(Ein Probensaal. Ein Dirigentenpult, darauf eine aufgeschlagene Partitur. Clara, dreiunddreißig, in Pullover und Jeans, hebt den Taktstock, gibt einen Einsatz, hört, lässt die Hände sinken. Stille. Sie legt den Taktstock quer über die Partitur.)
Danke. (Pause.) Das war jetzt zweimal. Zweimal derselbe Einsatz, zweimal sind die Bläser nach mir gekommen und die Streicher vor mir. Ich glaube nicht, dass das an meinem Schlag liegt. Ich glaube auch nicht, dass es an Ihnen liegt. Sie spielen diesen Satz seit Jahrzehnten. Sie könnten ihn im Schlaf.
Ich glaube, es liegt daran, dass hier gerade siebzig Menschen sitzen, die jemand anderen erwartet haben. (Pause.) Ich weiß von der Abstimmung. Ich weiß, wie sie ausgegangen ist. Ich weiß auch, dass Herr Brandauer seit zwölf Jahren mit Ihnen arbeitet und dass Sie ihn mögen. Ich mag ihn auch. Ich hab bei ihm einen Meisterkurs gemacht, mit zweiundzwanzig. Er hat mir gesagt, ich soll mir die Haare zusammenbinden, damit die Bratschen nicht abgelenkt sind.
(Ein paar Leute lachen leise. Clara wartet, bis es still ist.)
Ich hab mich vorbereitet. Nicht nur auf Dvořák. Ich hab im Sommer Ihre Namen gelernt. Alle siebzig. Mit den Fotos aus dem Jahrbuch. (Sie sieht in die Reihen.) Frau Demir, zweite Geige, dritter Pult. Herr Albrecht, Kontrabass, Sie haben eine Tochter, die bei der Jugendmusik Cello spielt. Herr Vogt, Pauke, Sie sind seit vierunddreißig Jahren hier und haben noch nie eine Probe verpasst. (Pause.) Ich sage das nicht, um Sie zu beeindrucken. Ich sage es, weil ich nicht vor einem Orchester stehen will. Ich will vor Ihnen stehen.
Ich werde jetzt nicht erzählen, wie ich mich gefühlt habe, als ich den Vertrag unterschrieben habe. Das ist nicht Ihr Problem. Ich werde Ihnen auch nicht sagen, dass Sie mich respektieren sollen. Respekt kann man nicht verlangen. Man kann ihn sich verdienen, oder eben nicht.
Ich will Ihnen etwas anderes erzählen. Ich komme aus einem Dorf in der Oberpfalz. Wir hatten eine Blaskapelle, zweiundzwanzig Leute, die meisten über sechzig. Ich hab mit neun Jahren angefangen, Trompete zu spielen, und mit dreizehn hat mich der Kapellmeister einmal vorne hingestellt, weil er krank war. Beim Frühschoppen. Ich hab den Arm gehoben, und keiner hat angefangen. Zweiundzwanzig alte Männer und Frauen haben mich angeguckt, als wäre ich ein Kind, das im Weg steht. Ich war ein Kind, das im Weg stand.
Und dann hat die Tuba, Frau Gerstl, sie war vierundsiebzig, einmal laut eingeatmet. So. (Clara atmet hörbar ein.) Und alle anderen haben mit ihr geatmet. Und dann haben wir angefangen. Zusammen. Nicht weil ich gut dirigiert habe. Sondern weil alle gleichzeitig Luft geholt haben.
Seitdem weiß ich: Ein Orchester beginnt nicht mit dem Schlag. Ein Orchester beginnt mit dem Atem davor. (Pause.) Und das ist das, was wir eben nicht hatten. Sie haben auf meinen Arm geschaut. Gut. Aber Sie haben nicht mit mir geatmet. Sie haben gewartet, ob ich es schaffe.
(Sie wendet sich an den ersten Pult der Geigen.) Herr Lindqvist. Sie haben die Abstimmung organisiert. Ich weiß das, und ich nehme es Ihnen nicht übel. Sie sind seit siebenundzwanzig Jahren Konzertmeister in diesem Haus. Sie haben vier Chefdirigenten kommen und gehen sehen. Sie wollten den fünften nicht dem Zufall überlassen. Das ist Verantwortung. (Pause.) Ich bitte Sie nicht, mich zu mögen. Ich bitte Sie, mir zu sagen, wenn ich falsch liege. Laut. Vor allen. Ich halte das aus.
Und jetzt noch etwas über diesen Satz. Dvořák hat diese Sinfonie in New York geschrieben, weit weg von zu Hause. Er hatte Heimweh. Nach Böhmen, nach seinen Tauben, nach den Leuten in seinem Dorf. Und dieses Largo, das wir gerade zweimal nicht hinbekommen haben, ist dieses Heimweh. Es ist ein Lied für etwas, das man verloren hat.
(Pause.) Ich glaube, Sie haben auch gerade Heimweh. Nach Herrn Brandauer, nach dem, wie es war, nach dem Gefühl, dass vorne jemand steht, den Sie kennen. Das verstehe ich. Ich nehme Ihnen das nicht weg. Spielen Sie es. Spielen Sie dieses Heimweh in den zweiten Satz. Dann stimmt er.
(Sie geht ein paar Schritte zur Seite, weg vom Pult.) Frau Okafor. Englischhorn. Das Solo im zweiten Satz gehört Ihnen. Das gehört Ihnen mehr als mir. Wie wollen Sie es spielen? (Pause.) Nein, ich meine es ernst. Nicht, wie Herr Brandauer es wollte, nicht, wie ich es will. Wie wollen Sie es spielen?
(Pause. Clara hört zu, nickt.)
Langsamer. Mit mehr Raum nach der dritten Phrase. (Sie lächelt.) Das hätte ich nicht gewagt, vorzuschlagen. Gut. Dann machen wir das so. Und alle anderen: Sie hören Frau Okafor zu. Nicht mir. Wenn sie atmet, atmen Sie. Ich bin nur dafür da, dass niemand verloren geht.
Ich brauche nicht Ihren Respekt. Noch nicht. Ich brauche Ihren Atem. (Pause.) Und wenn wir nach dieser Saison immer noch nicht zusammenpassen, dann sagen Sie es mir. Ins Gesicht. Und dann reden wir. Aber geben Sie mir eine Saison. Eine.
(Stille. Dann klopft jemand aus den Streichern mit dem Bogen auf das Notenpult, leise. Ein zweiter. Clara sieht hin, sagt nichts. Sie geht zurück zum Pult und nimmt den Taktstock.)
Zweiter Satz. Ab dem Anfang. (Sie hebt die Arme.) Und diesmal holen wir alle zusammen Luft.
(Sie atmet hörbar ein.)
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Ende des Textes

