Eboli und Carlos: Der falsche Schlüssel

Dialog · 2 Personen · Weimarer Klassik · Blankvers

Prinzessin Eboli und Carlos: Ich liebe und bin – nicht geliebt.

aus Don Carlos, Infant von Spanien (1787) von Friedrich Schiller · II. Akt, 8. Auftritt (Ausschnitt)

Originaltext · Don Carlos, Infant von Spanien, Friedrich Schiller (1787)Ausschnitt
Dauer
ca. 9,5 Mingeschätzt, 939 Wörter
Umfang
175 VerseEboli · Carlos
Figur
w + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 17–30redaktionelle Einschätzung
Tonlage
verliebtleidenschaftlich
Sprache
Blankversbehutsam modernisiert
PDF-Optionen
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Eboli (Sie verlässt ihn schnell, geht einigemal stillschweigend im Kabinett auf und nieder und scheint über etwas Wichtiges nachzudenken.)

  1. (Endlich nach einer großen Pause ernsthaft und feierlich)
  2. Endlich sei es denn –
  3. Ich muss einmal zu reden mich entschließen.
  4. Zu meinem Richter wähl ich Sie. Sie sind
  5. Ein edler Mensch – ein Mann, sind Fürst und Ritter.
  6. An Ihren Busen werf ich mich. Sie werden
  7. Mich retten, Prinz, und, wo ich ohne Rettung
  8. Verloren bin, teilnehmend um mich weinen.
  9. (Der Prinz rückt näher, mit erwartungsvollem, teilnehmendem Erstaunen)
  10. Ein frecher Günstling des Monarchen buhlt
  11. Um meine Hand – Ruy Gomez, Graf von Silva –
  12. Der König will, schon ist man handelseinig,
  13. Ich bin der Kreatur verkauft.

Stichwort: „… handelseinig, Ich bin der Kreatur verkauft.“

Carlos (Heftig ergriffen.)

  1. Verkauft?
  2. Und wiederum verkauft? und wiederum
  3. Von dem berühmten Handelsmann in Süden?

Stichwort: „… Von dem berühmten Handelsmann in Süden?“

Eboli

  1. Nein, hören Sie erst alles. Nicht genug,
  2. Dass man der Politik mich hingeopfert,
  3. Auch meiner Unschuld stellt man nach – Da, hier!
  4. Dies Blatt kann diesen Heiligen entlarven.
  5. (Carlos nimmt das Papier und hängt voll Ungeduld an ihrer Erzählung, ohne sich Zeit zu nehmen, es zu lesen)
  6. Wo soll ich Rettung finden, Prinz? Bis jetzt
  7. War es mein Stolz, der meine Tugend schützte;
  8. Doch endlich –

Stichwort: „… meine Tugend schützte; Doch endlich –“

Carlos

  1. Endlich fielen Sie? Sie fielen?
  2. Nein, nein! um Gottes willen, nein!

Stichwort: „… Nein, nein! um Gottes willen, nein!“

Eboli (Stolz und edel.)

  1. Durch wen?
  2. Armselige Vernünftelei! Wie schwach
  3. Von diesen starken Geistern! Weibergunst,
  4. Der Liebe Glück der Ware gleich zu achten,
  5. Worauf geboten werden kann! Sie ist
  6. Das einzige auf diesem Rund der Erde,
  7. Was keinen Käufer leidet als sich selbst.
  8. Die Liebe ist der Liebe Preis. Sie ist
  9. Der unschätzbare Diamant, den ich
  10. Verschenken oder, ewig ungenossen,
  11. Verscharren muss – dem großen Kaufmann gleich,
  12. Der, ungerührt von des Rialto Gold,
  13. Und Königen zum Schimpfe, seine Perle
  14. Dem reichen Meere wiedergab, zu stolz,
  15. Sie unter ihrem Werte loszuschlagen.

Stichwort: „… stolz, Sie unter ihrem Werte loszuschlagen.“

Carlos

  1. (Beim wunderbaren Gott! – Das Weib ist schön!)

Stichwort: „… Gott! – Das Weib ist schön!)“

Eboli

  1. Man nenn es Grille – Eitelkeit: gleichviel.
  2. Ich teile meine Freuden nicht. Dem Mann,
  3. Dem einzigen, den ich mir auserlesen,
  4. Geb ich für alles alles hin. Ich schenke
  5. Nur einmal, aber ewig. Einen nur
  6. Wird meine Liebe glücklich machen – einen –
  7. Doch diesen einzigen zum Gott. Der Seelen
  8. Entzückender Zusammenklang – ein Kuss –
  9. Der Schäferstunde schwelgerische Freuden –
  10. Der Schönheit hohe, himmlische Magie
  11. Sind eines Strahles schwesterliche Farben,
  12. Sind einer Blume Blätter nur. Ich sollte,
  13. Ich Rasende! ein abgerissnes Blatt
  14. Aus dieser Blume schönem Kelch verschenken?
  15. Ich selbst des Weibes hohe Majestät,
  16. Der Gottheit großes Meisterstück, verstümmeln,
  17. Den Abend eines Prassers zu versüßen?

Stichwort: „… Den Abend eines Prassers zu versüßen?“

Carlos

  1. (Unglaublich! Wie? ein solches Mädchen hatte
  2. Madrid, und ich – und ich erfahr es heute
  3. Zum erstenmal?)

Stichwort: „… ich erfahr es heute Zum erstenmal?)“

Eboli

  1. Längst hätt ich diesen Hof
  2. Verlassen, diese Welt verlassen, hätte
  3. In heilgen Mauern mich begraben; doch
  4. Ein einzig Band ist noch zurück, ein Band,
  5. Das mich an diese Welt allmächtig bindet.
  6. Ach, ein Phantom vielleicht! doch mir so wert!
  7. Ich liebe und bin – nicht geliebt.

Stichwort: „… liebe und bin – nicht geliebt.“

Carlos (Voll Feuer auf sie zugehend.)

  1. Sie sinds!
  2. So wahr ein Gott im Himmel wohnt. Ich schwör es.
  3. Sie sinds, und unaussprechlich.

Stichwort: „… schwör es. Sie sinds, und unaussprechlich.“

Eboli

  1. Sie? Sie schwörens?
  2. O, das war meines Engels Stimme! Ja,
  3. Wenn freilich Sie es schwören, Karl, dann glaub ichs,
  4. Dann bin ichs.

Stichwort: „… dann glaub ichs, Dann bin ichs.“

Carlos (Der sie voll Zärtlichkeit in die Arme schließt.)

  1. Süßes, seelenvolles Mädchen!
  2. Anbetungswürdiges Geschöpf! – Ich stehe
  3. Ganz Ohr – ganz Auge – ganz Entzücken – ganz
  4. Bewunderung. – Wer hätte dich gesehn,
  5. Wer unter diesem Himmel dich gesehn
  6. Und rühmte sich – er habe nie geliebt? –
  7. Doch hier an König Philipps Hof? Was hier?
  8. Was, schöner Engel, willst du hier? bei Pfaffen
  9. Und Pfaffenzucht? Das ist kein Himmelsstrich
  10. Für solche Blumen. – Möchten sie sie brechen?
  11. Sie möchten – o, ich glaub es gern. – Doch nein!
  12. So wahr ich Leben atme, nein! – Ich schlinge
  13. Den Arm um dich, auf meinen Armen trag ich
  14. Durch eine teufelvolle Hölle dich!
  15. Ja – lass mich deinen Engel sein. –

Stichwort: „… lass mich deinen Engel sein. –“

Eboli (Mit dem vollen Blicke der Liebe.)

  1. O Carlos!
  2. Wie wenig hab ich Sie gekannt! Wie reich
  3. Und grenzenlos belohnt Ihr schönes Herz
  4. Die schwere Müh, es zu begreifen!

Stichwort: „… Die schwere Müh, es zu begreifen!“

(Sie nimmt seine Hand und will sie küssen.)

Carlos (Der sie zurückzieht.)

  1. Fürstin,
  2. Wo sind Sie jetzt?

Stichwort: „Fürstin, Wo sind Sie jetzt?“

Eboli (Mit Feinheit und Grazie, indem sie starr in seine Hand sieht.)

  1. Wie schön ist diese Hand!
  2. Wie reich ist sie! – Prinz, diese Hand hat noch
  3. Zwei kostbare Geschenke zu vergeben –
  4. Ein Diadem und Carlos’ Herz – und beides
  5. Vielleicht an eine Sterbliche? – An eine?
  6. Ein großes, göttliches Geschenk! – Beinahe
  7. Für eine Sterbliche zu groß! – Wie, Prinz?
  8. Wenn Sie zu einer Teilung sich entschlössen?
  9. Die Königinnen lieben schlecht – ein Weib,
  10. Das lieben kann, versteht sich schlecht auf Kronen:
  11. Drum besser, Prinz, Sie teilen, und gleich jetzt,
  12. Gleich jetzt – Wie? Oder hätten Sie wohl schon?
  13. Sie hätten wirklich? O, dann um so besser!
  14. Und kenn ich diese Glückliche?

Stichwort: „… besser! Und kenn ich diese Glückliche?“

Carlos

  1. Du sollst.
  2. Dir, Mädchen, dir entdeck ich mich – der Unschuld,
  3. Der lautern, unentheiligten Natur
  4. Entdeck ich mich. An diesem Hof bist du
  5. Die Würdigste, die Einzige, die Erste,
  6. Die meine Seele ganz versteht. – Ja denn!
  7. Ich leugn es nicht – ich liebe!

Stichwort: „… leugn es nicht – ich liebe!“

Eboli

  1. Böser Mensch!
  2. So schwer ist das Geständnis dir geworden?
  3. Beweinenswürdig musst ich sein, wenn du
  4. Mich liebenswürdig finden solltest?

Stichwort: „… wenn du Mich liebenswürdig finden solltest?“

Carlos (Stutzt.)

  1. Was?
  2. Was ist das?

Stichwort: „Was? Was ist das?“

Eboli

  1. Solches Spiel mit mir zu treiben!
  2. O wahrlich, Prinz, es war nicht schön. Sogar
  3. Den Schlüssel zu verleugnen!

Stichwort: „… schön. Sogar Den Schlüssel zu verleugnen!“

Carlos

  1. Schlüssel! Schlüssel!
  2. (Nach einem dumpfen Besinnen)
  3. Ja so – so wars. – Nun merk ich – – O mein Gott!

Stichwort: „… ich – – O mein Gott!“

(Seine Knie wanken, er hält sich an einen Stuhl und verhüllt das Gesicht.)

Eboli (Eine lange Stille von beiden Seiten.)

  1. (Die Fürstin schreit laut und fällt)
  2. Abscheulich! Was hab ich getan?

Stichwort: „Abscheulich! Was hab ich getan?“

Carlos (Sich aufrichtend, im Ausbruch des heftigsten Schmerzes.)

  1. So tief
  2. Herabgestürzt von allen meinen Himmeln! –
  3. O das ist schrecklich!

Stichwort: „… Himmeln! – O das ist schrecklich!“

Eboli (Das Gesicht in das Kissen verbergend.)

  1. Was entdeck ich? Gott!

Stichwort: „Was entdeck ich? Gott!“

Carlos (Vor ihr niedergeworfen.)

  1. Ich bin nicht schuldig, Fürstin – Leidenschaft –
  2. Ein unglückselger Missverstand – Bei Gott!
  3. Ich bin nicht schuldig.

Stichwort: „… Bei Gott! Ich bin nicht schuldig.“

Eboli (Stößt ihn von sich.)

  1. Weg aus meinen Augen,
  2. Um Gottes willen –

Stichwort: „… meinen Augen, Um Gottes willen –“

Carlos

  1. Nimmermehr! In dieser
  2. Entsetzlichen Erschüttrung Sie verlassen?

Stichwort: „… In dieser Entsetzlichen Erschüttrung Sie verlassen?“

Eboli (Ihn mit Gewalt wegdrängend.)

  1. Aus Großmut, aus Barmherzigkeit, hinaus
  2. Von meinen Augen! – Wollen Sie mich morden?
  3. Ich hasse Ihren Anblick!
  4. (Carlos will gehen)
  5. Meinen Brief
  6. Und meinen Schlüssel geben Sie mir wieder.
  7. Wo haben Sie den andern Brief?

Stichwort: „… Wo haben Sie den andern Brief?“

Carlos

  1. Den andern?
  2. Was denn für einen andern?

Stichwort: „… andern? Was denn für einen andern?“

Eboli

  1. Den vom König.

Stichwort: „Den vom König.“

Carlos (Zusammenschreckend.)

  1. Von wem?

Stichwort: „Von wem?“

Eboli

  1. Den Sie vorhin von mir bekamen.

Stichwort: „Den Sie vorhin von mir bekamen.“

Carlos

  1. Vom König? und an wen? an Sie?

Stichwort: „… König? und an wen? an Sie?“

Eboli

  1. O Himmel!
  2. Wie schrecklich hab ich mich verstrickt! Den Brief!
  3. Heraus damit! ich muss ihn wiederhaben.

Stichwort: „… Heraus damit! ich muss ihn wiederhaben.“

Carlos

  1. Vom König Briefe, und an Sie?

Stichwort: „Vom König Briefe, und an Sie?“

Eboli

  1. Den Brief!
  2. Im Namen aller Heiligen!

Stichwort: „Den Brief! Im Namen aller Heiligen!“

Carlos

  1. Der einen
  2. Gewissen mir entlarven sollte – diesen?

Stichwort: „… Gewissen mir entlarven sollte – diesen?“

Eboli

  1. Ich bin des Todes! – Geben Sie!

Stichwort: „… bin des Todes! – Geben Sie!“

Carlos

  1. Der Brief –

Stichwort: „Der Brief –“

Eboli (In Verzweiflung die Hände ringend.)

  1. Was hab ich Unbesonnene gewagt?

Stichwort: „Was hab ich Unbesonnene gewagt?“

Carlos

  1. Der Brief – der kam vom König? – Ja, Prinzessin,
  2. Das ändert freilich alles schnell. – Das ist
  3. (Den Brief frohlockend emporhaltend)
  4. Ein unschätzbarer – schwerer – teurer Brief,
  5. Den alle Kronen Philipps einzulösen
  6. Zu leicht, zu nichtsbedeutend sind. – Den Brief
  7. Behalt ich.

Stichwort: „… sind. – Den Brief Behalt ich.“

(Er geht.)

Eboli (Wirft sich ihm in den Weg.)

  1. Großer Gott, ich bin verloren!

Stichwort: „Großer Gott, ich bin verloren!“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Die Szene ist ein Missverständnis mit doppeltem Boden. Carlos meint die ganze Zeit eine andere Frau; spiele seine Begeisterung echt, damit der Absturz wirkt.
  • Ebolis große Rede über die Liebe („Die Liebe ist der Liebe Preis“) ist stolz, nicht flehend. Sie bietet sich nicht an, sie stellt Bedingungen.
  • Der Schluss wird schnell: kurze Repliken, geteilte Verse, Stichomythie um den Brief. Halte das Tempo, ohne den Vers zu verlieren.
  • Der Anfang der Szene ist gekürzt (Lautenspiel und Geplänkel). Die Fassung beginnt mit Ebolis Entschluss, sich zu offenbaren.

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