Lulu und Dr. Schön: „Warum sagen Sie denn Sie zu mir?“

Dialog · 2 Personen · Jahrhundertwende · Prosa

Lulu und Dr. Schön: Warum sagen Sie denn Sie zu mir?

aus Erdgeist (1895) von Frank Wedekind · II. Aufzug, 3. Auftritt (Ausschnitt)

Originaltext · Erdgeist, Frank Wedekind (1895)Ausschnitt
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 359 Wörter
Umfang
359 WörterSchön · Lulu
Figur
w + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 18–60redaktionelle Einschätzung
Tonlage
kühlleidenschaftlich
Sprache
Prosabehutsam modernisiert
PDF-Optionen
Eine gewählte Rolle wird im PDF hervorgehoben.

(Ein elegant eingerichteter Salon. Lulu. Dr. Schön.)

Schön

Was tut denn Ihr Vater hier?

Stichwort: „Was tut denn Ihr Vater hier?“

Lulu

Was haben Sie?

Stichwort: „Was haben Sie?“

Schön

Wenn ich Ihr Mann wäre, käme mir der Zopf nicht über die Schwelle.

Stichwort: „… der Zopf nicht über die Schwelle.“

Lulu

Warum sagen Sie denn Sie zu mir?

Stichwort: „… sagen Sie denn Sie zu mir?“

Schön

Weil es — weil sich das doch wohl von selbst versteht.

Stichwort: „… das doch wohl von selbst versteht.“

Lulu

Ich verstehe nicht.

Stichwort: „Ich verstehe nicht.“

Schön

Das weiß ich. (Ihr einen Sessel bietend) Darüber möchte ich nämlich gerne mit Ihnen sprechen.

Stichwort: „… ich nämlich gerne mit Ihnen sprechen.“

Lulu (Sich unsicher setzend.)

Warum haben Sie mir denn das nicht gestern gesagt?

Stichwort: „… mir denn das nicht gestern gesagt?“

Schön

Bitte jetzt nichts von gestern. Ich habe es Ihnen vor zwei Jahren schon gesagt.

Stichwort: „… Ihnen vor zwei Jahren schon gesagt.“

Lulu (Nervös.)

Ach so. Hm.

Stichwort: „Ach so. Hm.“

Schön

Ich bitte dich, deine Besuche bei mir einzustellen.

Stichwort: „… dich, deine Besuche bei mir einzustellen.“

Lulu

Darf ich Ihnen ein Elixir …

Stichwort: „Darf ich Ihnen ein Elixir …“

Schön

Danke. Kein Elixir. Haben Sie mich verstanden?

Stichwort: „… Kein Elixir. Haben Sie mich verstanden?“

(Lulu schüttelt den Kopf.)

Schön

Gut. Sie haben die Wahl. — Sie zwingen mich zu den äußersten Mitteln — entweder sich Ihrer Stellung angemessen zu benehmen …

Stichwort: „… Ihrer Stellung angemessen zu benehmen …“

Lulu

Oder?

Stichwort: „Oder?“

Schön

Oder — Sie zwingen mich — ich müsste mich an diejenige Persönlichkeit wenden, die für Ihre Aufführung verantwortlich ist.

Stichwort: „… die für Ihre Aufführung verantwortlich ist.“

Lulu

Wie stellen Sie sich das vor?

Stichwort: „Wie stellen Sie sich das vor?“

Schön

Ich ersuche Ihren Mann, Ihre Wege selber zu überwachen.

Stichwort: „… Mann, Ihre Wege selber zu überwachen.“

(Lulu erhebt sich, geht rechts die Stufen hinan.)

Schön

Wo wollen Sie denn hin?

Stichwort: „Wo wollen Sie denn hin?“

Lulu (Unter der Portiere.)

Walter!

Stichwort: „Walter!“

Schön (Aufspringend.)

Bist du verrückt?!

Stichwort: „Bist du verrückt?!“

Lulu

Aha.

Stichwort: „Aha.“

Schön

Ich mache die übermenschlichsten Anstrengungen, um dich in der Gesellschaft zu erhöhen. Auf deinen Namen kannst du zehnmal stolzer sein, als auf meine Vertraulichkeit …

Stichwort: „… sein, als auf meine Vertraulichkeit …“

Lulu (Kommt die Stufen herunter, legt Schön den Arm um den Hals.)

Was fürchten Sie jetzt noch, wo Sie am Ziel Ihrer Wünsche sind?

Stichwort: „… Sie am Ziel Ihrer Wünsche sind?“

Schön

Keine Komödie! Am Ziel meiner Wünsche? Ich habe mich verlobt, endlich. Ich habe jetzt den Wunsch, meine Braut unter ein reines Dach zu führen.

Stichwort: „… unter ein reines Dach zu führen.“

Lulu (Sich setzend.)

Sie ist zum Entzücken aufgeblüht in den zwei Jahren.

Stichwort: „… Entzücken aufgeblüht in den zwei Jahren.“

Schön

Sie sieht Einem nicht mehr so ernsthaft durch den Kopf.

Stichwort: „… mehr so ernsthaft durch den Kopf.“

Lulu

Sie ist jetzt erst ganz Weib. Wir können einander treffen, wo es Ihnen angemessen scheint.

Stichwort: „… treffen, wo es Ihnen angemessen scheint.“

Schön

Wir werden einander nirgends treffen, es sei denn in Gesellschaft Ihres Mannes!

Stichwort: „… sei denn in Gesellschaft Ihres Mannes!“

Lulu

Sie glauben selber nicht an das, was Sie sagen.

Stichwort: „… nicht an das, was Sie sagen.“

Schön

Dann muss doch Er daran glauben. Ruf’ ihn nur. Durch seine Verheiratung mit dir, durch das, was ich für ihn getan, ist er mein Freund geworden.

Stichwort: „… getan, ist er mein Freund geworden.“

Lulu (Sich erhebend.)

Meiner auch.

Stichwort: „Meiner auch.“

Schön

Dann werde ich mir das Schwert über dem Kopf herunterschneiden.

Stichwort: „… das Schwert über dem Kopf herunterschneiden.“

Lulu

Sie haben mich ja an die Kette gelegt. Ihnen verdanke ich doch mein Glück. Sie bekommen Freunde die Menge, wenn Sie erst wieder verheiratet sind.

Stichwort: „… wenn Sie erst wieder verheiratet sind.“

Schön

Du beurteilst die Frauen nach dir. Er ist ein Kindergemüt. Er wäre deinen Kabriolen sonst längst auf die Spur gekommen.

Stichwort: „… sonst längst auf die Spur gekommen.“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Der Wechsel zwischen „Sie“ und „du“ zeigt den Machtkampf. Schön will auf Abstand gehen und verfällt doch immer wieder ins Du.
  • Wedekinds Sätze sind knapp, oft scheinbar beiläufig. Hinter jeder Höflichkeit liegt Druck. Spiele den Subtext, nicht die Oberfläche.
  • Lulus Bewegungen (sie setzt sich, geht die Stufen hinauf, legt Schön den Arm um den Hals) sind Teil ihrer Argumentation. Achte auf Nähe und Abstand.
  • Der Ausschnitt endet mitten im Streit. Für ein Szenenstudium mit wechselndem Status sehr ergiebig.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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