(Die Veranda vor Solneß’ Haus, Abendhimmel. Hilde will abreisen, weil sie Solneß’ Frau nichts wegnehmen kann. Solneß hat gestanden, dass er sich schuldig fühlt: Sein Glück als Baumeister hat das Leben seiner Frau aufgezehrt.)
Hilde (Geht auf die andere Seite des Tisches hinüber und setzt sich auf die Bank; die Ellbogen auf der Tischplatte ruhend, den Kopf auf die Hände gestützt, sieht sie ihn eine Weile schweigend an.)
Was werden Sie denn das nächste Mal bauen?
Stichwort: „… Sie denn das nächste Mal bauen?“
Solneß (Schüttelt den Kopf.)
Glaub nicht, dass es was Rechtes mehr wird.
Stichwort: „… dass es was Rechtes mehr wird.“
Hilde
Keine so trauliche glückliche Heimstätten für Mutter und Vater? Und für die Kinderschar?
Stichwort: „… und Vater? Und für die Kinderschar?“
Solneß
Möchte wissen, ob so was vonnöten sein wird hernach.
Stichwort: „… so was vonnöten sein wird hernach.“
Hilde
Armer Baumeister! Und da haben Sie volle zehn Jahre daran gearbeitet – das Leben sozusagen darauf eingesetzt – nur darauf.
Stichwort: „… sozusagen darauf eingesetzt – nur darauf.“
Solneß
Da haben Sie recht, Hilde.
Stichwort: „Da haben Sie recht, Hilde.“
Hilde (Platzt heraus.)
Ach, wie kommt mir doch das alles so albern vor! Wirklich so albern –!
Stichwort: „… albern vor! Wirklich so albern –!“
Solneß
Was meinen Sie?
Stichwort: „Was meinen Sie?“
Hilde
Dass einer nach seinem eigenen Glück nicht greifen darf. Nach seinem eigenen Leben nicht! Bloß weil jemand dazwischen steht, den man kennt!
Stichwort: „… jemand dazwischen steht, den man kennt!“
Solneß
Jemand, an dem man nicht vorbei darf.
Stichwort: „… an dem man nicht vorbei darf.“
Hilde
Ich möchte wissen, ob man das im Grunde nicht dürfte. Aber trotzdem – Ach, wenn man doch die ganze Geschichte verschlafen könnte!
Stichwort: „… doch die ganze Geschichte verschlafen könnte!“
(Sie legt die Arme flach auf den Tisch, lässt die linke Seite des Kopfes auf den Händen ruhen und schließt die Augen.)
Solneß (Dreht den Lehnstuhl um und setzt sich an den Tisch.)
Haben Sie ein trauliches glückliches Heim, Hilde – droben bei Ihrem Vater?
Stichwort: „… Hilde – droben bei Ihrem Vater?“
Hilde (Unbeweglich, antwortet gleichsam halb schlafend.)
Nur einen Käfig hatte ich.
Stichwort: „Nur einen Käfig hatte ich.“
Solneß
Und Sie wollen durchaus nicht wieder hinein?
Stichwort: „… Sie wollen durchaus nicht wieder hinein?“
Hilde (Wie oben.)
Der Waldvogel will nie hinein in den Käfig.
Stichwort: „… will nie hinein in den Käfig.“
Solneß
Lieber jagen in freier Luft –
Stichwort: „Lieber jagen in freier Luft –“
Hilde (Noch immer wie oben.)
Der Raubvogel jagt am liebsten.
Stichwort: „Der Raubvogel jagt am liebsten.“
Solneß (Lässt den Blick auf ihr ruhen.)
Wer doch Wikingertrotz im Leibe hätte –
Stichwort: „… doch Wikingertrotz im Leibe hätte –“
Hilde (Mit ihrer gewöhnlichen Stimme, indem sie die Augen aufschlägt, sich aber nicht rührt.)
Und das andere? Nennen Sie’s!
Stichwort: „Und das andere? Nennen Sie’s!“
Solneß
Ein robustes Gewissen.
Stichwort: „Ein robustes Gewissen.“
Hilde (Richtet sich lebhaft auf der Bank empor; ihre Augen haben aufs Neue den freudefunkelnden Ausdruck; sie nickt ihm zu.)
Ich weiß, was Sie das nächste Mal bauen werden!
Stichwort: „… Sie das nächste Mal bauen werden!“
Solneß
Da wissen Sie mehr, als ich selber, Hilde.
Stichwort: „… Sie mehr, als ich selber, Hilde.“
Hilde
Ja, die Baumeister, die sind ja so dumm.
Stichwort: „… Baumeister, die sind ja so dumm.“
Solneß
Und was wird’s denn werden?
Stichwort: „Und was wird’s denn werden?“
Hilde (Nickt wieder.)
Das Schloss.
Stichwort: „Das Schloss.“
Solneß
Was für ein Schloss?
Stichwort: „Was für ein Schloss?“
Hilde
Mein Schloss natürlich.
Stichwort: „Mein Schloss natürlich.“
Solneß
Jetzt wollen Sie gar ein Schloss haben?
Stichwort: „… wollen Sie gar ein Schloss haben?“
Hilde
Sind Sie mir nicht ein Königreich schuldig, wenn ich fragen darf?
Stichwort: „… Königreich schuldig, wenn ich fragen darf?“
Solneß
Das behaupten Sie wenigstens.
Stichwort: „Das behaupten Sie wenigstens.“
Hilde
Schön. Das Königreich sind Sie mir also schuldig. Und zu einem Königreich gehört doch wohl ein Schloss, soviel ich weiß.
Stichwort: „… wohl ein Schloss, soviel ich weiß.“
Solneß (Immer aufgeräumter.)
Ja, das pflegt ja sonst der Fall zu sein.
Stichwort: „… ja sonst der Fall zu sein.“
Hilde
Gut, dann bauen Sie mir’s also! Gleich!
Stichwort: „… dann bauen Sie mir’s also! Gleich!“
Solneß (Lachend.)
So auf der Stelle? – Das auch noch?
Stichwort: „… der Stelle? – Das auch noch?“
Hilde
Freilich! Denn jetzt sind sie um – die zehn Jahre. Und ich will nicht länger warten. Also – heraus mit dem Schloss, Baumeister!
Stichwort: „… – heraus mit dem Schloss, Baumeister!“
Solneß
Es ist kein Spaß, Ihnen etwas schuldig zu sein, Hilde.
Stichwort: „… Ihnen etwas schuldig zu sein, Hilde.“
Hilde
Das hätten Sie früher bedenken sollen. Jetzt ist es zu spät. Also – (sie klopft auf die Tischplatte) das Schloss auf den Tisch! Es ist mein Schloss! Gleich will ich’s haben!
Stichwort: „… mein Schloss! Gleich will ich’s haben!“
Solneß (Mehr im Ernst, beugt sich näher zu ihr hinüber, die Arme auf dem Tisch.)
Wie haben Sie sich denn eigentlich das Schloss vorgestellt, Hilde?
Stichwort: „… denn eigentlich das Schloss vorgestellt, Hilde?“
Hilde (Hildes Blick verschleiert sich allmählich; sie starrt gleichsam in sich selbst hinein.)
Mein Schloss soll hoch oben liegen. Sehr hoch soll es liegen. Und frei nach allen Seiten hin. So dass ich weit hinausblicken kann – weit hinaus.
Stichwort: „… weit hinausblicken kann – weit hinaus.“
Solneß
Und ein hoher Turm soll wohl dazu gehören?
Stichwort: „… hoher Turm soll wohl dazu gehören?“
Hilde
Ein ungeheuer hoher Turm. Und ganz oben auf dem Turm ein Söller. Und auf dem will ich stehen –
Stichwort: „… auf dem will ich stehen –“
Solneß (Greift sich unwillkürlich an die Stirn.)
Dass Sie daran Gefallen finden können, in so schwindelerregender Höhe zu stehen –
Stichwort: „… so schwindelerregender Höhe zu stehen –“
Hilde
O gewiss! Gerade dort oben will ich stehen und die andern ansehen – die, die Kirchen bauen. Und Heimstätten für Mutter und Vater und die Kinderschar. Und Sie dürfen auch hinaufkommen und sich’s ansehen.
Stichwort: „… dürfen auch hinaufkommen und sich’s ansehen.“
Solneß (Gedämpft.)
Darf der Baumeister zur Prinzessin hinaufkommen?
Stichwort: „Darf der Baumeister zur Prinzessin hinaufkommen?“
Hilde
Wenn der Baumeister will.
Stichwort: „Wenn der Baumeister will.“
Solneß (Noch leiser.)
Dann, glaube ich, kommt der Baumeister.
Stichwort: „Dann, glaube ich, kommt der Baumeister.“
Hilde (Nickt.)
Der Baumeister – der kommt.
Stichwort: „Der Baumeister – der kommt.“
Solneß
Wird aber nie mehr bauen – der arme Baumeister.
Stichwort: „… mehr bauen – der arme Baumeister.“
Hilde (Lebhaft.)
Doch. Zu zweien werden wir sein. Und dann bauen wir das Herrlichste – das Allerherrlichste, was es auf Erden gibt.
Stichwort: „… Allerherrlichste, was es auf Erden gibt.“
Solneß (Gespannt.)
Hilde – sagen Sie mir, was das ist!
Stichwort: „… sagen Sie mir, was das ist!“
Hilde (Sieht ihn lächelnd an, schüttelt den Kopf ein wenig, spitzt die Lippen und spricht wie zu einem Kinde.)
Die Baumeister – die sind sehr – sehr dumme Leute.
Stichwort: „… sind sehr – sehr dumme Leute.“
Solneß
Ja freilich sind sie dumm. Aber jetzt sagen Sie mir, was das ist! Das, was Sie das Herrlichste auf Erden nennen. Und was wir zwei miteinander bauen sollen?
Stichwort: „… was wir zwei miteinander bauen sollen?“
Hilde (Schweigt eine Weile, dann sagt sie mit einem unbestimmbaren Ausdruck in den Augen.)
Luftschlösser.
Stichwort: „Luftschlösser.“
Solneß
Luftschlösser?
Stichwort: „Luftschlösser?“
Hilde (Nickt.)
Luftschlösser, jawohl! Wissen Sie, was so ein Luftschloss für ein Ding ist?
Stichwort: „… ein Luftschloss für ein Ding ist?“
Solneß
Sie sagen ja, es ist das Herrlichste auf Erden.
Stichwort: „… es ist das Herrlichste auf Erden.“
Hilde (Erhebt sich heftig und macht eine wegwerfende Handbewegung.)
Ja, versteht sich! Luftschlösser – die sind ja so bequeme Zufluchtsorte. Und auch so bequem zu bauen (sie sieht ihn höhnisch an), besonders für die Baumeister, die ein – schwindliges Gewissen haben.
Stichwort: „… die ein – schwindliges Gewissen haben.“
Solneß (Erhebt sich.)
Von heute an bauen wir zwei miteinander, Hilde.
Stichwort: „… an bauen wir zwei miteinander, Hilde.“
Hilde (Mit einem halb zweifelnden Lächeln.)
So’n richtiges Luftschloss?
Stichwort: „So’n richtiges Luftschloss?“
Solneß
Jawohl. Mit einer Grundmauer darunter.
Stichwort: „Jawohl. Mit einer Grundmauer darunter.“
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