Alceste und Philinte: „Der Freund der ganzen Welt ist nicht der meine“

Dialog · 2 Personen · Barock · Blankvers (Übersetzung Wolf Graf Baudissin)

Alceste und Philinte: Der Freund der ganzen Welt ist nicht der meine.

aus Der Misanthrop (1666) von Molière · I. Akt, 1. Szene (Ausschnitt)

Originaltext · Der Misanthrop, Molière (1666)Ausschnitt
Dauer
ca. 7 Mingeschätzt, 750 Wörter
Umfang
112 VersePhilinte · Alceste
Figur
m + offen · 2 Personen
Spielalter
ca. 20–45redaktionelle Einschätzung
Tonlage
empörtkomisch
Sprache
Blankvers (Übersetzung Wolf Graf Baudissin)behutsam modernisiert
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(In Célimènes Haus in Paris. Alceste sitzt verärgert da; sein Freund Philinte spricht ihn an.)

Philinte

  1. Was ist’s? Was habt Ihr nur?

Stichwort: „Was ist’s? Was habt Ihr nur?“

Alceste

  1. Ich bitt’ Euch, lasst mich.

Stichwort: „Ich bitt’ Euch, lasst mich.“

Philinte

  1. So sagt mir, welche wunderliche Laune …

Stichwort: „… sagt mir, welche wunderliche Laune …“

Alceste

  1. Geht, sag’ ich Euch. Ich mag von Euch nichts wissen.

Stichwort: „… Ich mag von Euch nichts wissen.“

Philinte

  1. Man hört doch jeden an, eh’ man ihm zürnt!

Stichwort: „… jeden an, eh’ man ihm zürnt!“

Alceste

  1. Ich will Euch zürnen; will von Euch nichts hören.

Stichwort: „… zürnen; will von Euch nichts hören.“

Philinte

  1. Ich ahne nicht, was Euch so schnell verstimmt.
  2. Zwar sind wir Freunde, doch ich muss gesteh’n …

Stichwort: „… Freunde, doch ich muss gesteh’n …“

Alceste (Rasch aufstehend.)

  1. Ich Euer Freund? Mich streicht aus Eurer Liste.
  2. Ich war’s, und zählte gern Euch zu den meinen.
  3. Doch seit ich sah wie Ihr Euch heut’ gezeigt,
  4. Ist’s damit aus, und ich erklär’ Euch frei,
  5. Mit so verderbten Herzen hab’ ich nichts,
  6. Gar nichts zu schaffen.

Stichwort: „… ich nichts, Gar nichts zu schaffen.“

Philinte

  1. Bin ich denn, Alceste,
  2. So sehr zu tadeln?

Stichwort: „… denn, Alceste, So sehr zu tadeln?“

Alceste

  1. Geht! Ihr solltet sterben
  2. Aus Reu’ und Scham! Es gibt für solches Tun
  3. Keine Entschuld’gung; jeden Ehrenmann
  4. Hätt’ es empören müssen, Euch zu seh’n.
  5. Ich muss dabei steh’n, wie Ihr einen Menschen
  6. Liebkos’t, der wärmsten Freundschaft ihn versichert,
  7. Die Hand ihm drückt, mit Anerbietungen,
  8. Mit Schwur und mit Beteuerung ihn bestürmt,
  9. Und als ich frage, wer der Quidam sei,
  10. Besinnt Ihr Euch auf seinen Namen kaum.
  11. Wie Ihr Euch trennt, kühlt Eure Glut sich ab;
  12. Ihr sprecht von ihm, als sei er Euch durchaus
  13. Gleichgültig, mehr als irgend je ein andrer.
  14. Bei Gott, ich nenn’ es niedrig, feig und schändlich,
  15. So kriechend seine Seele zu entwürd’gen;
  16. Und wäre mir zum Unglück das gescheh’n,
  17. Ich ging’ aus Unmut gleich und hängte mich.

Stichwort: „… aus Unmut gleich und hängte mich.“

Philinte

  1. Mir scheint der Fall denn doch nicht hängenswert;
  2. Ihr müsst mir schon gestatten, Euch um Nachsicht
  3. Zu bitten, wenn ich milder ihn betrachte,
  4. Und mir verzeih’n, dass ich mich nicht erhänge.

Stichwort: „… verzeih’n, dass ich mich nicht erhänge.“

Alceste

  1. Wie wenig passt der Scherz!

Stichwort: „Wie wenig passt der Scherz!“

Philinte

  1. Doch nun im Ernst,
  2. Was wollt Ihr denn? Was konnt’ ich andres tun?

Stichwort: „… denn? Was konnt’ ich andres tun?“

Alceste

  1. Aufrichtig sein! Ein Mann von Ehre spricht
  2. Kein Wort, das er nicht denkt.

Stichwort: „… Kein Wort, das er nicht denkt.“

Philinte

  1. Wenn einer kommt,
  2. Und freudig mich umarmt, — nun wohl, so find’ ich
  3. Mich in der gleichen Münze wieder ab,
  4. Erwidre, wie ich’s kann, die Höflichkeit,
  5. Und zahl’ ihm Gruß für Gruß, und Schwur für Schwur.

Stichwort: „… für Gruß, und Schwur für Schwur.“

Alceste

  1. Nein, unerträglich ist die feige Schlaffheit,
  2. Mit der die Modewelt sich jedem fügt;
  3. Ich hasse die konventionelle Lüge,
  4. Das hohle Pathos unsrer Freundschaftsheuchler,
  5. Die höfliche Verschwendung nicht’ger Phrasen,
  6. Und nichtsbedeutender Umarmungen,
  7. Den Wettstreit gleicher Liebenswürdigkeit
  8. Mit all’ und jedem: für den Ehrenmann
  9. Wie für den Gecken. — Was bedeutet’s denn,
  10. Wenn einer Euch umarmt, Euch Freundschaft schwört,
  11. Vertrau’n und Treue, Zärtlichkeit und Eifer,
  12. Und tut ein Gleiches für den ersten besten
  13. Gesellen, der ihm just entgegenläuft?
  14. Nein, nein! Wer irgend Herz hat und Verstand,
  15. Dem ekelt vor so schaler Huldigung,
  16. Die, klingt sie noch so glänzend, nichtig bleibt,
  17. Wenn wir mit Hans und Kunz sie teilen sollen.
  18. Auf ein Verdienst muss sich die Achtung gründen;
  19. Wer alle Welt hochschätzt, der achtet nichts.
  20. Und weil Ihr dieser Sünde unsrer Zeit
  21. Mitfrönt, zum Teufel! seid Ihr nicht mein Mann.
  22. Ich will nichts wissen von der unbegrenzten
  23. Gefälligkeit, die wirkliches Verdienst
  24. Nicht unterscheidet: einen Vorzug fordr’ ich;
  25. Und soll ich’s Euch mit einem Wort erklären:
  26. Der Freund der ganzen Welt ist nicht der meine.

Stichwort: „… ganzen Welt ist nicht der meine.“

Philinte

  1. Wer aber in der Welt lebt, muss denn doch
  2. Dem Brauch genügen, den die Sitte fordert.

Stichwort: „… Brauch genügen, den die Sitte fordert.“

Alceste

  1. Nein, sag’ ich. Geißeln soll man schonungslos
  2. Den schnöden Austausch hohler Freundschaftsformeln;
  3. Man soll ein Mann vor allen Dingen sein,
  4. Und stets nur reden, wie man wirklich denkt.
  5. Das Herz allein soll sprechen, das Gefühl
  6. Sich hinter leere Phrasen nie verstecken.

Stichwort: „… Sich hinter leere Phrasen nie verstecken.“

Philinte

  1. Doch gibt es Fälle, wo die volle Wahrheit
  2. Unmöglich wär’ und kindisch würd’ erscheinen.
  3. Sehr oft, — verzeih’ mir’s Eure allzustrenge
  4. Moral! — ist’s gut, sein Inn’res zu verhüllen.
  5. Wär’s etwa wohlgetan, und ziemte sich
  6. Jedwedem zu verkünden, was man denkt?
  7. Wenn jemand Euch missfällt, wenn Ihr ihn hasst,
  8. Müsst Ihr die Sach’ ihm nennen, wie sie ist?

Stichwort: „… Sach’ ihm nennen, wie sie ist?“

Alceste

  1. Ja.

Stichwort: „Ja.“

Philinte

  1. Wie! Ihr wollt der alten Sylvia sagen,
  2. Die jugendliche Tracht sei wenig passend
  3. Für ihre Jahr’, und jedermann empört,
  4. Sie weiß geschminkt zu seh’n?

Stichwort: „… empört, Sie weiß geschminkt zu seh’n?“

Alceste

  1. Ja, ohne Zweifel.

Stichwort: „Ja, ohne Zweifel.“

Philinte

  1. Dem Dorilas, wie lästig er uns fällt,
  2. Wie er dem ganzen Hof verdrießlich wird,
  3. Wenn er vom Glanze seines Stamms erzählt,
  4. Und seinen Heldentaten?

Stichwort: „… seines Stamms erzählt, Und seinen Heldentaten?“

Alceste

  1. Sehr gewiss!

Stichwort: „Sehr gewiss!“

Philinte

  1. Ihr scherzt, mein Freund!

Stichwort: „Ihr scherzt, mein Freund!“

Alceste

  1. O nein, ich scherze nicht,
  2. Und werde niemand schonen in dem Punkt.
  3. Ich bin zu aufgebracht, und Hof und Stadt
  4. Zeigen mir nichts, was mir nicht Galle macht.
  5. Ich werde wild, es regt den Zorn mir auf,
  6. Seh’ ich das Tun und Treiben dieser Welt!
  7. Find’ ich doch aller Orten nichts als feige
  8. Unwürd’ge Schmeichelei, als Eigennutz,
  9. Verrat, Falschheit und Ungerechtigkeit!
  10. Ich halt’s nicht aus, es macht mich toll; ich will
  11. Der ganzen Menschheit offnen Krieg erklären.

Stichwort: „… Der ganzen Menschheit offnen Krieg erklären.“

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Spielhinweise

  • Beide haben recht. Spielt keinen Sieger: Alceste hat die bessere Moral, Philinte die bessere Laune.
  • Alcestes lange Rede gegen die „konventionelle Lüge“ ist ein Ausbruch, Philintes Antworten sind kurz und genau. Der Wechsel von langen und kurzen Repliken ist der Rhythmus der Szene.
  • Philintes Beispiele (die alte Sylvia, Dorilas) sind kleine Fallen. Alcestes „Ja.“ und „Sehr gewiss!“ müssen ihn trotzdem überraschen.
  • Gut für ein Szenenstudium im Vers: klare Haltungen, viel Subtext unter der Höflichkeit der Anrede „Ihr“.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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