(Das Wohnzimmer auf Rosmersholm, spät am Abend. Rebekka West hat gestanden, dass sie Rosmers Frau Beate in den Tod getrieben hat. Ihre Reisetasche ist gepackt.)
Rebekka
Rosmer, hör mich an. Sprechen wir uns hierüber aus. Es ist das letzte Mal. (Sie setzt sich auf einen Stuhl neben dem Sofa.) Ich hatte die Absicht, dir über all das zu schreiben, – nach meiner Rückkehr in die Finnmark. Aber es ist wohl das Beste, ich sag es dir jetzt gleich.
Stichwort: „… ich sag es dir jetzt gleich.“
Rosmer
Hast du mir noch ein Geständnis zu machen?
Stichwort: „… mir noch ein Geständnis zu machen?“
Rebekka
Ja, das größte!
Stichwort: „Ja, das größte!“
Rosmer
Das größte?
Stichwort: „Das größte?“
Rebekka
Das, was du nie geahnt hast. Was allem andern Licht und Schatten gibt.
Stichwort: „… allem andern Licht und Schatten gibt.“
Rosmer (Schüttelt den Kopf.)
Ich versteh dich gar nicht.
Stichwort: „Ich versteh dich gar nicht.“
Rebekka
Es ist wahr, ich hab einmal meine Netze ausgeworfen, um hier auf Rosmersholm Einlass zu erhalten. Denn ich glaubte, hier würd ich wohl mein Glück machen. Du begreifst – auf die ein oder andre Weise.
Stichwort: „… auf die ein oder andre Weise.“
Rosmer
Und was du erreichen wolltest, hast du erreicht.
Stichwort: „… du erreichen wolltest, hast du erreicht.“
Rebekka
Ich glaube, damals hätt ich alles erreicht. Denn da hatt ich noch meinen ungebändigten freigebornen Willen. Rücksichten kannt ich nicht. Menschliche Verhältnisse schreckten mich nicht... Aber dann begann das, was meinen Willen gebrochen und mich Zeit meines Lebens so jämmerlich feig gemacht hat.
Stichwort: „… Lebens so jämmerlich feig gemacht hat.“
Rosmer
Was begann? Rede so, dass ich dich verstehn kann.
Stichwort: „… so, dass ich dich verstehn kann.“
Rebekka
Da kam es über mich – dies wilde unbezwingliche Verlangen –! O Rosmer –!
Stichwort: „… unbezwingliche Verlangen –! O Rosmer –!“
Rosmer
Verlangen? Du hattest –! Wonach?
Stichwort: „Verlangen? Du hattest –! Wonach?“
Rebekka
Nach dir.
Stichwort: „Nach dir.“
Rosmer (Will aufspringen.)
Was sagst du!
Stichwort: „Was sagst du!“
Rebekka (Hält ihn zurück.)
Bleib sitzen, Liebster. Hör weiter.
Stichwort: „Bleib sitzen, Liebster. Hör weiter.“
Rosmer
Und du willst behaupten – du hättest mich geliebt – in der Weise!
Stichwort: „… mich geliebt – in der Weise!“
Rebekka
Damals glaubt ich, es müsste Liebe genannt werden. Und ich hielt es auch für Liebe. Aber es war keine. Es war so, wie ich sagte. Ein wildes unbezwingliches Verlangen.
Stichwort: „… ich sagte. Ein wildes unbezwingliches Verlangen.“
Rosmer (Mit Mühe.)
Rebekka, – bist du es selbst, – bist du es wirklich selbst, von der du dies alles erzählst!
Stichwort: „… von der du dies alles erzählst!“
Rebekka
Ja, was meinst du denn, Rosmer!
Stichwort: „Ja, was meinst du denn, Rosmer!“
Rosmer
Also darum, – von dieser Leidenschaft gestachelt, – hast du gehandelt, wie dus nennst.
Stichwort: „… hast du gehandelt, wie dus nennst.“
Rebekka
Es kam über mich wie ein Sturm am Meere. Wie einer jener Orkane, wie wir sie zur Winterzeit da oben im Norden haben. Er packt einen, – und reißt einen mit fort, – so weit er will. An Widerstand kein Gedanke.
Stichwort: „… er will. An Widerstand kein Gedanke.“
Rosmer
Und dieser Sturm fegte die unglückliche Beate hinab in den Mühlbach.
Stichwort: „… unglückliche Beate hinab in den Mühlbach.“
Rebekka
Ja, denn zu der Zeit wars zwischen Beate und mir ein Kampf auf Leben und Tod, – wie wenn auf einem Wrack zwei Schiffbrüchige miteinander ringen.
Stichwort: „… einem Wrack zwei Schiffbrüchige miteinander ringen.“
Rosmer
Und du warst ja die Stärkste auf Rosmersholm. Stärker als Beate und ich zusammen.
Stichwort: „… Stärker als Beate und ich zusammen.“
Rebekka
Dich kannt ich genügend, um zu wissen: kein Weg führte zu dir, solange du unfrei warst in deinen Verhältnissen – und in deinem Denken.
Stichwort: „… Verhältnissen – und in deinem Denken.“
Rosmer
Aber ich begreife dich nicht, Rebekka. Du, – du selbst, – dein ganzes Verhalten – alles ist mir ein unlösbares Rätsel. Jetzt bin ich ja frei, – in meinem Denken und in meinen Verhältnissen. Du stehst nun nah an dem Ziel, das du dir von Anfang an gesetzt hattest. Und dennoch –!
Stichwort: „… an gesetzt hattest. Und dennoch –!“
Rebekka
Nie war ich dem Ziel ferner als jetzt.
Stichwort: „… ich dem Ziel ferner als jetzt.“
Rosmer
– und dennoch, sag ich, – als ich dich gestern fragte, – dich bat: werde mein Weib, – da schriest du wie erschreckt auf: mein Weib könntest du niemals werden!
Stichwort: „… mein Weib könntest du niemals werden!“
Rebekka
Rosmer, da schrie ich in Verzweiflung auf.
Stichwort: „… da schrie ich in Verzweiflung auf.“
Rosmer
Warum?
Stichwort: „Warum?“
Rebekka
Weil Rosmersholm mich gelähmt hat. Meinem kraftvollen Willen sind hier die Schwungfedern beschnitten. Und gebrochen! Für mich ist die Zeit dahin, wo ich den Mut hatte, alles, alles zu wagen. Rosmer, ich habe die Kraft zum Handeln verloren.
Stichwort: „… habe die Kraft zum Handeln verloren.“
Rosmer
Sage mir, wie das gekommen ist.
Stichwort: „Sage mir, wie das gekommen ist.“
Rebekka
Durch mein Zusammenleben mit dir.
Stichwort: „Durch mein Zusammenleben mit dir.“
Rosmer
Aber wie? Wie denn?
Stichwort: „Aber wie? Wie denn?“
Rebekka
Als ich hier allein mit dir war, – und als du wieder du selbst geworden –
Stichwort: „… du wieder du selbst geworden –“
Rosmer
Ja, ja?
Stichwort: „Ja, ja?“
Rebekka
– denn niemals warst du ganz du selbst, solange Beate lebte –
Stichwort: „… du selbst, solange Beate lebte –“
Rosmer
Leider, darin hast du recht.
Stichwort: „Leider, darin hast du recht.“
Rebekka
Aber als ich dann hier zusammen mit dir lebte, – in der Stille, – in der Einsamkeit, – als du mir rückhaltlos all deine Gedanken gabst, – jede Stimmung, so zart und so fein wie du selbst sie empfandest – da vollzog sich die große Wandlung. Du begreifst: ganz allmählich. Fast unmerklich, – aber zuletzt mit so überwältigender Macht –! Bis auf den innersten Grund meiner Seele.
Stichwort: „… auf den innersten Grund meiner Seele.“
Rosmer
O, Rebekka, was ist das!
Stichwort: „O, Rebekka, was ist das!“
Rebekka
All das andre, – jenes hässliche sinnenberauschende Verlangen, das entrückte mir so weit, so weit! All diese empörten Mächte beruhigten sich, wurden friedlich und stumm. Eine Gemütsruhe kam über mich, – eine Stille, wie bei uns da oben auf einem Vogelberg unter der Mitternachtssonne.
Stichwort: „… auf einem Vogelberg unter der Mitternachtssonne.“
Rosmer
Sage mir noch mehr. Alles, was du zu sagen hast.
Stichwort: „… Alles, was du zu sagen hast.“
Rebekka
Es ist nicht viel mehr, Lieber. Nur dies eine noch, dass dann die Liebe kam. Jene große entsagende Liebe, die sich mit dem Zusammenleben begnügt; derart, wie es zwischen uns beiden war.
Stichwort: „… wie es zwischen uns beiden war.“
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