Frau Alving und Pastor Manders: „Gespensterartig“

Dialog · 2 Personen · Naturalismus · Prosa (Übersetzung Marie von Borch)

Frau Alving und Pastor Manders: Aber ich glaube beinahe, Pastor Manders, wir alle sind Gespenster.

aus Gespenster (1881) von Henrik Ibsen · II. Aufzug (Ausschnitt)

Originaltext · Gespenster, Henrik Ibsen (1881)Ausschnitt
Dauer
ca. 3,5 Mingeschätzt, 441 Wörter
Umfang
441 WörterPastor Manders · Frau Alving
Figur
w + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 40–65redaktionelle Einschätzung
Tonlage
nüchternernst & dramatisch
Sprache
Prosa (Übersetzung Marie von Borch)behutsam modernisiert
PDF-Optionen
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(Das Gartenzimmer auf Frau Alvings Landgut an einem Fjord, nach dem Mittagessen; draußen liegt Regennebel. Vor dem Essen haben Frau Alving und Pastor Manders gehört, wie ihr Sohn Oswald im Speisezimmer dem Dienstmädchen Regine nachstellte, wie einst ihr verstorbener Mann Regines Mutter. Regine ist die Tochter des Verstorbenen. Frau Alving hat gesagt, wäre sie nicht so feige, würde sie Oswald raten, Regine zu heiraten; Manders ist entsetzt.)

Pastor Manders

Dass Sie aber zu sagen wagen, es sei nur Feigheit Ihrerseits – –!

Stichwort: „… sei nur Feigheit Ihrerseits – –!“

Frau Alving

Jetzt sollen Sie hören, wie ich es meine! Ich bin furchtsam und scheu, weil in mir etwas von diesem Gespensterartigen steckt, das ich niemals so recht loswerden kann.

Stichwort: „… ich niemals so recht loswerden kann.“

Pastor Manders

Wie nannten Sie es?

Stichwort: „Wie nannten Sie es?“

Frau Alving

Gespensterartig. Als ich Regine und Oswald da drinnen hörte, war mir’s, als sähe ich Gespenster vor mir. Aber ich glaube beinahe, Pastor Manders, wir alle sind Gespenster. Es ist nicht allein das, was wir von Vater und Mutter geerbt haben, das in uns umgeht. Es sind allerhand alte, tote Ansichten und aller mögliche alte Glaube und dergleichen. Es lebt nicht in uns; aber es steckt in uns und wir können es nicht loswerden. Wenn ich nur eine Zeitung in die Hand nehme, um daraus zu lesen, so ist’s mir schon, als sähe ich die Gespenster zwischen den Zeilen umherschleichen. Im ganzen Lande müssen Gespenster leben. Mir ist’s, als müssten sie so dicht sein, wie der Sand am Meer. Und dann sind wir alle miteinander ja so gottsjämmerlich lichtscheu.

Stichwort: „… alle miteinander ja so gottsjämmerlich lichtscheu.“

Pastor Manders

Aha! Da haben wir also die Ausbeute Ihrer Lektüre. Schöne Früchte in der Tat! O, diese abscheulichen, aufrührerischen, freigeistigen Schriften!

Stichwort: „… O, diese abscheulichen, aufrührerischen, freigeistigen Schriften!“

Frau Alving

Sie irren, lieber Pastor. Sie selbst sind der Mann, der mich zum Denken geführt hat, und dafür danke ich Ihnen!

Stichwort: „… hat, und dafür danke ich Ihnen!“

Pastor Manders

Ich!

Stichwort: „Ich!“

Frau Alving

Ja; als Sie mich in das hineinzwängten, was Sie Pflicht und Schuldigkeit nannten; als Sie das als recht und wahr lobpriesen, wogegen meine ganze Seele sich als etwas Widerliches empörte. Da war es, dass ich Ihre Lehren an meinem eigenen Saum prüfen wollte. Nur einen einzigen, kleinen Stich gedachte ich aufzuziehen; aber als ich den gelöst hatte, riss das Ganze auf. – Und da sah ich, dass alles nur Maschinennähterei sei!

Stichwort: „… ich, dass alles nur Maschinennähterei sei!“

Pastor Manders (Leise, erschüttert.)

Sollte das der Gewinn aus dem schwersten Kampf meines Lebens gewesen sein?

Stichwort: „… schwersten Kampf meines Lebens gewesen sein?“

Frau Alving

Nennen Sie es lieber Ihre traurigste Niederlage!

Stichwort: „… Sie es lieber Ihre traurigste Niederlage!“

Pastor Manders

Es war der größte Sieg meines Lebens, Helene; der Sieg über mich selbst.

Stichwort: „… Helene; der Sieg über mich selbst.“

Frau Alving

Es war ein Verbrechen gegen uns beide.

Stichwort: „… war ein Verbrechen gegen uns beide.“

Pastor Manders

Dass ich Ihnen gebot und sagte: »Weib, geh’ heim zu deinem angetrauten Gatten,« als Sie wie im Wahnsinn zu mir kamen und riefen: »hier bin ich, nimm mich!« War das ein Verbrechen?

Stichwort: „… nimm mich!« War das ein Verbrechen?“

Frau Alving

In meinen Augen, ja!

Stichwort: „In meinen Augen, ja!“

Pastor Manders

Wir verstehen einander nicht.

Stichwort: „Wir verstehen einander nicht.“

Frau Alving

Wenigstens jetzt nicht mehr.

Stichwort: „Wenigstens jetzt nicht mehr.“

Pastor Manders

Niemals, – niemals, nicht einmal in meinen geheimsten Gedanken habe ich anders an Sie gedacht, als an die Gattin meines Freundes.

Stichwort: „… als an die Gattin meines Freundes.“

Frau Alving

Glauben Sie selbst das?

Stichwort: „Glauben Sie selbst das?“

Pastor Manders

Helene –!

Stichwort: „Helene –!“

Frau Alving

Man verliert sich selbst so leicht aus dem Gedächtnis!

Stichwort: „… selbst so leicht aus dem Gedächtnis!“

Pastor Manders

Ich nicht. Ich bin derselbe, der ich immer war.

Stichwort: „… bin derselbe, der ich immer war.“

Frau Alving (Schlägt einen andern Ton an.)

Ja, ja, ja; – sprechen wir nicht mehr von alten Zeiten. Jetzt sitzen Sie bis über die Ohren in Kommissionen und Ämtern; und ich gehe hier umher und kämpfe mit sichtbaren und unsichtbaren Gespenstern.

Stichwort: „… kämpfe mit sichtbaren und unsichtbaren Gespenstern.“

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

Spielhinweise

  • Das Bild der Gespenster ist keine Spukgeschichte: Gemeint sind alte Ansichten und Glaubenssätze, die in den Menschen weiterleben. Sprich es nüchtern.
  • Die Szene verschiebt sich vom Grundsätzlichen ins Persönliche. Manders’ „Helene –!“ ist der Moment, in dem die alte Liebe im Raum steht.
  • Beide sind höflich und gebildet; der Konflikt läuft unter der Oberfläche. Vgl. Subtext.
  • Für ein Szenenstudium mit reifen Figuren gut geeignet; die Hervorhebungen der Vorlage (kursiv) zeigen Ibsens Betonungen.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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