(Die Küche im Gutshaus des Grafen, Mittsommernacht. Julie, die Tochter des Grafen, hat Jean, den Diener ihres Vaters, zum Tanz geholt und ihn den ganzen Abend herausgefordert. Eben wollte er mit den Stiefeln des Grafen wieder an die Arbeit gehen; Julie hält ihn zurück.)
Julie
Haben Sie jemals geliebt?
Stichwort: „Haben Sie jemals geliebt?“
Jean
Wir gebrauchen nicht das Wort; aber ich habe viele Mädchen gern gehabt, und einmal bin ich davon krank geworden, dass ich die nicht bekommen konnte, die ich haben wollte; krank, sehen Sie, wie die Prinzen in »Tausend und eine Nacht«, die vor lauter Liebe nicht essen und nicht trinken können.
Stichwort: „… nicht essen und nicht trinken können.“
(Er stellt die Stiefel wieder hin.)
Julie
Wer war es?
Stichwort: „Wer war es?“
(Jean schweigt.)
Julie
Wer war es?
Stichwort: „Wer war es?“
Jean
Sie können mich nicht zwingen, es zu sagen.
Stichwort: „… mich nicht zwingen, es zu sagen.“
Julie
Wenn ich Sie, wie Ihresgleichen bitte, wie – ein Freund? Wer war es?
Stichwort: „… – ein Freund? Wer war es?“
Jean
Sie!
Stichwort: „Sie!“
Julie (Setzt sich.)
Wie komisch!
Stichwort: „Wie komisch!“
Jean
Ja, wenn Sie es denn hören wollen! Es war lächerlich! Sehen Sie, das ist die Geschichte, die ich vorhin nicht erzählen wollte; aber jetzt werde ich sie erzählen! Wissen Sie, wie die Welt von unten aussieht? Nein, das wissen Sie nicht! Gleich Habichten und Falken, deren Rücken man selten sehen kann, da sie meist droben schweben. Ich wuchs im Insthause mit sieben Schwestern und – einem Schwein zusammen, draußen auf den nackten, grauen Feldern heran, wo nicht ein Baum wuchs. Aber vom Fenster aus konnte ich die Mauer des gräflichen Parks mit den Äpfelbäumen darüber erblicken. Das war der Garten des Paradieses; und dort standen viele Engel mit flammendem Schwert und bewachten ihn. Aber nichtsdestoweniger fand ich und andere Jungen den Weg zum Baume des Lebens – nun, verachten Sie mich?
Stichwort: „… Lebens – nun, verachten Sie mich?“
Julie
Ach! Äpfel stehlen, das tun alle Jungen!
Stichwort: „… Äpfel stehlen, das tun alle Jungen!“
Jean
Das sagen Sie jetzt so, aber Sie verachten mich doch! Na, gleichviel! Einmal kam ich mit meiner Mutter in den Garten hinein, um die Zwiebelbeete von Unkraut zu säubern! Dicht bei der Gartenmauer stand ein türkischer Pavillon im Schatten von Jasminen und umrankt von Kaprifolien. Ich wusste nicht, wozu es diente, aber ich hatte noch niemals ein so schönes Gebäude gesehen. Leute gingen dort aus und ein, und eines Tages stand die Tür offen. Ich schlich dorthin und sah die Wände mit Bildern von Königen und Kaisern bedeckt, und vor den Fenstern waren rote Gardinen mit Fransen daran – nun wissen Sie, was ich meine. Ich – (er nimmt einen Fliederzweig und hält ihn dem Fräulein unter die Nase) – ich war niemals im Schlosse gewesen, hatte niemals etwas anderes, als die Kirche gesehen – aber dies hier war viel schöner; und wo meine Gedanken auch hineilten, immer kehrten sie dorthin zurück. Und dann allmählich erhob sich in mir die Sehnsucht, einmal die ganze Herrlichkeit kennenzulernen – enfin, ich schlich mich hinein, sah und bewunderte. Aber dann kam jemand! Für die Herrschaft gab es zwar nur einen Ausgang, aber ich fand noch einen andern, und ich hatte weiter keine Wahl!
Stichwort: „… und ich hatte weiter keine Wahl!“
(Julie welche den Fliederzweig genommen hatte, lässt ihn auf den Tisch fallen.)
Jean
So sprang ich denn und stürzte durch eine Himbeerhecke, rutschte über ein Gartenbeet hinweg und kam auf die Rosenterrasse. Dort erblickte ich ein helles Kleid und ein paar weiße Strümpfe – das waren Sie. Ich legte mich unter einen Haufen Unkraut, – darunter, können Sie sich das denken? – unter Disteln, die mich stachen, und nasse Erde, welche stank. Und ich schaute nach Ihnen, während Sie zwischen den Rosen dahinschritten, und ich dachte: wenn es wahr ist, dass ein Mörder ins Himmelreich kommen kann und bei den Engeln bleiben, so ist es sonderbar, dass ein Kätnersjunge hier auf Gottes Erde nicht soll in einen Schlosspark kommen und mit des Grafen Tochter spielen können.
Stichwort: „… mit des Grafen Tochter spielen können.“
Julie (Elegisch.)
Glauben Sie, dass alle armen Kinder in diesem Fall denselben Gedanken gehabt hätten.
Stichwort: „… diesem Fall denselben Gedanken gehabt hätten.“
Jean (Erst zögernd, dann in überzeugtem Ton.)
Ob alle armen – ja – natürlich! Ganz gewiss!
Stichwort: „… – ja – natürlich! Ganz gewiss!“
Julie
Es muss ein grenzenloses Unglück sein, arm zu sein.
Stichwort: „… grenzenloses Unglück sein, arm zu sein.“
Jean (Mit tiefem Schmerz, stark auftragend.)
Ach, Fräulein Julie! Ach! Ein Hund kann auf dem gräflichen Sofa liegen, ein Pferd kann von einer Damenhand auf die Schnauze geklopft werden, aber ein Junge – (in verändertem Ton.) Ja, ja, bei einem Einzelnen ist wohl genug Stoff vorhanden, um in der Welt emporzukommen, aber wie oft ist das der Fall! Indessen wissen Sie, was ich tat? Ich sprang in Kleidern in den Mühlbach hinunter; wurde aber herausgezogen und bekam Prügel. Am nächsten Sonntag aber, als Vater und alle im Hause zu Großmutter fuhren, wusste ich es so einzurichten, dass ich zu Hause blieb. Und dann wusch ich mich mit Seife und warmem Wasser, legte meine besten Kleider an und ging zur Kirche, wo ich Sie zu sehen bekommen konnte! Ich sah Sie und ging nach Hause, entschlossen zu sterben; aber ich wollte schön und angenehm sterben, ohne Schmerzen. Und da besann ich mich, dass es gefährlich wäre, unter einem Fliederbusch zu schlafen. Wir hatten einen solchen, welcher gerade in Blüte stand. Ich pflückte alle Blüten ab, die er besaß, und bettete mich dann im Haferkasten. Haben Sie bemerkt, wie glatt der Hafer ist? weich für die Hand, wie Menschenhaut. Dann schloss ich den Deckel, druselte ein, schlief schließlich ganz fest und erwachte wirklich sehr krank. Aber ich starb doch nicht, wie Sie sehen. Was ich wollte – ich weiß es nicht! Sie zu gewinnen, war ja keine Möglichkeit vorhanden – aber Sie waren für mich ein Beweis dafür, wie hoffnungslos es für mich sei, aus dem Kreise emporzukommen, in dem ich geboren.
Stichwort: „… Kreise emporzukommen, in dem ich geboren.“
Julie
Sie erzählen scharmant, wissen Sie! Sind Sie in die Schule gegangen?
Stichwort: „… Sind Sie in die Schule gegangen?“
Jean
Ein wenig; aber ich habe viel Romane gelesen und bin viel im Theater gewesen. Außerdem habe ich feine Leute reden hören, und von ihnen habe ich am meisten gelernt.
Stichwort: „… ihnen habe ich am meisten gelernt.“
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