Der junge Herr und die junge Frau: „Ich danke Ihnen.“

Dialog · 2 Personen · Jahrhundertwende · Prosa (Wiener Umgangston)

Der junge Herr (Alfred) und die junge Frau (Emma): Ich habe Ihnen gesagt: Fünf Minuten … Nein, länger nicht

aus Reigen (1903) von Arthur Schnitzler · 4. Dialog „Der junge Herr und die junge Frau“ (Anfang)

Originaltext · Reigen, Arthur Schnitzler (1903)Ausschnitt
Dauer
ca. 4 Mingeschätzt, 428 Wörter
Umfang
428 WörterDer junge Herr · Die junge Frau
Figur
w + m · 2 Personen
Spielalter
ca. 20–38redaktionelle Einschätzung
Tonlage
nervöstragikomisch
Sprache
Prosa (Wiener Umgangston)behutsam modernisiert
PDF-Optionen
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(Abend. — Ein mit banaler Eleganz möblierter Salon in einem Hause der Schwindgasse. Der junge Herr ist eben eingetreten, zündet, während er noch den Hut auf dem Kopf und den Überzieher an hat, die Kerzen an. Dann öffnet er die Tür zum Nebenzimmer und wirft einen Blick hinein. Von den Kerzen des Salons geht der Lichtschein über das Parkett bis zu einem Himmelbett, das an der abschließenden Wand steht. Von dem Kamin in einer Ecke des Schlafzimmers verbreitet sich ein rötlicher Lichtschein auf die Vorhänge des Bettes. — Der junge Herr besichtigt auch das Schlafzimmer. Von dem Trumeau nimmt er einen Sprayapparat und bespritzt die Bettpolster mit feinen Strahlen von Veilchenparfüm. Dann geht er mit dem Sprayapparat durch beide Zimmer und drückt unaufhörlich auf den kleinen Ballon, so dass es bald überall nach Veilchen riecht. Dann legt er Überzieher und Hut ab. Er setzt sich auf das blausamtene Fauteuil, zündet sich eine Zigarette an und raucht. Nach einer kleinen Weile erhebt er sich wieder und vergewissert sich, dass die grünen Jalousien geschlossen sind. Plötzlich geht er wieder ins Schlafzimmer, öffnet die Lade des Nachtkästchens. Er fühlt hinein und findet eine Schildkrothaarnadel. Er sucht nach einem Ort, sie zu verstecken, gibt sie endlich in die Tasche seines Überziehers. Dann öffnet er einen Schrank, der im Salon steht, nimmt eine silberne Tasse mit einer Flasche Cognac und zwei Likörgläschen heraus, stellt alles auf den Tisch. Er geht wieder zu seinem Überzieher, aus dem er jetzt ein kleines weißes Päckchen nimmt. Er öffnet es und legt es zum Cognac; geht wieder zum Schrank, nimmt zwei kleine Teller und Essbestecke heraus. Er entnimmt dem kleinen Paket eine glasierte Kastanie und isst sie. Dann schenkt er sich ein Glas Cognac ein und trinkt es rasch aus. Dann sieht er auf seine Uhr. Er geht im Zimmer auf und ab. — Vor dem großen Wandspiegel bleibt er eine Weile stehen, richtet mit seinem Taschenkamm das Haar und den kleinen Schnurrbart. — Er geht nun zur Vorzimmertür und horcht. Nichts regt sich. Dann zieht er die blauen Portièren, die vor der Schlafzimmertür angebracht sind, zusammen. Es klingelt. Der junge Herr fährt leicht zusammen. Dann setzt er sich auf den Fauteuil und erhebt sich erst, als die Tür geöffnet wird und die junge Frau eintritt.)

(Die junge Frau dicht verschleiert, schließt die Tür hinter sich, bleibt einen Augenblick stehen, indem sie die linke Hand aufs Herz legt, als müsse sie eine gewaltige Erregung bemeistern.)

Der junge Herr (Tritt auf sie zu, nimmt ihre linke Hand und drückt auf den weißen, schwarz tamburierten Handschuh einen Kuss. Er sagt leise.)

Ich danke Ihnen.

Stichwort: „Ich danke Ihnen.“

Die junge Frau

Alfred — Alfred!

Stichwort: „Alfred — Alfred!“

Der junge Herr

Kommen Sie, gnädige Frau.... Kommen Sie, Frau Emma....

Stichwort: „… gnädige Frau.... Kommen Sie, Frau Emma....“

Die junge Frau

Lassen Sie mich noch eine Weile — bitte.... oh bitte sehr, Alfred!

Stichwort: „… — bitte.... oh bitte sehr, Alfred!“

(Sie steht noch immer an der Tür.)

(Der junge Herr steht vor ihr, hält ihre Hand.)

Die junge Frau

Wo bin ich denn eigentlich?

Stichwort: „Wo bin ich denn eigentlich?“

Der junge Herr

Bei mir.

Stichwort: „Bei mir.“

Die junge Frau

Dieses Haus ist schrecklich, Alfred.

Stichwort: „Dieses Haus ist schrecklich, Alfred.“

Der junge Herr

Warum denn? Es ist ein sehr vornehmes Haus.

Stichwort: „… Es ist ein sehr vornehmes Haus.“

Die junge Frau

Ich bin zwei Herren auf der Stiege begegnet.

Stichwort: „… zwei Herren auf der Stiege begegnet.“

Der junge Herr

Bekannte?

Stichwort: „Bekannte?“

Die junge Frau

Ich weiß nicht. Es ist möglich.

Stichwort: „Ich weiß nicht. Es ist möglich.“

Der junge Herr

Pardon, gnädige Frau — aber Sie kennen doch Ihre Bekannten.

Stichwort: „… aber Sie kennen doch Ihre Bekannten.“

Die junge Frau

Ich habe ja gar nichts gesehen.

Stichwort: „Ich habe ja gar nichts gesehen.“

Der junge Herr

Aber wenn es selbst Ihre besten Freunde waren, — sie können ja Sie nicht erkannt haben. Ich selbst … wenn ich nicht wüsste, dass Sie es sind .... dieser Schleier —.

Stichwort: „… es sind .... dieser Schleier —.“

Die junge Frau

Es sind zwei.

Stichwort: „Es sind zwei.“

Der junge Herr

Wollen Sie nicht ein bisschen näher? .... Und Ihren Hut legen Sie doch wenigstens ab!

Stichwort: „… Hut legen Sie doch wenigstens ab!“

Die junge Frau

Was fällt Ihnen ein, Alfred? Ich habe Ihnen gesagt: Fünf Minuten .... Nein, länger nicht .... ich schwöre Ihnen —

Stichwort: „… nicht .... ich schwöre Ihnen —“

Der junge Herr

Also den Schleier —

Stichwort: „Also den Schleier —“

Die junge Frau

Es sind zwei.

Stichwort: „Es sind zwei.“

Der junge Herr

Nun ja, beide Schleier — ich werde Sie doch wenigstens sehen dürfen.

Stichwort: „… werde Sie doch wenigstens sehen dürfen.“

Die junge Frau

Haben Sie mich denn lieb, Alfred?

Stichwort: „Haben Sie mich denn lieb, Alfred?“

Der junge Herr (Tief verletzt.)

Emma — Sie fragen mich ....

Stichwort: „Emma — Sie fragen mich ....“

Die junge Frau

Es ist hier so heiß.

Stichwort: „Es ist hier so heiß.“

Der junge Herr

Aber Sie haben ja Ihre Pelzmantille an — Sie werden sich wahrhaftig verkühlen.

Stichwort: „… — Sie werden sich wahrhaftig verkühlen.“

Die junge Frau (Tritt endlich ins Zimmer, wirft sich auf den Fauteuil.)

Ich bin totmüd’.

Stichwort: „Ich bin totmüd’.“

Der junge Herr

Erlauben Sie:

Stichwort: „Erlauben Sie:“

(Er nimmt ihr die Schleier ab; nimmt die Nadel aus ihrem Hut, legt Hut, Nadel, Schleier beiseite.)

(Die junge Frau lässt es geschehen.)

(Der junge Herr steht vor ihr, schüttelt den Kopf.)

Die junge Frau

Was haben Sie?

Stichwort: „Was haben Sie?“

Der junge Herr

So schön waren Sie noch nie.

Stichwort: „So schön waren Sie noch nie.“

Die junge Frau

Wieso?

Stichwort: „Wieso?“

Der junge Herr

Allein .... allein mit Ihnen — Emma —

Stichwort: „… allein mit Ihnen — Emma —“

(Er lässt sich neben ihrem Fauteuil nieder, auf ein Knie, nimmt ihre beiden Hände und bedeckt sie mit Küssen.)

Die junge Frau

Und jetzt .... lassen Sie mich wieder gehen. Was Sie von mir verlangt haben, hab’ ich getan.

Stichwort: „… mir verlangt haben, hab’ ich getan.“

(Der junge Herr lässt seinen Kopf auf ihren Schoß sinken.)

Die junge Frau

Sie haben mir versprochen, brav zu sein.

Stichwort: „… haben mir versprochen, brav zu sein.“

Der junge Herr

Ja.

Stichwort: „Ja.“

Die junge Frau

Man erstickt in diesem Zimmer.

Stichwort: „Man erstickt in diesem Zimmer.“

Der junge Herr (Steht auf.)

Noch haben Sie Ihre Mantille an.

Stichwort: „Noch haben Sie Ihre Mantille an.“

Die junge Frau

Legen Sie sie zu meinem Hut.

Stichwort: „Legen Sie sie zu meinem Hut.“

(Der junge Herr nimmt ihr die Mantille ab und legt sie gleichfalls auf den Divan.)

Die junge Frau

Und jetzt — adieu —

Stichwort: „Und jetzt — adieu —“

Der junge Herr

Emma —! — Emma! —

Stichwort: „Emma —! — Emma! —“

Die junge Frau

Die fünf Minuten sind längst vorbei.

Stichwort: „Die fünf Minuten sind längst vorbei.“

Der junge Herr

Noch nicht eine! —

Stichwort: „Noch nicht eine! —“

Die junge Frau

Alfred, sagen Sie mir einmal ganz genau, wie spät es ist.

Stichwort: „… ganz genau, wie spät es ist.“

Der junge Herr

Es ist punkt viertel sieben.

Stichwort: „Es ist punkt viertel sieben.“

Die junge Frau

Jetzt sollte ich längst bei meiner Schwester sein.

Stichwort: „… ich längst bei meiner Schwester sein.“

Der junge Herr

Ihre Schwester können Sie oft sehen ....

Stichwort: „… Schwester können Sie oft sehen ....“

Die junge Frau

Oh Gott, Alfred, warum haben Sie mich dazu verleitet.

Stichwort: „… warum haben Sie mich dazu verleitet.“

Der junge Herr

Weil ich Sie .... anbete, Emma.

Stichwort: „Weil ich Sie .... anbete, Emma.“

Die junge Frau

Wie vielen haben Sie das schon gesagt?

Stichwort: „… vielen haben Sie das schon gesagt?“

Der junge Herr

Seit ich Sie gesehen, niemandem.

Stichwort: „Seit ich Sie gesehen, niemandem.“

Die junge Frau

Was bin ich für eine leichtsinnige Person! Wer mir das vorausgesagt hätte… noch vor acht Tagen… noch gestern…

Stichwort: „… noch vor acht Tagen… noch gestern…“

Der junge Herr

Und vorgestern haben Sie mir ja schon versprochen…

Stichwort: „… haben Sie mir ja schon versprochen…“

Die junge Frau

Sie haben mich so gequält. Aber ich habe es nicht tun wollen. Gott ist mein Zeuge — ich habe es nicht tun wollen… Gestern war ich fest entschlossen… Wissen Sie, dass ich Ihnen gestern Abends sogar einen langen Brief geschrieben habe?

Stichwort: „… sogar einen langen Brief geschrieben habe?“

Der junge Herr

Ich habe keinen bekommen.

Stichwort: „Ich habe keinen bekommen.“

Die junge Frau

Ich habe ihn wieder zerrissen. Oh, ich hätte Ihnen lieber diesen Brief schicken sollen.

Stichwort: „… Ihnen lieber diesen Brief schicken sollen.“

Der junge Herr

Es ist doch besser so.

Stichwort: „Es ist doch besser so.“

Die junge Frau

Oh nein, es ist schändlich… von mir. Ich begreife mich selber nicht. Adieu, Alfred, lassen Sie mich.

Stichwort: „… nicht. Adieu, Alfred, lassen Sie mich.“

(Der junge Herr umfasst sie und bedeckt ihr Gesicht mit heißen Küssen.)

Die junge Frau

So… halten Sie Ihr Wort…

Stichwort: „So… halten Sie Ihr Wort…“

Der junge Herr

Noch einen Kuss — noch einen.

Stichwort: „Noch einen Kuss — noch einen.“

Die junge Frau

Den letzten.

Stichwort: „Den letzten.“

(Er küsst sie; sie erwidert den Kuss; ihre Lippen bleiben lange aneinandergeschlossen.)

Lernmodus: Nur die Anfangsbuchstaben sind sichtbar. Tippe auf einen Vers oder Satz, um ihn aufzudecken.

Ende der Szene · Ganzes Stück lesen (öffnet neuen Tab)

Spielhinweise

  • Die lange stumme Szene am Anfang (Kerzen, Veilchenparfüm, Haarnadel) ist eine eigene Aufgabe: Erzählt die Erwartung des jungen Herrn nur mit Handlungen.
  • Beide spielen eine Rolle für den anderen: sie die Zögernde, er den Ergebenen. Der Subtext sagt jedes Mal etwas anderes als der Satz.
  • Schnitzlers Punkte und Gedankenstriche sind genaue Zeichen für Zögern, Abbrechen und Ausweichen. Nehmt sie ernst.
  • Der Ausschnitt endet mit einem langen Kuss. Küsse und Berührungen vorher absprechen und choreografieren; im professionellen Rahmen hilft eine Intimitätskoordination.

Vorsprech-Set

Als Kontrast dazu

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