Julie und Jean: „Wissen Sie, wie die Welt von unten aussieht?“

Dialog · 2 Personen · Naturalismus · Prosa (Übersetzung Ernst Brausewetter)

Fräulein Julie und Jean: Wissen Sie, wie die Welt von unten aussieht? Nein, das wissen Sie nicht!

aus Fräulein Julie (1888) von August Strindberg · Ausschnitt aus dem Einakter

Originaltext · Fräulein Julie, August Strindberg (1888)Ausschnitt
Dauer
ca. 7 Mingeschätzt, 829 Wörter
Umfang
829 WörterJulie · Jean
Figur
w + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 22–35redaktionelle Einschätzung
Tonlage
herausforderndleidenschaftlich
Sprache
Prosa (Übersetzung Ernst Brausewetter)behutsam modernisiert
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(Die Küche im Gutshaus des Grafen, Mittsommernacht. Julie, die Tochter des Grafen, hat Jean, den Diener ihres Vaters, zum Tanz geholt und ihn den ganzen Abend herausgefordert. Eben wollte er mit den Stiefeln des Grafen wieder an die Arbeit gehen; Julie hält ihn zurück.)

Julie

Haben Sie jemals geliebt?

Stichwort: „Haben Sie jemals geliebt?“

Jean

Wir gebrauchen nicht das Wort; aber ich habe viele Mädchen gern gehabt, und einmal bin ich davon krank geworden, dass ich die nicht bekommen konnte, die ich haben wollte; krank, sehen Sie, wie die Prinzen in »Tausend und eine Nacht«, die vor lauter Liebe nicht essen und nicht trinken können.

Stichwort: „… nicht essen und nicht trinken können.“

(Er stellt die Stiefel wieder hin.)

Julie

Wer war es?

Stichwort: „Wer war es?“

(Jean schweigt.)

Julie

Wer war es?

Stichwort: „Wer war es?“

Jean

Sie können mich nicht zwingen, es zu sagen.

Stichwort: „… mich nicht zwingen, es zu sagen.“

Julie

Wenn ich Sie, wie Ihresgleichen bitte, wie – ein Freund? Wer war es?

Stichwort: „… – ein Freund? Wer war es?“

Jean

Sie!

Stichwort: „Sie!“

Julie (Setzt sich.)

Wie komisch!

Stichwort: „Wie komisch!“

Jean

Ja, wenn Sie es denn hören wollen! Es war lächerlich! Sehen Sie, das ist die Geschichte, die ich vorhin nicht erzählen wollte; aber jetzt werde ich sie erzählen! Wissen Sie, wie die Welt von unten aussieht? Nein, das wissen Sie nicht! Gleich Habichten und Falken, deren Rücken man selten sehen kann, da sie meist droben schweben. Ich wuchs im Insthause mit sieben Schwestern und – einem Schwein zusammen, draußen auf den nackten, grauen Feldern heran, wo nicht ein Baum wuchs. Aber vom Fenster aus konnte ich die Mauer des gräflichen Parks mit den Äpfelbäumen darüber erblicken. Das war der Garten des Paradieses; und dort standen viele Engel mit flammendem Schwert und bewachten ihn. Aber nichtsdestoweniger fand ich und andere Jungen den Weg zum Baume des Lebens – nun, verachten Sie mich?

Stichwort: „… Lebens – nun, verachten Sie mich?“

Julie

Ach! Äpfel stehlen, das tun alle Jungen!

Stichwort: „… Äpfel stehlen, das tun alle Jungen!“

Jean

Das sagen Sie jetzt so, aber Sie verachten mich doch! Na, gleichviel! Einmal kam ich mit meiner Mutter in den Garten hinein, um die Zwiebelbeete von Unkraut zu säubern! Dicht bei der Gartenmauer stand ein türkischer Pavillon im Schatten von Jasminen und umrankt von Kaprifolien. Ich wusste nicht, wozu es diente, aber ich hatte noch niemals ein so schönes Gebäude gesehen. Leute gingen dort aus und ein, und eines Tages stand die Tür offen. Ich schlich dorthin und sah die Wände mit Bildern von Königen und Kaisern bedeckt, und vor den Fenstern waren rote Gardinen mit Fransen daran – nun wissen Sie, was ich meine. Ich – (er nimmt einen Fliederzweig und hält ihn dem Fräulein unter die Nase) – ich war niemals im Schlosse gewesen, hatte niemals etwas anderes, als die Kirche gesehen – aber dies hier war viel schöner; und wo meine Gedanken auch hineilten, immer kehrten sie dorthin zurück. Und dann allmählich erhob sich in mir die Sehnsucht, einmal die ganze Herrlichkeit kennenzulernen – enfin, ich schlich mich hinein, sah und bewunderte. Aber dann kam jemand! Für die Herrschaft gab es zwar nur einen Ausgang, aber ich fand noch einen andern, und ich hatte weiter keine Wahl!

Stichwort: „… und ich hatte weiter keine Wahl!“

(Julie welche den Fliederzweig genommen hatte, lässt ihn auf den Tisch fallen.)

Jean

So sprang ich denn und stürzte durch eine Himbeerhecke, rutschte über ein Gartenbeet hinweg und kam auf die Rosenterrasse. Dort erblickte ich ein helles Kleid und ein paar weiße Strümpfe – das waren Sie. Ich legte mich unter einen Haufen Unkraut, – darunter, können Sie sich das denken? – unter Disteln, die mich stachen, und nasse Erde, welche stank. Und ich schaute nach Ihnen, während Sie zwischen den Rosen dahinschritten, und ich dachte: wenn es wahr ist, dass ein Mörder ins Himmelreich kommen kann und bei den Engeln bleiben, so ist es sonderbar, dass ein Kätnersjunge hier auf Gottes Erde nicht soll in einen Schlosspark kommen und mit des Grafen Tochter spielen können.

Stichwort: „… mit des Grafen Tochter spielen können.“

Julie (Elegisch.)

Glauben Sie, dass alle armen Kinder in diesem Fall denselben Gedanken gehabt hätten.

Stichwort: „… diesem Fall denselben Gedanken gehabt hätten.“

Jean (Erst zögernd, dann in überzeugtem Ton.)

Ob alle armen – ja – natürlich! Ganz gewiss!

Stichwort: „… – ja – natürlich! Ganz gewiss!“

Julie

Es muss ein grenzenloses Unglück sein, arm zu sein.

Stichwort: „… grenzenloses Unglück sein, arm zu sein.“

Jean (Mit tiefem Schmerz, stark auftragend.)

Ach, Fräulein Julie! Ach! Ein Hund kann auf dem gräflichen Sofa liegen, ein Pferd kann von einer Damenhand auf die Schnauze geklopft werden, aber ein Junge – (in verändertem Ton.) Ja, ja, bei einem Einzelnen ist wohl genug Stoff vorhanden, um in der Welt emporzukommen, aber wie oft ist das der Fall! Indessen wissen Sie, was ich tat? Ich sprang in Kleidern in den Mühlbach hinunter; wurde aber herausgezogen und bekam Prügel. Am nächsten Sonntag aber, als Vater und alle im Hause zu Großmutter fuhren, wusste ich es so einzurichten, dass ich zu Hause blieb. Und dann wusch ich mich mit Seife und warmem Wasser, legte meine besten Kleider an und ging zur Kirche, wo ich Sie zu sehen bekommen konnte! Ich sah Sie und ging nach Hause, entschlossen zu sterben; aber ich wollte schön und angenehm sterben, ohne Schmerzen. Und da besann ich mich, dass es gefährlich wäre, unter einem Fliederbusch zu schlafen. Wir hatten einen solchen, welcher gerade in Blüte stand. Ich pflückte alle Blüten ab, die er besaß, und bettete mich dann im Haferkasten. Haben Sie bemerkt, wie glatt der Hafer ist? weich für die Hand, wie Menschenhaut. Dann schloss ich den Deckel, druselte ein, schlief schließlich ganz fest und erwachte wirklich sehr krank. Aber ich starb doch nicht, wie Sie sehen. Was ich wollte – ich weiß es nicht! Sie zu gewinnen, war ja keine Möglichkeit vorhanden – aber Sie waren für mich ein Beweis dafür, wie hoffnungslos es für mich sei, aus dem Kreise emporzukommen, in dem ich geboren.

Stichwort: „… Kreise emporzukommen, in dem ich geboren.“

Julie

Sie erzählen scharmant, wissen Sie! Sind Sie in die Schule gegangen?

Stichwort: „… Sind Sie in die Schule gegangen?“

Jean

Ein wenig; aber ich habe viel Romane gelesen und bin viel im Theater gewesen. Außerdem habe ich feine Leute reden hören, und von ihnen habe ich am meisten gelernt.

Stichwort: „… ihnen habe ich am meisten gelernt.“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

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Spielhinweise

  • Jean ist ein Erzähler. Er baut seine Geschichte auf wie für eine Bühne, mit dem Fliederzweig als Requisit.
  • Strindberg schreibt „stark auftragend“. Entscheide, wann Jean übertreibt und wann ihn die Erinnerung wirklich trifft.
  • Julies Antworten sind kurz, aber sie lenken: Sie bittet „wie Ihresgleichen“, sie setzt sich, sie lässt den Zweig fallen. Die Statusbeziehung verschiebt sich ständig.
  • Der letzte Satz über die Romane stellt alles infrage. Gib ihm Raum.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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