Marquis Posa und König Philipp: „Geben Sie Gedankenfreiheit“

Dialog · 2 Personen · Weimarer Klassik · Blankvers

Marquis Posa und König Philipp: Geben Sie Gedankenfreiheit.

aus Don Carlos, Infant von Spanien (1787) von Friedrich Schiller · III. Akt, 10. Auftritt (Ausschnitt)

Originaltext · Don Carlos, Infant von Spanien, Friedrich Schiller (1787)gekürzt
Dauer
ca. 8,5 Mingeschätzt, 907 Wörter
Umfang
163 VerseKönig · Marquis
Figur
m + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 25–70redaktionelle Einschätzung
Tonlage
kühnleidenschaftlich
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
PDF-Optionen
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König (Mit erwartender Miene.)

  1. Nun?

Stichwort: „Nun?“

Marquis

  1. – Ich kann nicht Fürstendiener sein.
  2. (Der König sieht ihn mit Erstaunen an)
  3. Ich will
  4. Den Käufer nicht betrügen, Sire. – Wenn Sie
  5. Mich anzustellen würdigen, so wollen
  6. Sie nur die vorgewogne Tat. Sie wollen
  7. Nur meinen Arm und meinen Mut im Felde,
  8. Nur meinen Kopf im Rat. Nicht meine Taten,
  9. Der Beifall, den sie finden an dem Thron,
  10. Soll meiner Taten Endzweck sein. Mir aber,
  11. Mir hat die Tugend eignen Wert. Das Glück,
  12. Das der Monarch mit meinen Händen pflanzte,
  13. Erschüf ich selbst, und Freude wäre mir
  14. Und eigne Wahl, was mir nur Pflicht sein sollte.
  15. Und ist das Ihre Meinung? Können Sie
  16. In Ihrer Schöpfung fremde Schöpfer dulden?
  17. Ich aber soll zum Meißel mich erniedern,
  18. Wo ich der Künstler könnte sein? – Ich liebe
  19. Die Menschheit, und in Monarchien darf
  20. Ich niemand lieben als mich selbst.

Stichwort: „… Ich niemand lieben als mich selbst.“

König

  1. Dies Feuer
  2. Ist lobenswert. Ihr möchtet Gutes stiften.
  3. Wie Ihr es stiftet, kann dem Patrioten
  4. Dem Weisen gleich viel heißen. Suchet Euch
  5. Den Posten aus in meinen Königreichen,
  6. Der Euch berechtigt, diesem edeln Triebe
  7. Genug zu tun.

Stichwort: „… diesem edeln Triebe Genug zu tun.“

Marquis

  1. Ich finde keinen.

Stichwort: „Ich finde keinen.“

König

  1. Wie?

Stichwort: „Wie?“

Marquis

  1. Was Eure Majestät durch meine Hand
  2. Verbreiten – ist das Menschenglück? – Ist das
  3. Dasselbe Glück, das meine reine Liebe
  4. Den Menschen gönnt? – Vor diesem Glücke würde
  5. Die Majestät erzittern – Nein! Ein neues
  6. Erschuf der Krone Politik – ein Glück,
  7. Das sie noch reich genug ist auszuteilen,
  8. Und in dem Menschenherzen neue Triebe,
  9. Die sich von diesem Glücke stillen lassen.
  10. In ihren Münzen lässt sie Wahrheit schlagen,
  11. Die Wahrheit, die sie dulden kann. Verworfen
  12. Sind alle Stempel, die nicht diesem gleichen.
  13. Doch was der Krone frommen kann – ist das
  14. Auch mir genug? Darf meine Bruderliebe
  15. Sich zur Verkürzung meines Bruders borgen?
  16. Weiß ich ihn glücklich – eh er denken darf?
  17. Mich wählen Sie nicht, Sire, Glückseligkeit,
  18. Die Sie uns prägen, auszustreun. Ich muss
  19. Mich weigern, diese Stempel auszugeben. –
  20. Ich kann nicht Fürstendiener sein.

Stichwort: „… – Ich kann nicht Fürstendiener sein.“

König (Etwas rasch.)

  1. Ihr seid
  2. Ein Protestant.

Stichwort: „Ihr seid Ein Protestant.“

Marquis (Nach einigem Bedenken.)

  1. Ihr Glaube, Sire, ist auch
  2. Der meine.
  3. (Nach einer Pause)
  4. Ich werde missverstanden.
  5. Das war es, was ich fürchtete. Sie sehen
  6. Von den Geheimnissen der Majestät
  7. Durch meine Hand den Schleier weggezogen.
  8. Wer sichert Sie, dass mir noch heilig heiße,
  9. Was mich zu schrecken aufgehört? Ich bin
  10. Gefährlich, weil ich über mich gedacht. –
  11. Ich bin es nicht, mein König. Meine Wünsche
  12. Verwesen hier.
  13. (Die Hand auf die Brust gelegt)
  14. Die lächerliche Wut
  15. Der Neuerung, die nur der Ketten Last,
  16. Die sie nicht ganz zerbrechen kann, vergrößert,
  17. Wird mein Blut nie erhitzen. Das Jahrhundert
  18. Ist meinem Ideal nicht reif. Ich lebe
  19. Ein Bürger derer, welche kommen werden.
  20. Kann ein Gemälde Ihre Ruhe trüben? –
  21. Ihr Atem löscht es aus.

Stichwort: „… – Ihr Atem löscht es aus.“

[…]

König

  1. Vollendet!
  2. Ihr hattet mir noch mehr zu sagen.

Stichwort: „… hattet mir noch mehr zu sagen.“

Marquis

  1. Sire!
  2. Jüngst kam ich an von Flandern und Brabant. –
  3. So viele reiche, blühende Provinzen!
  4. Ein kräftiges, ein großes Volk – und auch
  5. Ein gutes Volk – und Vater dieses Volkes!
  6. Das, dacht ich, das muss göttlich sein! – Da stieß
  7. Ich auf verbrannte menschliche Gebeine –
  8. (Hier schweigt er still; seine Augen ruhen auf dem König, der es versucht, diesen Blick zu erwidern, aber betroffen und verwirrt zur Erde sieht)
  9. Sie haben recht. Sie müssen. Dass Sie können,
  10. Was Sie zu müssen eingesehn, hat mich
  11. Mit schauernder Bewunderung durchdrungen.
  12. O schade, dass, in seinem Blut gewälzt,
  13. Das Opfer wenig dazu taugt, dem Geist
  14. Des Opferers ein Loblied anzustimmen!
  15. Dass Menschen nur – nicht Wesen höhrer Art –
  16. Die Weltgeschichte schreiben! – Sanftere
  17. Jahrhunderte verdrängen Philipps Zeiten;
  18. Die bringen mildre Weisheit; Bürgerglück
  19. Wird dann versöhnt mit Fürstengröße wandeln,
  20. Der karge Staat mit seinen Kindern geizen,
  21. Und die Notwendigkeit wird menschlich sein.

Stichwort: „… Und die Notwendigkeit wird menschlich sein.“

König

  1. Wann, denkt Ihr, würden diese menschlichen
  2. Jahrhunderte erscheinen, hätt ich vor
  3. Dem Fluch des jetzigen gezittert? Sehet
  4. In meinem Spanien Euch um. Hier blüht
  5. Des Bürgers Glück in nie bewölktem Frieden;
  6. Und diese Ruhe gönn ich den Flamändern.

Stichwort: „… diese Ruhe gönn ich den Flamändern.“

Marquis (Schnell.)

  1. Die Ruhe eines Kirchhofs! Und Sie hoffen
  2. Zu endigen, was Sie begannen? hoffen,
  3. Der Christenheit gezeitigte Verwandlung,
  4. Den allgemeinen Frühling aufzuhalten,
  5. Der die Gestalt der Welt verjüngt? Sie wollen
  6. Allein in ganz Europa – sich dem Rade
  7. Des Weltverhängnisses, das unaufhaltsam
  8. In vollem Laufe rollt, entgegenwerfen?
  9. Mit Menschenarm in seine Speichen fallen?
  10. Sie werden nicht! Schon flohen Tausende
  11. Aus Ihren Ländern froh und arm. Der Bürger,
  12. Den Sie verloren für den Glauben, war
  13. Ihr edelster. Mit offnen Mutterarmen
  14. Empfängt die Fliehenden Elisabeth,
  15. Und fruchtbar blüht durch Künste unsres Landes
  16. Britannien. Verlassen von dem Fleiß
  17. Der neuen Christen, liegt Grenada öde,
  18. Und jauchzend sieht Europa seinen Feind
  19. An selbstgeschlagnen Wunden sich verbluten.
  20. (Der König ist bewegt; der Marquis bemerkt es und tritt einige Schritte näher)
  21. Sie wollen pflanzen für die Ewigkeit,
  22. Und säen Tod? Ein so erzwungnes Werk
  23. Wird seines Schöpfers Geist nicht überdauern.
  24. Dem Undank haben Sie gebaut – umsonst
  25. Den harten Kampf mit der Natur gerungen,
  26. Umsonst ein großes königliches Leben
  27. Zerstörenden Entwürfen hingeopfert.
  28. Der Mensch ist mehr, als Sie von ihm gehalten.
  29. Des langen Schlummers Bande wird er brechen
  30. Und wiederfordern sein geheiligt Recht.
  31. Zu einem Nero und Busiris wirft
  32. Er Ihren Namen, und – das schmerzt mich; denn
  33. Sie waren gut.

Stichwort: „… schmerzt mich; denn Sie waren gut.“

König

  1. Wer hat Euch dessen so
  2. Gewiss gemacht?

Stichwort: „… hat Euch dessen so Gewiss gemacht?“

Marquis (Mit Feuer.)

  1. Ja, beim Allmächtigen!
  2. Ja – ja – ich wiederhol es. Geben Sie,
  3. Was Sie uns nahmen, wieder! Lassen Sie,
  4. Großmütig wie der Starke, Menschenglück
  5. Aus Ihrem Füllhorn strömen – Geister reifen
  6. In Ihrem Weltgebäude! Geben Sie,
  7. Was Sie uns nahmen, wieder. Werden Sie
  8. Von Millionen Königen ein König.
  9. (Er nähert sich ihm kühn, indem er feste und feurige Blicke auf ihn richtet)
  10. O, könnte die Beredsamkeit von allen
  11. Den Tausenden, die dieser großen Stunde
  12. Teilhaftig sind, auf meinen Lippen schweben,
  13. Den Strahl, den ich in diesen Augen merke,
  14. Zur Flamme zu erheben! – Geben Sie
  15. Die unnatürliche Vergöttrung auf,
  16. Die uns vernichtet. Werden Sie uns Muster
  17. Des Ewigen und Wahren. Niemals – niemals
  18. Besaß ein Sterblicher so viel, so göttlich
  19. Es zu gebrauchen. Alle Könige
  20. Europens huldigen dem spanschen Namen.
  21. Gehn Sie Europens Königen voran.
  22. Ein Federzug von dieser Hand, und neu
  23. Erschaffen wird die Erde. Geben Sie
  24. Gedankenfreiheit. –

Stichwort: „… die Erde. Geben Sie Gedankenfreiheit. –“

(Sich ihm zu Füßen werfend.)

König (Überrascht, das Gesicht weggewandt und dann wieder auf den Marquis geheftet.)

  1. Sonderbarer Schwärmer!
  2. Doch – stehet auf – ich –

Stichwort: „… – stehet auf – ich –“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Schillers Blankvers in einer der berühmtesten Szenen des deutschen Theaters. Halte den Vers, aber spiele das Gespräch: Posa muss den König überzeugen, nicht vortragen.
  • Der König ist der heimliche Mittelpunkt. Seine kurzen Einwürfe zeigen, wie er schwankt zwischen Spott, Interesse und Ergriffenheit. Ein klarer Status-Unterschied gibt der Szene Spannung.
  • Die mittlere Passage (Posas Angriff auf die Schmeichelei und der Auftritt Lermas) ist gestrichen und mit […] markiert. So bleibt der Bogen von „Ich kann nicht Fürstendiener sein“ bis „Gedankenfreiheit“.
  • Die Hervorhebungen der Vorlage stehen kursiv. Sie zeigen, wo Posa den König direkt angreift („Sie müssen“, „Sie können“).

Weitere Rollen aus diesem Stück

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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