. Er steht hinten neben dem Kondolenzbuch. Jeder darf seinen Ausschnitt mitnehmen. (Pause.) Und, Onkel Horst: Die Tabs waren gut. Wir haben ein ganzes Jahr damit gespült. Ich habe mich nie bedankt. (Sie nickt der Urne zu.) Unsinn. Aber gut gemeint.

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende des Textes

Spielhinweise

  • Marlene improvisiert. Lass die Gedanken entstehen, während sie spricht.
  • Die Komik der Erinnerungen ist echt; die Trauergäste dürfen lachen. Marlene erlaubt es ausdrücklich.
  • Der Karton ist der Szenenbeat, mit dem alles kippt. Danach wird sie langsamer.
  • Der Schlusssatz nimmt den Satz des Onkels auf und dreht ihn um. Er gehört der Urne, nicht dem Publikum.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

Go to Top